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1977Albumvorschlag

Aja

Steely Dan

Sieben Gitarristen für acht Takte Solo – und ein Saxofonsolo, das nach einer halben Stunde im Kasten war.

Sieben Tracks auf vierzig Minuten, aufgenommen in sechs Studios mit dreißig bis vierzig Musikern. Es gibt keine Band auf dieser Platte. Es gibt zwei Männer, die so lange Leute austauschten, bis es stimmte.

  • Laufzeit40 Minuten
  • Titel7
  • Jahr1977
  • Aufgenommensechs Studios, New York und Los Angeles

Hörprobe · 33 Sekunden

Das Albumcover von Aja: ein Gesicht im Halbprofil in kühlem Grauschwarz, darüber der Albumtitel in roter Kalligrafie.
Steely Dan, Aja, ABC 1977. Fotografie: Hideki Fujii. Modell: Sayoko Yamaguchi. Gestaltung: Patricia Mitsui und Geoff Westen. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Black Cow5:10
  2. Aja7:57
  3. Deacon Blues7:35
  4. Peg3:57
  5. Home at Last5:35
  6. I Got the News5:07
  7. Josie4:33

Zum Cover

Ein Gesicht im Halbprofil, die Augen niedergeschlagen, alles in kühlem Grauschwarz. Darüber der Albumtitel in roter Kalligrafie – der einzige Farbakzent auf der ganzen Fläche.

Fotografiert hat der japanische Modefotograf Hideki Fujii, das Modell ist Sayoko Yamaguchi. Gestaltet wurde die Hülle von Patricia Mitsui und Geoff Westen; der rote Schriftzug wird Mitsui zugeschrieben.

Über die Entstehung des Bildes ist nichts dokumentiert. Ob es eigens für dieses Album aufgenommen oder als bestehendes Bild ausgewählt wurde, wann es entstand, wer es vorschlug – dazu gibt es keine belastbare Quelle. Das ist bemerkenswert bei einer Platte, bei der sonst fast jede Studiostunde verzeichnet ist.

Was das Bild leistet, lässt sich trotzdem beschreiben: Es verrät nichts. Kein Bandfoto, kein Hinweis auf die Musik, keine Stimmung, die man einordnen könnte. Man hält eine Hülle in der Hand, die so kühl und so genau ist wie die Aufnahme darin – und die einem, genau wie die Musik, nicht sagt, woran man ist.

Fotografie: Hideki Fujii
Modell: Sayoko Yamaguchi
Gestaltung: Patricia Mitsui, Geoff Westen
Label: ABC Records, 1977
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.

„Ich weiß noch, wie ich jeden Abend nach Hause fuhr, eine Kassette vom Tagewerk hörte und dachte: Was ist das eigentlich? Es ist nicht wirklich Rock, es ist kein Jazz, aber manchmal wird es jazzig – und manchmal sogar ein bisschen bluesig.“

Bill Schnee Toningenieur der Grundaufnahmen, im Gespräch mit Copper, 2023

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Wie Aja entstand
  3. 03Der Klang
  4. 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
  5. 05Warum es einen Abend trägt

01Der besondere Moment

„Peg“ ist drei Minuten und siebenundfünfzig Sekunden lang. Irgendwo in der zweiten Hälfte steht ein Gitarrensolo von wenigen Takten. Für diese wenigen Takte brauchten Walter Becker und Donald Fagen sechs oder sieben Gitarristen.

Becker versuchte es zuerst selbst. Das Ergebnis gefiel ihm nicht, also wurde es gelöscht. Dann kam Robben Ford für einen Tag. Man lebte eine Weile damit, dann bat man den Toningenieur Elliot Scheiner, auch das zu löschen. Dann Rick Derringer, wieder einen Tag. Auch gelöscht. Scheiner, der es jedes Mal ausführen musste, hat es so beschrieben: „We just spent about six or seven hours on it! It was always defeating to erase something you just did.“ Man muss sich das wörtlich vorstellen. Es gab keine zweite Spur zum Ausweichen. Gelöscht hieß weg, physisch, für immer.

Über die genaue Zahl sind sich die Beteiligten bis heute nicht einig. Fagen zählt in einem Interview vor sich hin und korrigiert sich dabei nach oben: drei oder vier, fünf, sechs oder sieben, acht. Namentlich belegt sind neben Becker selbst Robben Ford und Rick Derringer, dazu vermutlich Larry Carlton und Elliott Randall.

Think Blues from Time to Time

Am Ende rief Roger Nichols einen Studiogitarristen an, den Becker und Fagen nicht kannten. Jay Graydon kam nachts ins Village Recorder, baute eine Gibson ES-335 von 1963 über einen umgebauten Fender Deluxe auf und spielte anderthalb Stunden lang das, was er am besten konnte: melodischen Jazz. Dann sagte Fagen den Satz, der die Sache entschied. Graydon gibt ihn als „Think blues from time to time“ wieder; eine andere Überlieferung lautet „Naw, man. Try to play the blues.“

Danach war es in einem Durchgang fertig, Solo und Ausklang auf einer Spur. Becker: „And then finally Jay Graydon came in, and did it with no difficulty whatsoever.“ Graydon selbst wusste nicht einmal, dass seine Fassung die endgültige war. „When I walked out of the studio at the end of the night, I didn't know it was a keeper. But I turned the radio on one day, and there it was! I thought, 'Hey, I made it!'“

02Wie Aja entstand

1977 war Steely Dan keine Band mehr. Becker und Fagen hatten das Tourleben aufgegeben und arbeiteten nur noch im Studio, mit wechselnder Besetzung für jeden Track. „Aja“ ist das sechste Album und das erste, bei dem diese Arbeitsweise vollständig durchgezogen wurde: sechs Studios in Los Angeles und New York, je nach Quelle dreißig oder knapp vierzig Musiker, Aufnahmen von Januar bis Juli 1977, ein Gesamtprojekt über mehr als ein Jahr.

Das Besondere war weniger das Geld als die Erlaubnis, es auszugeben. Zeit- und Budgetgrenzen waren, wie es im Begleitessay der Library of Congress heißt, schlicht irrelevant. Das Label ließ die beiden gewähren, der Produzent Gary Katz ließ sie gewähren, und die Toningenieure taten, was verlangt wurde, ohne zu fragen. Scheiner: „You could never figure out what it was they were focusing on, and we didn't dare ask.“

Steve Gadds erster Tag

Nicht jeder Track ging so mühsam wie „Peg“. Am ersten Tag mit dem Schlagzeuger Steve Gadd wurden zwei Tracks fertig. Bill Schnee, der die Grundaufnahmen machte: „In came Steve, and I set him up and got a drum sound on him, and on that first day we recorded two songs: boom, and boom.“ Und als Gadd danach hörte, was er selbst gespielt hatte, erkannte er sich nicht wieder. Scheiner erinnert sich: „Steve comes in, we play him the song, he's grooving to the song, the song ends, and he looks up at Donald and says, 'Wow, who's playing drums?'“

Das ist das eigentliche Muster dieser Platte. Es wurde nicht überall gequält. Es wurde so lange gesucht, bis jemand kam, dem es leichtfiel – und dann ging es schnell.

03Der Klang

Aufgenommen wurde auf zwei Zoll breitem Band, vierundzwanzig Spuren, dreißig Zoll in der Sekunde, ohne Rauschunterdrückung. Die Maschine kam von Stephens Electronics, und Bill Schnee nennt sie „the best-sounding multitrack ever made“ – wegen ihrer einfachen Schaltung und weil sie ohne Andruckrolle arbeitete.

Für das Titelstück stand die komplette Band gleichzeitig im Raum. Das Schlagzeug wurde eng mikrofoniert: Bassdrum, Snare, Hi-Hat, Overheads, jedes Tom einzeln – und ausdrücklich keine Raummikrofone, weil das Übersprechen bei so vielen gleichzeitig spielenden Musikern sonst nicht zu beherrschen gewesen wäre. Abgehört wurde über eine einzige Kopfhörermischung für alle, die Schnee im Aufnahmeraum selbst kontrollierte, weil es in der Regie anders klingt.

Chuck Raineys komprimierter Bass

Hier lohnt eine Korrektur, denn über diese Platte kursiert eine hübsche und falsche Behauptung. Es heißt oft, auf „Aja“ sei gar nicht komprimiert worden. Richtig ist: auf dem Schlagzeug nicht, dort lag nur ein wenig Klangregelung. Chuck Raineys Bass und Larry Carltons Gitarrenverstärker wurden komprimiert, und beim Mischen liefen fünf bis sechs Limiter. Gemischt wurde vollständig von Hand, ohne Automation, in Sitzungen von zwölf Stunden, bei denen vier Leute gleichzeitig an Hall und Pegeln drehten.

Und noch eine Korrektur, diesmal vom Verantwortlichen selbst. Wer den Ruf dieser Platte als Vorführplatte technisch begründen will, bekommt von Schnee Gegenwind: Er führt ihn ausdrücklich nicht auf die Aufnahmetechnik zurück, sondern auf „the musicians and the simple, but elegant arrangements“. Der Mann, der die Mikrofone gestellt hat, sagt: Es waren die Leute.

Hörmoment

Aja

Das Schlagzeugsolo in der zweiten Hälfte des Tracks

Es ist das erste Schlagzeugsolo auf einer Steely-Dan-Platte, und es läuft parallel zu Wayne Shorters Saxofon statt danach. Achten Sie auf das trockene Klicken der Stöcke aufeinander – Schnee nennt es den „famous stick click“.

Ob das Solo aus einem Take stammt oder aus zwei zusammengeschnittenen, erinnern die Beteiligten bis heute unterschiedlich. Für eine Platte dieses Rufs ist auch das eine Auskunft.

04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Sieben Tracks auf vierzig Minuten: für 1977 ungewöhnlich wenige und ungewöhnlich lange. Das Titelstück dauert fast acht Minuten und war damals die längste Aufnahme der Band. Es steht nicht am Schluss, wo man so etwas erwarten würde, sondern an zweiter Stelle – direkt nachdem „Black Cow“ den Ton gesetzt hat.

Formal ist es kein Popstück. Der Musikwissenschaftler Don Breithaupt zerlegt „Aja“ in vierundzwanzig einzelne Teile und schreibt, es folge „more to sonata form than Sinatra form“. Der Gitarrist Denny Dias, Gründungsmitglied und hier zum letzten Mal auf einer Steely-Dan-Platte, hat es schöner gesagt: „Its very existence is a contradiction. I mean, when have you ever heard a song on a rock'n'roll record that absolutely cannot be played on a guitar?“

Der Rest der Platte trägt das, indem er dagegenhält. Nach acht Minuten Titelstück kommen siebeneinhalb Minuten „Deacon Blues“, dann vier Minuten „Peg“ – der kompakteste, hellste Moment des Albums, und ausgerechnet der mit dem Solo, das Wochen gekostet hat. Am Schluss steht „Josie“, wieder kurz. Man kommt nicht dort an, wo man losgegangen ist, aber man erkennt die Gegend wieder.

Clinical Coldness, Perfected

Gefeiert wurde das 1977 nicht durchweg. Michael Duffy schrieb im Rolling Stone, das Album liefere Argumente für alle, die Steely Dans Musik für „soulless“ hielten und ihre berechnende Art für das Gegenteil dessen, was Rock sein sollte. Robert Christgau gab ein B+ und räumte ein, die Platte lange abgelehnt zu haben; die Soli fand er weiterhin „too fucking tasty“. Greg Kot nannte den Klang später „clinical coldness… perfected here“. Wer das Album heute auflegt, sollte wissen, dass diese Kälte ein Vorwurf war, bevor sie ein Kompliment wurde.

Fast auf diesem Album

Wayne Shorters Saxofonsolo

Gary Katz fragte Wayne Shorter im Auftrag der Band an. Shorter lehnte ab.

Erst Dick LaPalm, der das Village Recorder leitete und Shorter von Weather-Report-Sitzungen kannte, legte ein gutes Wort ein. Daraufhin schickte man ihm ein Leadsheet, und er sagte zu. Ohne diesen Anruf hätte das Titelstück sein berühmtestes Solo nicht.

05Warum es einen Abend trägt

Vierzig Minuten sind für einen gemeinsamen Hörabend fast ideal: lang genug, dass sich etwas einstellt, kurz genug, dass niemand auf die Uhr sieht. Und dieses Album verlangt weniger als die meisten, die so klingen. Es gibt keine Geschichte zu verfolgen, keine Figur, keinen Bogen, den man verpassen könnte. Es ist einfach außerordentlich gut gemacht.

Genau deshalb funktioniert es in einer Runde, in der sich nicht alle kennen. Niemand muss etwas einordnen oder verstanden haben. Es reicht, dass eine Anlage im Raum steht, die zeigen kann, was hier passiert ist: wie weit die Instrumente auseinanderstehen, wie trocken das Schlagzeug klingt, wie viel Luft zwischen den Dingen bleibt. Dass Händler diese Platte jahrzehntelang zum Vorführen benutzt haben, ist keine Legende.

Pete Christliebs halbe Stunde

Und es gibt eine stille Pointe, die man erst mitbekommt, wenn man die Geschichte kennt. Das berühmteste Saxofonsolo der Platte, Pete Christliebs in „Deacon Blues“, war nach zwei Takes im Kasten. Christlieb über die Sitzung: „I was gone in a half hour.“ Auf demselben Album, für das sieben Gitarristen an wenigen Takten scheiterten. So etwas lässt sich nicht planen, und man hört es der Platte nicht an. Das ist vielleicht das Beste an ihr.

Eine gemeinsame Geschichte

Es gibt Alben, die man in Wohnzimmern kennengelernt hat, in denen man sonst nichts verloren hatte: beim Vater eines Freundes, im Hinterzimmer eines Ladens, bei jemandem, der einem unbedingt etwas zeigen wollte.

Diese Platte ist so eine. Sehr viele Menschen haben sie zum ersten Mal gehört, weil ein anderer darauf bestanden hat.

Mit wem würden Sie diese vierzig Minuten noch einmal von vorne bis hinten hören?