2000Albumvorschlag
Voodoo
D’Angelo
Fast drei Jahre lang spielte eine Band im selben Studio dieselben Grooves immer wieder ein – trainiert an Beats eines Produzenten, der im Booklet nirgends auftaucht.
Dreizehn Tracks, fast neunundsiebzig Minuten, fast ausschließlich live eingespielt statt programmiert. Was man von diesem Album kennt, ist ein einziges Musikvideo. Was man seltener kennt, ist die jahrelange, fast quälend genaue Arbeit im Studio darunter.
- Laufzeitrund 79 Minuten
- Titel13
- Jahr2000
- AufgenommenElectric Lady Studios, New York City
Tracklist
- Playa Playa7:07
- Devil's Pie5:21
- Left & Right4:46
- The Line5:15
- Send It On5:57
- Chicken Grease4:36
- One Mo'Gin6:15
- The Root6:33
- Spanish Joint5:44
- Feel Like Makin' Love6:22
- Greatdayndamornin'/Booty7:35
- Untitled (How Does It Feel)7:10
- Africa6:13
„We wanted to play as perfectly as we could, but then deliberately insert the little glitch that makes it sound messed up.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Der Klang
- 03Warum es einen Abend trägt
- 04Wie Voodoo entstand
- 05Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
01Der besondere Moment
Electric Lady Studios in Greenwich Village wurde Ende der Sechziger von Jimi Hendrix gebaut und Anfang der Siebziger eröffnet – er selbst hat den Ort kaum genutzt, bevor er starb. Fast drei Jahrzehnte später sitzt dort nachts eine Band aus Musikerinnen und Musikern, die später als „Soulquarians“ bekannt wird, und spielt sich, so schildert es Toningenieur Russell Elevado, durch Coverversionen von Hendrix-Stücken. Aus einer dieser Sitzungen wächst kein Cover, sondern ein eigener Track: „The Root“. Elevado dazu: „It came from those jams, for sure.“
Stundenlanges gemeinsames Spielen
Das ist die Arbeitsweise, aus der praktisch das ganze Album entsteht: kein fertiges Stück, das eingespielt wird, sondern ein gemeinsames, stundenlanges Spielen, aus dem sich hinterher herauskristallisiert, was ein Track wird. Für „Voodoo“ ist das mehr als eine Anekdote – es ist die Methode, die dem Album seinen unverwechselbaren, leicht taumeligen Groove gibt.
Belegt ist die Episode durch Elevados eigene Schilderung; wie viele Hendrix-Stücke gespielt wurden und an welchem genauen Abend „The Root“ entstand, ist nicht überliefert.
04Wie Voodoo entstand
D’Angelos zweites Album folgte auf sein 1995 erschienenes Debüt „Brown Sugar“ – mit deutlich mehr Zeit dazwischen, als eine Plattenfirma sich normalerweise wünscht. Erste Sessions reichen bis in die späten Neunziger zurück, konzentriert wurde vor allem 1998 und 1999 im Electric Lady Studio in New York gearbeitet; veröffentlicht wurde das Album am 25. Januar 2000 über Virgin/Cheeba Sound. Toningenieur Russell Elevado beschreibt die Gesamtdauer so: „We were on and off in the studio for about three years. The first two years were incredible.“
Produziert hat D’Angelo das Album selbst, mit Beiträgen unter anderem von Raphael Saadiq. Um ihn herum arbeitete ein loser, wechselnder Kreis von Musikerinnen und Musikern, der als „Soulquarians“ in die Popgeschichte eingegangen ist: Schlagzeuger Questlove von The Roots, Bassist Pino Palladino, Gitarrist Charlie Hunter, Trompeter Roy Hargrove. D’Angelo selbst spielte auf vielen Tracks zusätzlich Klavier, Orgel, Gitarre und Schlagzeug.
J Dillas unsichtbarer Einfluss
Eine zentrale, im Booklet nicht sichtbare Figur ist der Produzent J Dilla. Er trat auf „Voodoo“ nicht als offiziell credited Produzent auf, prägte aber nach übereinstimmenden Schilderungen das rhythmische Gefühl der Platte: sein bewusst „unrunder“, leicht hinter dem Takt hängender Beat-Stil wurde für Questlove und die Band zur Vorlage. Questlove hat diese Wirkung später so zusammengefasst: sein Spiel klinge so echt, „you really can't tell it's programmed“ – und die Band versuchte umgekehrt, diesen computerhaft-menschlichen Effekt live nachzuspielen.
Nicht alles, was geplant war, ist auf dem fertigen Album zu hören. Für „Feel Like Makin’ Love“ war ursprünglich ein Duett mit Lauryn Hill vorgesehen; Bänder wurden zwischen beiden per Kurierdienst hin- und hergeschickt, die Zusammenarbeit kam aber nicht zustande, und D’Angelo nahm den Track am Ende allein auf. Auch eine geplante Fela-Kuti-Coverversion mit Hill kam Berichten zufolge nicht zustande. D’Angelos Perfektionismus gilt in mehreren Schilderungen der Aufnahmen als eigener Faktor: Takes wurden wieder verworfen, Songs blieben über lange Phasen unfertig liegen, bis sie stimmten.
02Der Klang
„Voodoo“ klingt bewusst unpräzise – und das ist Arbeit, keine Nachlässigkeit. Questlove hat die Methode selbst benannt: „We wanted to play as perfectly as we could, but then deliberately insert the little glitch that makes it sound messed up.“ Statt Spuren digital zu quantisieren, also exakt an ein Raster zu rücken, blieb der leichte Schleifer im Timing erhalten, den Musiker im Zusammenspiel eben erzeugen.
Aufgenommen wurde weitgehend live im Raum und auf Band statt digital. Toningenieur Russell Elevado, der auch mit älterem Equipment und Aufnahmetechniken arbeitete, hat sein Vorgehen so begründet: „My whole concept was, hey, people are sampling these records. I can create those sounds“ – und über das Ergebnis: es sei „a warmer sound, more of a natural sound“ geworden, dem Band-Charakter alter Soul- und Funkplatten näher als einer sauberen, digitalen Studioproduktion.
Pino Palladinos Basslinie
Wie stark dieses Zusammenspiel von einzelnen Musikern getragen wird, zeigt eine Bemerkung Pino Palladinos zu seiner Basslinie auf „Playa Playa“: „I was thinking about Stevie Wonder in the choruses and P-Funk in the verses.“ Zwei Referenzen, ein Track – genau dieses Nebeneinander unterschiedlicher Einflüsse, live im selben Raum zusammengespielt, ist der Grundton des ganzen Albums.
Eine belegte Sekundenangabe zu einer bestimmten Stelle im Groove nennt keine geprüfte Quelle; die genannten Zitate beschreiben die Methode, nicht einen einzelnen Moment.
05Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Dreizehn Tracks, fast neunundsiebzig Minuten, mehrere davon über sechs oder sieben Minuten lang. Das ist für ein Album des Jahres 2000 ungewöhnlich lang und ungewöhnlich langsam – und es ist kein Zufall, sondern Folge der Entstehung: Tracks, die aus stundenlangem gemeinsamen Spielen entstanden sind, lassen sich nicht ohne Weiteres auf Radiolänge kürzen, ohne den Groove zu zerschneiden, der sie trägt.
Die Klammer ist auch hier personell, nicht thematisch: dieselbe kleine Gruppe von Musikerinnen und Musikern spielt über weite Strecken des Albums, dieselbe rhythmische Grundhaltung – das bewusst leicht verzögerte Timing – zieht sich durch fast alle dreizehn Tracks. Wer einen einzelnen Track isoliert hört, hört einen Groove; wer das Album hört, hört, wie eine Band über anderthalb Stunden hinweg denselben Ton hält.
Der Grammy für das beste R&B-Album
Ausgezeichnet wurde das Album 2001 mit dem Grammy für das beste R&B-Album, „Untitled (How Does It Feel)“ gewann in derselben Nacht als beste männliche R&B-Gesangsleistung. Rückblickend wird „Voodoo“ von zahlreichen Musikkritiken als eines der prägenden Alben des sogenannten Neo-Soul zitiert; einzelne zeitgenössische Stimmen fanden das Album dagegen streckenweise zu unfokussiert. Beide Einschätzungen beziehen sich auf dieselbe Eigenschaft: ein Album, das sich Zeit lässt statt sich auf einzelne Höhepunkte zuzuspitzen.
Die Kehrseite eines Videos
Untitled (How Does It Feel)
Das Video zu „Untitled“ zeigt D’Angelo, in einer einzigen langen Einstellung von der Hüfte aufwärts gefilmt, unbekleidet singend. Es machte den Song und ihn selbst zum Gesprächsthema weit über R&B-Kreise hinaus – und laut mehreren Schilderungen von Questlove aus späteren Jahren zu einer Belastung, unter der D’Angelo während der folgenden Tournee sichtbar litt: Publikum forderte lautstark, er solle sich entkleiden, Auftritte wurden verschoben oder abgesagt.
Questlove hat den Zusammenhang rückblickend so beschrieben: „Had he known what the repercussions of ‘Untitled’ would’ve been, I don’t think he would’ve done it.“ D’Angelo selbst zog sich in den folgenden Jahren weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück; wie stark das Video allein dafür ursächlich war und welche weiteren Gründe eine Rolle spielten, wird in unterschiedlichen Quellen unterschiedlich gewichtet.
03Warum es einen Abend trägt
„Voodoo“ verlangt Zeit, und es verlangt, in einem Stück gehört zu werden. Die Tracks sind lang, die Übergänge fließend, der Groove braucht ein paar Minuten, bis er sich einstellt – wer nur einzelne Titel herauspickt, bekommt einen Bruchteil dessen, was die Platte eigentlich anbietet: eine fast anderthalb Stunden lange, in sich sehr gleichmäßige Klangwelt.
Kein Hit, keine Ausreißer
Das ist gerade auf einer Anlage, die ein ganzes Album ohne Unterbrechung vom Band abspielt, ein Vorteil und keine Hürde. Es gibt hier keinen Hit, dem man entgegenfiebert, und keinen Ausreißer, den man überspringen möchte – nur eine Band, die drei Jahre lang an demselben Gefühl gearbeitet hat, bis es genau so klang, wie sie es wollte.
Am Ende bleibt ein Album, das aus stundenlangem gemeinsamem Spielen entstand und genau danach klingt: nach Menschen im selben Raum, nicht nach einem Ergebnis am Bildschirm.
Wie klingt ein Album, das drei Jahre lang darauf trainiert wurde, nicht perfekt im Takt zu liegen?
Weiterhören
-
Lauryn Hill
The Miseducation of Lauryn Hill
1998
Entstand fast zeitgleich im selben New Yorker Umfeld – Lauryn Hill war sogar für ein Duett auf „Voodoo“ vorgesehen, bevor die Zusammenarbeit scheiterte.
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Erykah Badu
Baduizm
1997
Der andere große Aufschlag derselben Neo-Soul-Welle, wenige Jahre vor „Voodoo“ – ähnlich unaufgeregtes Tempo, ähnliche Wurzeln in Soul und Jazz.
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SZA
SOS
2022
Zwei Jahrzehnte später zeigt sich, wie viel von „Voodoos“ lockerem, groove-basiertem Ansatz bis in aktuelle R&B-Produktionen weiterwirkt.
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