1982Albumvorschlag
Love Over Gold
Dire Straits
Ein Album, das sich weigerte, fürs Radio gebaut zu werden.
Fünf Tracks auf einundvierzig Minuten, keines kürzer als fünf Minuten fünfzig. 1982 war das eine Zumutung für jeden Radioredakteur. Die Platte ging trotzdem in acht Ländern auf Platz eins – und die Single, die daraus wurde, dauert sechs Minuten sechsundvierzig.
- Laufzeit41 Minuten
- Titel5
- Jahr1982
- AufgenommenPower Station, New York
Hörprobe · 31 Sekunden
Mark Knopfler saß vorn im Tourbus. Vor ihm lief die Telegraph Road durch die Vororte von Detroit, siebzig Meilen geradeaus. Auf seinen Knien lag ein Roman von Knut Hamsun – die Geschichte eines Mannes, der in eine leere Landschaft geht und anfängt, sie urbar zu machen. Er legte beides zusammen. Die Frage dabei war die eines Lesers, nicht die eines Songschreibers: Wie fängt so eine Straße eigentlich an? Was daraus wurde, dauert vierzehn Minuten und hört nicht auf.
Tracklist
- Telegraph Road14:18
- Private Investigations6:46
- Industrial Disease5:50
- Love Over Gold6:17
- It Never Rains7:59
Zum Cover
Ein Blitz über einer dunklen Fläche, darüber Bandname und Titel in weit gesperrten Versalien. Kein Porträt, keine Band, kein Hinweis auf einen einzelnen Track. Wer die Hülle 1982 im Laden in die Hand nahm, erfuhr über die Musik darin: nichts.
Über die Entstehung des Bildes ist nichts dokumentiert – weder, ob es eine echte Aufnahme oder eine Montage ist, noch wo sie entstand. Die Credits nennen zwei Fotografen und einen Gestalter, mehr gibt auch die Hülle selbst nicht her.
Als Bild zur Musik ist es trotzdem erstaunlich genau: ein kurzer heller Ausbruch in einer großen dunklen Fläche. Genau so ist die Platte gebaut. „Telegraph Road“ liegt vierzehn Minuten im Halbdunkel, bevor das Solo kommt, und „Private Investigations“ hält sich fast sieben Minuten zurück. Das Cover verspricht keine Lieder. Es verspricht einen Zustand.
Fotografie: Alan Lobel, Peter Cunningham
Gestaltung: Michael Rowe
Label: Vertigo, 1982
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„Es war sehr viel Raum in der Musik auf diesem Album. Es war wirklich eine gemeinsame Arbeit – und ein ganz anderes Unternehmen im Studio als alles, was wir bis dahin kannten.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie Love Over Gold entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Mark Knopfler saß vorn im Tourbus. Vor ihm lief die Straße durch die Vororte von Detroit, Meile um Meile geradeaus: Telegraph Road, rund siebzig Meilen von Nord nach Süd durch Michigan. Auf seinen Knien lag ein Roman von Knut Hamsun, „Segen der Erde“ – die Geschichte eines Mannes, der in eine leere Landschaft geht und anfängt, sie urbar zu machen.
„I was reading a book at the time called The Growth of the Soil and I just put the two together“, hat Knopfler das später in einem Radiointerview erklärt. „It's the same road, and it just went on and on and on forever.“ Die Frage, die dabei entstand, ist die eines Lesers, nicht die eines Songschreibers: Wie fängt so eine Straße eigentlich an? Wer kam hier zuerst an, und was war vorher da?
Der Track wuchs danach nicht am Schreibtisch, sondern in Soundchecks der laufenden Tournee, Abschnitt für Abschnitt zwischen Knopfler und dem Keyboarder Alan Clark. Zum ersten Mal gespielt wurde es im März 1981 – ein volles Jahr, bevor die Aufnahmen begannen.
Zwei Takes, eine Naht
Was daraus wurde, ist vierzehn Minuten und achtzehn Sekunden lang und bis heute das längste Studiostück der Band. Im Studio machte es dann Ärger. John Illsley erinnert sich in seinen Memoiren, dass „Telegraph Road“ nicht in einem Zug durchzuspielen war: Über die Länge ließ die Spannung von Pick Withers' Snare hörbar nach. Neil Dorfsman nahm den Track deshalb in zwei Abschnitten auf und fügte sie anschließend zusammen. Man hört die Naht nicht. Man hört nur eine Straße, die nicht aufhört.
02Wie Love Over Gold entstand
Zwei Jahre vorher war „Making Movies“ erschienen, produziert zusammen mit Jimmy Iovine. Für „Love Over Gold“ produzierte Knopfler zum ersten Mal allein. Aufgenommen wurde vom 8. März bis zum 11. Juni 1982 in der Power Station in New York: gut drei Monate für fünf Tracks.
Neil Dorfsman kommt dazu
Den Toningenieur hatte Knopfler über eine Platte gefunden, die mit Rockmusik nichts zu tun hatte. Neil Dorfsman erzählt es so: „Mark was sort of getting into jazz, and he'd liked a record I'd done with a vibraphonist named Mike Mainieri.“ Gemeint war Mainieris Album „Wanderlust“ von 1981. Mainieri selbst spielte dann auf „Love Over Gold“ mit – Vibrafon und Marimba auf „Private Investigations“ und auf dem Titelstück.
Dorfsman hat auch beschrieben, was sich damit änderte: „Love Over Gold was Mark's baby step into a new kind of music for him. It was very arranged. He was getting into orchestration and heavy use of keyboards, getting away from guitar as the central instrument.“ Eine Band, die vier Jahre zuvor mit „Sultans of Swing“ bekannt geworden war, stellte die Gitarre in die zweite Reihe.
Neben Knopfler, Illsley und Withers spielten Hal Lindes Gitarre und Alan Clark Keyboards; Ed Walsh übernahm die Programmierung der Synthesizer, Bob Ludwig das Mastering. Es sind mehr Namen als auf jeder früheren Dire-Straits-Platte, und man hört das.
03Der Klang
Die Power Station war einmal wirklich eine: ein Gebäude von Consolidated Edison an der West 53rd Street, umgebaut zu einem Studio mit einer großen, holzverkleideten Halle und hoher Decke. Im selben Jahr entstanden dort David Bowies „Let's Dance“ und Roxy Musics „Avalon“.
Was man auf der Platte hört, ist vor allem Abstand. Zwischen den Instrumenten ist Platz, nichts drängt nach vorn, und der Unterschied zwischen der leisesten und der lautesten Stelle ist größer als auf den meisten Rockplatten dieser Jahre. „Telegraph Road“ fängt so leise an, dass man aufdreht, und endet so laut, dass man es bereut. Die amerikanische Fachzeitschrift The Absolute Sound nennt es „a famous, sometimes eerie, sense of air and space“.
Zerbrechendes Glas
Konkret wird das an zwei Stellen. Das Titelstück ist im Kern ein Zwiegespräch zwischen Knopflers Gitarre und Mainieris Vibrafon – zwei Instrumente, die einander zuhören, statt gleichzeitig zu spielen. Und in „Private Investigations“ stehen mitten im Track Geräusche, die keine Instrumente sind: zerbrechendes Glas und ein Türschloss, beides im linken Kanal. Der Track ist als Film gedacht, und Knopfler hat das nie bestritten: „to me it's deliberately movie.“
Dazwischen liegt das Gegenteil von alldem: Stille. Nicht als Pause, sondern als Material. Auf dieser Platte wird oft nichts gespielt, und das ist gehört, nicht vergessen worden.
Hörmoment
Telegraph Road
0:00 – 1:50
Der Track braucht fast zwei Minuten, bevor das Hauptthema einsetzt. Vorher nur Stahlsaitengitarre, Klavier und ein Synthesizerteppich, der kaum über die Hörschwelle kommt.
Wer diese zwei Minuten verliert, weil im Raum noch geredet wird, verliert nicht nur den Anfang. Er verliert das Maß dafür, wie weit der Track bei Minute vierzehn gekommen ist.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Fünf Tracks, im Schnitt acht Minuten und vierzehn Sekunden lang. Das ist keine Konzeptplatte – es gibt keine durchlaufende Geschichte und keine wiederkehrende Figur. Was die Tracks verbindet, ist die Reihenfolge.
„Telegraph Road“ ist die Fahrt hinaus: vierzehn Minuten, die immer weiter vom Ausgangspunkt wegführen. „Private Investigations“ ist die Gegenbewegung, die Nahaufnahme, fast sieben Minuten, in denen kaum etwas passiert. „Industrial Disease“ bricht die Stimmung mutwillig auf – eine Satire auf den Niedergang der britischen Industrie, mit einem Arzt namens Parkinson und einem Kalauer über „Brewers Droop“, die Kneipenband, in der Knopfler und Withers vor Dire Straits gespielt hatten. Dann das Titelstück, leise und jazznah. Dann „It Never Rains“, das endet, ohne etwas aufzulösen.
Robert Christgaus C+
Man kann das auch anders sehen, und das wurde es. Robert Christgau gab der Platte 1982 ein C+ und schrieb, die Arrangements erinnerten an „ELP with blues roots“. David Fricke im Rolling Stone war freundlicher, aber nicht unkritisch: „an ambitious, sometimes difficult record that is exhilarating in its successes and, at the very least, fascinating in its indulgences“ – und dann der Satz, der dem Album bis heute anhängt: „Love over Gold dares to put art before airplay.“
Beide beschreiben dasselbe. Die Platte verlangt etwas. Der Lohn dafür ist, dass die Tracks einander verändern. „Industrial Disease“ ist nach vierzehn Minuten „Telegraph Road“ komischer, als es allein je wäre. „It Never Rains“ funktioniert nur als Schluss. Und „Private Investigations“, sechs Minuten sechsundvierzig lang, wurde ausgerechnet die Single: Platz zwei in Großbritannien, die erste Top-5-Platzierung der Band im eigenen Land. Für die Siebenzoll-Fassung schnitt man die Synthesizer-Ouvertüre am Anfang heraus, rund fünfundfünfzig Sekunden. Genau die Sekunden, um die es geht.
Fast auf diesem Album
Private Dancer
Die Instrumentalspuren wurden während dieser Sessions eingespielt, der Track war für die Platte vorgesehen. Knopfler entschied, dass der Text nicht in einen Männermund gehört. Tina Turner gab seine Begründung später so wieder: „Mark said this song is not for a man, it's a girl's song.“
Zwei Jahre danach wurde daraus das Titelstück ihres Comeback-Albums. Die Dire-Straits-Aufnahme durfte sie aus rechtlichen Gründen nicht verwenden, also spielte die Band den Titel 1983 noch einmal mit ihr ein – ohne Knopfler. Das Gitarrensolo stammt von Jeff Beck.
05Warum es einen Abend trägt
Einundvierzig Minuten, fünf Tracks, keine Stelle, an der man aussteigen könnte, ohne etwas mitzunehmen. Für einen Abend, an dem ein Album am Stück läuft, ist das fast zu passend.
Entschieden wird es in den ersten zwei Minuten. Wenn der Raum dann noch nicht still ist, wird er es auch später nicht, denn die Platte holt niemanden ab. Sie fängt einfach an, sehr weit unten, und wartet nicht. Umgekehrt gilt: Sitzen diese zwei Minuten, sitzt der Rest von allein. Danach muss niemand mehr Aufmerksamkeit aufbringen – sie stellt sich ein.
Pick Withers geht
Und es ist ein Abschied, auch wenn das 1982 noch niemand wusste. Pick Withers verließ die Band im Sommer nach diesen Aufnahmen. Er hat die Gründe selbst benannt: Probleme mit den Ohren und dem Gleichgewicht, und das Gefühl, die Musik entferne sich von dem, wozu ein Schlagzeug noch beitragen könne. Es ist die letzte Platte in der Besetzung, mit der Dire Straits bekannt geworden sind. Man hört eine Band bei etwas, das sie danach nicht mehr zusammen gemacht hat.
Eine gemeinsame Geschichte
Manche Alben gehören nicht zu einer Zeit, sondern zu einer Strecke. Dieses hier ist auf einer Straße entstanden und handelt von einer Straße, und es dauert ungefähr so lange wie eine Fahrt, für die man sich vorgenommen hat, nicht zu telefonieren.
Wer es kennt, kennt es meistens aus einem Auto, aus einem bestimmten Zimmer oder von einer bestimmten Anlage. Selten von überall.
Mit wem würden Sie diese einundvierzig Minuten noch einmal von vorne bis hinten hören?
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