Liebeserklärung Nr. 3 von 5
An die Minute davor.
Bevor ein Ton kommt, lege ich das Band ein.
Die volle Spule kommt auf die linke Achse. Die leere auf die rechte. Dann wickle ich das Band ab, ein Stück, nicht zu viel. Am Tonkopf vorbei. Durch die Führung. Zwischen Andruckrolle und Tonwelle hindurch. Auf die leere Spule. Ein paar Mal um den Kern wickeln. Mit dem Finger festhalten. Einmal kurz drehen, bis es straff ist.
Das dauert ungefähr eine Minute. Abkürzen kann man sie nicht.
Die Hände sind beschäftigt, der Kopf wird ruhig
Ich mag diese Minute sehr. Meine Hände sind beschäftigt. Das Band ist dünn und glatt und will ordentlich behandelt werden. Wenn ich hetze, verdreht es sich. Also hetze ich nicht. Der Atem wird langsamer. Der Kopf wird leiser. Was vom Tag noch nachhallt, tritt einen Schritt zurück.
Bei einem Hörabend passiert diese Minute vor allen Augen. Die Handys liegen schon in der Box. Es gibt nichts anderes zu tun, als zuzuschauen. Genau das ist gewollt. Die Minute davor gehört schon zum Abend.
Ein Übergang, den es sonst kaum noch gibt
Streaming kennt keine Minute davor. Da ist immer schon alles da. Sofort, überall, ohne Anlauf. Das ist bequem. Aber es fehlt der Übergang. Man kommt nie richtig an, weil man nie irgendwo losgegangen ist.
Früher gab es solche Übergänge ständig. Die Platte aus der Hülle ziehen. Die Nadel aufsetzen. Die Kassette umdrehen. Kleine Handgriffe, die gesagt haben: Jetzt kommt etwas. An der Bandmaschine gibt es sie noch. Und sie sind kein Umweg. Sie sind der Weg hinein.
Spotify fragt mich nie, ob ich bereit bin.
Die Bandmaschine schon.
Marcel