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1972Albumvorschlag

The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars

David Bowie

Ein Toningenieur ließ einen Tea Boy Kellogg's-Corn-Flakes-Packungen zu einem Fantasie-Schlagzeug aufbauen, nur um dem zurückkehrenden Drummer zu zeigen, dass er verstanden hatte, was der am Vorgängeralbum bemängelt hatte.

Elf Tracks, zwölf Wochen, eine Figur, die während der Aufnahmen langsam Gestalt annahm und die ihr Erfinder hinterher kaum wieder loswurde. Was man von diesem Album kennt, ist die rot gefärbte Kunstfigur auf dem Cover. Was man seltener hört, ist, wie nüchtern und schnell im Studio dafür gearbeitet wurde.

  • Laufzeitrund 39 Minuten
  • Titel11
  • Jahr1972
  • AufgenommenTrident Studios, London, Juli 1971 und November 1971 bis Februar 1972
Das Albumcover von The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars: David Bowie als Ziggy Stardust, Gitarre über der Schulter, in einer nächtlichen Straße in London, im Hintergrund ein beleuchtetes Ladenschild.
David Bowie, The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars, RCA Victor 1972. Fotografie Brian Ward, Kolorierung Terry Pastor. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Five Years4:43
  2. Soul Love3:34
  3. Moonage Daydream4:40
  4. Starman4:14
  5. It Ain't Easy2:57
  6. Lady Stardust3:21
  7. Star2:47
  8. Hang On to Yourself2:39
  9. Ziggy Stardust3:13
  10. Suffragette City3:25
  11. Rock 'n' Roll Suicide2:58

Zum Cover

Aufgenommen wurde das Bild im Januar 1972 in der Heddon Street im Londoner West End, kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Bowie, verkleidet als Ziggy, steht mit Gitarre in einer nassen, schwach beleuchteten Straße; hinter ihm leuchtet ein Firmenschild mit der Aufschrift „K. West“, das zu einem Pelzhändler im selben Haus gehörte. Für eine gezielte Botschaft dahinter gibt es keinen Beleg – die naheliegende Lesart als Bezug auf „Ziggy“ bleibt Spekulation von Fans.

Fotografiert hat Brian Ward, der leicht einsetzende Regen und das trübe Licht des Abends blieben im Bild erhalten und prägen die kühle, fast beiläufige Stimmung der Aufnahme. Bowie soll an diesem Abend erkältet gewesen sein; die Sitzung war kurz. Koloriert und für den Druck aufbereitet hat anschließend der Illustrator Terry Pastor, der die ursprünglich in Schwarz-Weiß aufgenommenen Bilder von Hand einfärbte – daher der stilisierte, leicht comichafte Farbeindruck des fertigen Covers.

Von der Bühnenfigur, die das Album im Titel trägt, zeigt das Cover noch wenig Auffälliges: keine Blitze im Gesicht, kein extravagantes Kostüm, nur eine schmale Gestalt mit gefärbtem Haar an einer x-beliebigen Straßenecke. Genau das passt zur Geschichte, die das Album erzählt – ein Unbekannter taucht auf und wird zum Star, bevor irgendjemand ihn kommen sieht.

Fotografie: Brian Ward
Kolorierung: Terry Pastor
Label: RCA Victor, 1972
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.

„Ziggy Stardust wurde nie von Anfang an als Konzeptalbum besprochen … Wir haben eine Reihe von Songs aufgenommen – manche passten zusammen, manche nicht.“

Ken Scott Toningenieur und Koproduzent des Albums, im Gespräch über die Entstehung der Platte

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Der Klang
  3. 03Warum es einen Abend trägt
  4. 04Wie Ziggy Stardust entstand
  5. 05Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

01Der besondere Moment

Als Schlagzeuger Mick „Woody“ Woodmansey zu den Sessions bei Trident Studios kam, fand er im Regieraum etwas vor, das aussah wie ein Miniatur-Schlagzeug – zusammengebaut aus leeren Packungen von Kellogg's Corn Flakes. Es war ein Scherz von Toningenieur Ken Scott, eingefädelt über den Tea Boy des Studios: Woodmansey hatte den Schlagzeugklang des Vorgängeralbums Hunky Dory für „zu tot“ befunden und sich einen härteren, rockigeren Sound gewünscht.

Eine Stunde für ein einziges Tom-Tom

Der Scherz war zugleich eine Ansage. Scott nahm den Wunsch ernst: Er dämpfte weniger, stellte die Mikrofonierung um und arbeitete an einem Klang, der mehr Kante hatte als der der Platte davor. Woodmansey hat sich später an eine andere Seite dieser Sorgfalt erinnert: „Ken würde mich manchmal eine Stunde lang an einem Tom-Tom stimmen lassen, damit es, wenn es durch das Pult kam, genau richtig klang.“

Die Szene sagt etwas über die ganze Produktion. Vier Musiker und ein Toningenieur, die sich gegenseitig ernst nahmen, auch wenn sie sich gegenseitig auf den Arm nahmen. Gearbeitet wurde schnell, aber nicht nachlässig – und ein Scherz mit Frühstücksflocken konnte trotzdem eine Stunde Feinarbeit an einer einzelnen Trommel nach sich ziehen.

Belegt ist die Anekdote durch Woodmanseys eigene Erinnerung in einem späteren Interview zur Entstehung der drei Eröffnungstracks. Wann genau im Studio-Alltag der Corn-Flakes-Scherz stattfand, ist nicht überliefert.

04Wie Ziggy Stardust entstand

Der erste Track für das Album, „It Ain't Easy“, entstand bereits am 9. Juli 1971, mitten in den Sessions für Hunky Dory – mit dem später uncredited mitspielenden Rick Wakeman am Cembalo und Dana Gillespie im Background-Gesang. Die eigentlichen Ziggy-Sessions liefen dann vom 8. November 1971 bis zum 4. Februar 1972, wieder bei Trident Studios in London, wo Bowie seit „Space Oddity“ regelmäßig arbeitete. Produziert haben Bowie und Ken Scott gemeinsam; die Band bestand aus Mick Ronson (Gitarre, Klavier, Arrangements), Trevor Bolder (Bass) und Woodmansey am Schlagzeug.

Gearbeitet wurde in einem festen Rhythmus: Montag bis Samstag, ab zwei Uhr nachmittags, bis irgendwann nach Mitternacht Schluss war. „Man musste alles zügig hinbekommen, weil ihm sonst langweilig wurde“, hat Scott über Bowie gesagt. Das galt besonders für den Gesang: Nach Scotts eigener Schätzung waren „ungefähr 95 Prozent der Vocals … erste Takes. Sie sind echt. Sie sind menschlich. Sie berühren einen.“

Vince Taylor als Vorbild

Ein Konzeptalbum im strengen Sinn war zu Beginn nicht geplant. Scott selbst hat das rückblickend klargestellt: „Ziggy Stardust wurde nie von Anfang an als Konzeptalbum besprochen … Wir haben eine Reihe von Songs aufgenommen – manche passten zusammen, manche nicht.“ Die Figur, die dem Album den Namen gibt, entstand eher nebenbei: Bowie wollte, wie er es selbst formuliert hat, „den archetypischen Messias-Rockstar definieren“ und „einen vollkommen glaubwürdigen Plastik-Rockstar verpacken“. Für Name, Kostüm und Auftreten griff er auf ganz unterschiedliches Material zurück: den durchgeknallten Rock'n'Roller Vince Taylor, den Country-Exzentriker Legendary Stardust Cowboy, Kabuki-Theater und Mime-Technik, dazu die Optik von A Clockwork Orange.

Fotografiert wurde das Cover erst mitten in den Sessions, im Januar 1972, an der Heddon Street in London. Veröffentlicht hat RCA Victor das fertige Album am 16. Juni 1972 unter der Katalognummer SF 8287.

Die Figur wird größer als der Musiker

Was im Studio als Rollenspiel begann, ließ sich später kaum wieder zurückdrehen. Über die Zeit auf Tour hat Bowie rückblickend gesagt: „Es war ziemlich leicht, Tag und Nacht von der Figur besessen zu sein. Ich wurde Ziggy Stardust. David Bowie ging völlig zum Fenster hinaus.“ An anderer Stelle, direkter: „Meine ganze Persönlichkeit war betroffen … Ich hatte wirklich Zweifel an meinem Verstand.“

Im Juli 1973, gut ein Jahr nach Erscheinen des Albums, beendete Bowie die Ziggy-Ära bei einem Konzert im Hammersmith Odeon in London abrupt und ohne Vorwarnung an seine eigene Band – ein Nachspiel, das zeigt, wie ernst die auf dieser Platte begonnene Verkleidung irgendwann geworden war.

02Der Klang

Trident Studios arbeitete zu dieser Zeit mit der allerersten gebauten A-Range-Konsole, im Regieraum stand zusätzlich ein Pult von Sound Techniques. Überwacht wurde über Lockwood-Gehäuse mit Tannoy-Chassis, für Hall standen zwei Plattenhallgeräte bereit, für Delays liefen Studer-Bandmaschinen. Bowies Stimme nahm Scott bevorzugt über ein Neumann U67 auf, komprimiert mit einem LA-2A; auf der Gesamtsumme lagen UREI-Kompressoren.

Wie die Arrangements entstanden, beschreibt Scott mit einer Mischung aus Bewunderung und leichtem Kopfschütteln: Ronson habe oft erst am Abend vor einer Session zu schreiben begonnen, manchmal die Streicherarrangements am Morgen der Aufnahme noch im Badezimmer des Studios fertiggestellt. „Eines der besten Dinge an diesen Projekten war, dass er in Daves Kopf drin war“, sagt Scott über Ronson – gemeint ist, wie genau der Gitarrist traf, was Bowie musikalisch vorschwebte, ohne dass viel darüber geredet werden musste.

Das Phasing bei „Moonage Daydream“

Zwei Klangentscheidungen ragen heraus. Bei „Moonage Daydream“ stammt das schwebende Phasing, das den Track trägt, laut Scott nicht aus der Aufnahme, sondern aus seiner eigenen Idee beim Mischen: „Es war das Phasing, das ich beim Mix gemacht habe, das meine eigene Idee war.“ Bei „Suffragette City“ klingt eine Passage, als würde ein Saxophon spielen – ist aber keins. Scott hat mit einem Synthesizer-Sound experimentiert, den Ronson dann einspielte: „Ich habe herumprobiert, den Sound gefunden, und Ronno hat den Part gespielt. Wir waren nicht gezielt auf der Suche nach einem Saxophon-Klang.“

Auch die Übergänge zwischen den Tracks sind Arbeit, nicht Zufall. Scott brach mit der bei Abbey Road üblichen Praxis fester Fünf-Sekunden-Pausen zwischen den Titeln und schnitt die Eröffnungsseite stattdessen so zusammen, dass ein Takt nahtlos in den nächsten überging. Für den Beginn des Albums wünschte sich Bowie ausdrücklich ein Einblenden „aus dem Nichts, ins Nichts“ – Scott hat es so umgesetzt.

Hörmoment

Moonage Daydream

Das leicht taumelnde Phasing, das die zweite Hälfte des Tracks durchzieht, wurde nicht im Aufnahmeraum erzeugt, sondern erst am Mischpult hinzugefügt – eine spontane Entscheidung von Ken Scott, keine geplante Effektspur.

Eine Sekundenangabe steht hier bewusst nicht, weil in keiner geprüften Quelle eine Zeitmarke für diese Stelle genannt wird. Der Effekt ist trotzdem nicht zu überhören, sobald man darauf achtet.

05Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Elf Tracks ohne durchlaufende Handlung, aber mit einer klaren Kontur: Ankunft, Aufstieg, Absturz. „Five Years“ eröffnet mit einem Countdown zum Weltuntergang, „Starman“ verspricht Rettung von außen, die Titelnummer „Ziggy Stardust“ beschreibt den Ruhm der Figur bereits in der Vergangenheitsform, und „Rock 'n' Roll Suicide“ schließt mit einer direkten Anrede ans Publikum. Dass daraus ein Bogen entsteht, ist, wie Scott selbst sagt, nicht am Reißbrett entworfen worden – die Songs fügten sich beim Zusammenstellen zueinander, nicht umgekehrt.

Getragen wird dieser Bogen zusätzlich vom Schnitt: Ohne die Fünf-Sekunden-Pausen, die Scott bewusst wegließ, wirkt vor allem die Eröffnungsseite wie ein einziger, sich steigernder Durchlauf statt wie eine Abfolge einzelner Nummern. Man merkt dem Album an, dass hier vier Musiker in wenigen Wochen aufeinander eingespielt wurden, nicht, dass ein Konzept von oben vorgegeben wurde.

Richard Cromelins Zweifel

Dass diese Machart nicht jeden überzeugte, gehört zur Geschichte dazu. Rolling-Stone-Kritiker Richard Cromelin äußerte bei Erscheinen Zweifel an der Langlebigkeit des Albums, während das US-Magazin Creem es zum selben Zeitpunkt an die Spitze seiner Jahresliste setzte und Lillian Roxon in der New York Sunday News Bowie als „den Elvis der Siebziger“ feierte. Die zeitgenössische Aufnahme war also gespalten – erst im Rückblick setzte sich die Einordnung als Meilenstein des Glam Rock weitgehend durch.

Ein zäher Start

In Großbritannien verkaufte sich das Album in der ersten Woche rund 8.000 Mal – solide, aber kein Sofort-Erfolg. In die Top 10 der britischen Charts kam es erst im Februar 1973, gut acht Monate nach Veröffentlichung, mit Platz 5 als höchster Notierung. In den USA dauerte es noch länger: Dort erreichte die Platte erst im April 1973 Platz 75 der Billboard 200, nachdem der Nachfolger Aladdin Sane bereits für Aufmerksamkeit gesorgt hatte.

Wie viele Exemplare insgesamt verkauft wurden, wird unterschiedlich beziffert; verbreitet ist eine Schätzung von rund 7,5 Millionen weltweit. Als feste Größe lässt sich das nicht belegen, nur als Größenordnung.

03Warum es einen Abend trägt

Rund 39 Minuten, elf Tracks, keiner davon länger als fünf Minuten. Das Album beginnt mit einem eingeblendeten Klavier, das aus der Stille kommt, und endet mit einer Stimme, die direkt zum Hörer spricht: „You're not alone.“ Dazwischen liegt eine Geschichte, die sich nur im Ganzen erschließt – als Fragment gehört, ist sie bloß eine Sammlung guter Songs; am Stück gehört, wird aus der Reihenfolge eine Erzählung von Ankunft und Untergang.

Fast alle Gesänge als erste Takes

Wer die Platte einmal ohne Unterbrechung hört, merkt außerdem etwas, das auf Aufnahmen aus dieser Zeit selten so bewusst gemacht wurde: wie viel von diesem Klang aus Tempo entstanden ist. Fast alle Gesänge sind erste Takes, viele Arrangements wurden über Nacht geschrieben, ein Synthesizer-Klang stand zufällig da, wo eigentlich ein Saxophon erwartet wurde. Nichts davon hört man einzeln heraus, aber die Dringlichkeit, mit der hier gespielt wird, verdankt sich genau diesem Arbeitstempo.

Am Ende bleibt eine Figur zurück, deren Erfinder sie ein Jahr später selbst beerdigt hat, auf offener Bühne, ohne seine eigene Band vorher einzuweihen. Das Album kennt dieses Ende noch nicht – aber wer weiß, wie die Geschichte weiterging, hört „Rock 'n' Roll Suicide“ anders: nicht als Schlusspunkt einer Platte, sondern als erste Ahnung eines Abschieds, der noch bevorstand.

Wie hört sich ein Album an, dessen Hauptfigur ihrem Erfinder am Ende fast entglitten wäre?