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2022Albumvorschlag

SOS

SZA

„Kill Bill“, den größten Hit des Albums, schrieb SZA in einer einzigen Spätnacht-Session in unter einer Stunde – die Vocals brauchten laut ihrer eigenen Angabe nur ein oder zwei Takes.

23 Tracks, fünf Jahre Arbeit und ein Album, das bewusst nicht nach einer Handschrift klingen will, sondern nach vielen. Was man von SOS kennt, sind die Singles. Was man weniger kennt, ist die Unsicherheit, mit der es entstand – und wie knapp SZA selbst davor stand, es gar nicht zu veröffentlichen.

  • Laufzeitrund 68 Minuten
  • Titel23
  • Jahr2022
  • AufgenommenSZAs Haus in Malibu, Rodney Jerkins' Haus, Carter Langs Haus in Glendale, Ponzu Studios, Westlake Studios, Conway Studios und Shangri-La "The Chapel" in Malibu
Das Albumcover von SOS: SZA sitzt allein auf einem Sprungbrett, das über dunklem Wasser endet – eine bewusste Anlehnung an ein Foto von Prinzessin Diana aus dem Jahr 1997.
SZA, SOS, Top Dawg Entertainment / RCA Records 2022. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. SOS1:57
  2. Kill Bill2:33
  3. Seek & Destroy3:23
  4. Low3:01
  5. Love Language3:03
  6. Blind2:30
  7. Used (feat. Don Toliver)2:26
  8. Snooze3:21
  9. Notice Me2:40
  10. Gone Girl4:04
  11. Smoking on My Ex Pack1:23
  12. Ghost in the Machine (feat. Phoebe Bridgers)3:38
  13. F2F3:05
  14. Nobody Gets Me3:00
  15. Conceited2:31
  16. Special2:38
  17. Too Late2:44
  18. Far3:00
  19. Shirt3:01
  20. Open Arms (feat. Travis Scott)3:59
  21. I Hate U2:54
  22. Good Days4:39
  23. Forgiveless (feat. Ol' Dirty Bastard)2:21

Zum Cover

SZA sitzt allein auf einem Sprungbrett, das über dunklem Wasser endet. Ursprünglich sollte das Motiv ein anderes sein: „Originally I was supposed to be on top of a shipping barge, but in the references that I pulled for that, I pulled the Diana reference. I just loved how isolated she felt“, sagte SZA über die Entstehung des Covers. Gemeint ist ein bekanntes Foto von Prinzessin Diana aus dem Jahr 1997, auf dem sie allein an einem Sprungbrett über dem Wasser sitzt.

Die Isolation, die SZA an dem Diana-Foto reizte, ist damit nicht nebensächlich, sondern Programm: Ein Album, das zwischen Selbstzweifel, Wut und Zärtlichkeit hin- und herspringt, wird von einem Bild eingerahmt, das eine einzelne Person weit über dem Wasser zeigt – ohne Boot, ohne Geländer, ohne sichtbaren Weg zurück.

Label: Top Dawg Entertainment / RCA Records, 2022
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.

„I wanted to help her prove that she is a lot more than just an R&B artist. She's everything.“

Rob Bisel Produzent und einer der beiden zentralen Hauptkollaborateure des Albums, im Gespräch mit Rolling Stone

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Wie SOS entstand
  3. 03Der Klang
  4. 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
  5. 05Warum es einen Abend trägt

01Der besondere Moment

Der Instrumental-Backbone von „Kill Bill“ lag Wochen unbenutzt herum, bevor daraus einer der größten Hits des Jahrzehnts wurde. Produzent Rob Bisel hatte „a little flute Mellotron kind of thing“ gebaut, das Carter Lang mit einem, wie er es nannte, „crazy boom-bap drum flip“ versah. Der Arbeitstitel des Tracks: „Igloo“. Niemand hatte dafür einen Song geschrieben.

Das änderte sich in einer Spätnacht-Session. SZA forderte den Track spontan an, ohne dass zuvor darüber gesprochen worden war, was daraus werden sollte. Sie saß fünf bis zehn Minuten schweigend da, schrieb nichts auf, sagte nichts – bis sie zu Bisel sagte: „I have an idea. This might be a little too crazy.“

Was danach folgte, ist in ungewöhnlicher Klarheit dokumentiert: geschrieben zwischen Mai und dem 13. Juli 2022, aufgenommen am 13. Juli 2022 in den Ponzu Studios in Los Angeles und in Carter Langs Heimstudio in Chicago. SZA selbst beschrieb den Moment als eine Art „palate cleanser“ und sagte, sie habe „wrote all of the lyrics on-the-spot in under an hour“. Für die Vocals brauchte es nach ihrer eigenen Angabe „only one or two takes“ – der gesamte Song war innerhalb eines einzigen Aufnahmetages fertig.

Dabei war sie zunächst zögerlich, den Text überhaupt zu veröffentlichen: Die Lyrics von „Kill Bill“ sind drastisch, und SZA soll sich gefragt haben, ob sie sich das erlauben könne. Diese Zurückhaltung deckt sich mit dem, was Rolling Stone und Wikipedia zur Entstehung berichten, auch wenn die genaue Wortwahl dazu nur über eine einzelne, beim Abruf nicht vollständig zugängliche Quelle vorliegt.

Flöte aus einem Prophet-6

Musikalisch ist der Song eine Mischung aus Gitarren, einer Bassline und einer Flöte, die von einem Prophet-6-Synthesizer gesampelt wurde – dazu eine deutlich boom-bap-beeinflusste Rhythmik, die den Beinamen „Igloo“ im Nachhinein fast beiläufig wirken lässt.

Der Kontrast trägt die Geschichte: eine liegengelassene Beat-Idee, eine schweigende Viertelstunde, ein einmaliger, kaum überarbeiteter Take – und daraus SZAs erste Nummer-eins-Single auf dem Billboard Hot 100, mit Diamant-Zertifizierung der RIAA. Zwischen der Beiläufigkeit der Entstehung und dem Ausmaß des Erfolgs liegt eine Spannung, die sich kaum plausibler erzählen lässt, als sie tatsächlich dokumentiert ist.

02Wie SOS entstand

SZAs Debütalbum „Ctrl“ erschien 2017. Die Arbeit an einem Nachfolger begann nach übereinstimmenden Berichten bereits um 2019, zog sich aber über Jahre. In dieser Zeit kam es zu öffentlich sichtbaren Spannungen zwischen SZA und ihrem Label Top Dawg Entertainment über den Veröffentlichungszeitpunkt, die 2020 die Fan-Bewegung „#FreeSZA“ auslösten. Drei unabhängige Publikationen berichteten damals übereinstimmend von einer „hostilen“ Beziehung zum Label und von jahrelangen Verzögerungen.

Produzent Carter Lang beschrieb rückblickend, wie sich der über Jahre aufgestaute kreative Druck schließlich entlud: „We bottled up that energy and everything was just sort of a preparation for that moment.“ Am produktivsten war ausgerechnet das letzte Jahr vor Release: Zentrale Songs wie „Kill Bill“, „Open Arms“, „Nobody Gets Me“ und „Special“ wurden erst 2022 fertiggestellt, „Low“ sogar erst rund um Thanksgiving 2022, nur wenige Wochen vor Veröffentlichung.

SZA selbst beschrieb die Fertigstellung als von starker Angst begleitet: „I never thought in a million years that people would like it.“ Kurz vor dem geplanten Erscheinungstermin erwog sie noch, alles zu verschieben: „we don't have to put this out. We could just pull out and move it to January.“ Über ihre Grundhaltung während der langen Produktionszeit sagte sie: „Maybe that's the only way that I'm not bored is to do, like, bizarre acts of self embarrassment.“ Selbst die Reihenfolge der Songs empfand sie als quälend: „Even when I was [doing the] track listing, I was like, 'Ugh, this shit is so boring' or 'it sucks.'“

Der Rückzug auf einen Ashram

Wie weit die Selbstzweifel gingen, zeigt eine Bemerkung gegenüber ihrem Engineer, für den Fall, dass das Album scheitern sollte: „move to India and we'll live on an ashram and we'll take a vow of silence and that's it.“ Dass daraus stattdessen ein Nummer-eins-Album mit Rekord-Streamingzahlen wurde, macht diese Aussage im Rückblick nur eindrücklicher.

Zentrale kreative Kollaborateure über die gesamte Entstehungszeit waren vor allem Rob Bisel und Carter Lang, ergänzt durch Rodney „Darkchild“ Jerkins und eine große Zahl weiterer Produzenten. Bisels eigene Vision für das Album: „I wanted to help her prove that she is a lot more than just an R&B artist. She's everything.“ Der Albumtitel „SOS“ wird gemeinhin mit dem Morsecode-Notsignal in Verbindung gebracht sowie mit Anklängen an SZAs eigenen Künstlernamen und ihren Spitznamen „Sous“ – eine Deutung, die allerdings nur als Zusammenfassung vorliegt, nicht als von SZA selbst wörtlich bestätigte Erklärung.

03Der Klang

Der Kritiker Andy Kellman beschrieb SOS bei AllMusic als „an advancement from Ctrl in every respect apart from cohesion“ – SZA habe bewusst stilistische Vielfalt über klangliche Einheitlichkeit gestellt. Die Genre-Spannweite reicht laut derselben Rezension von „pop-soul“ über „country pop-punk“ bis zu „acoustic ballads“ und „R&B soliloquies“. „Kill Bill“ wird darin als Mischung aus „psychedelic and pop-soul elements“ beschrieben, Darkchilds Produktionsbeiträge als „brilliantly lean and scuffed“.

SZA selbst begründete ihren Anspruch auf Genre-Offenheit mit einem Verweis auf die schwarze Musiktradition: „We started rock 'n' roll. Why can't we just be expansive and not reductive?“

Eine VHS-Kassette von 1998

Auf Songebene ist das nachvollziehbar: „Snooze“ entstand aus einer R&B-Demo von Blair Ferguson (BLK) und wurde im Studio von Babyface neu aufgebaut – ein klassischer, „dreamy and smooth“ wirkender R&B-Ansatz. „Good Days“ basiert auf einem 16-Takt-Gitarrenloop von Produzent Loshendrix, erzeugt mit einem Line-6-Loop-Pedal; Loshendrix samplete dabei bewusst sich selbst, um Rechtefragen zu vermeiden. „Low“ arbeitet mit deutlicher AutoTune-Bearbeitung von SZAs Vocals. Und „Forgiveless“ setzt auf eine isolierte Ol'-Dirty-Bastard-Vocal-Spur von einer VHS-Kassette aus dem Jahr 1998, freigestellt mit KI-gestützter Audiotrennsoftware.

Zu Mikrofonen, Outboard-Geräten oder einer analogen versus digitalen Signalkette für das Album insgesamt liegen keine belastbaren Quellen vor – ebenso wenig zu Tonarten oder Tempoangaben der einzelnen Songs. Auch konkrete Zeitmarken innerhalb einzelner Tracks sind in keiner geprüften journalistischen Quelle dokumentiert; dieser Artikel verzichtet deshalb bewusst auf einen Hörmoment mit erfundenem Timecode.

04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

SOS ist nicht auf einen linearen klanglichen Spannungsbogen hin komponiert, sondern, wie AllMusic es formuliert, auf größtmögliche stilistische Bandbreite: „stylistic variety over unified sound“. Das Album eröffnet mit dem kurzen Titeltrack als eine Art Mission Statement, bevor mit „Kill Bill“ bereits an zweiter Position der kommerziell erfolgreichste Song folgt – eine für ein Popalbum ungewöhnlich frühe Platzierung der stärksten Single, die sich als bewusste Entscheidung lesen lässt, auch wenn dazu keine Aussage von SZA selbst vorliegt.

Von Good Days zu Forgiveless

Der Schluss liest sich als Bewegung: „Good Days“, der vorletzte und mit 4:39 längste Track des Albums, behandelt laut American Songwriter das Ringen mit Verzweiflung beim Nachdenken über eine frühere Beziehung, mit biblischen Anspielungen auf Jericho und Hiob. Danach folgt „Forgiveless“ mit dem posthumen ODB-Feature als letztes Wort des Albums – eine Bewegung von introspektiver Schwere hin zu einer Art Vergebungsgeste, die schon im Titel steckt. Diese Themensetzung der Einzelsongs ist belegt, die daraus abgeleitete Gesamtdramaturgie bleibt Interpretation.

Die Gegenstimme kommt aus derselben Rezension, die das Album lobt: Auch Kellman merkt an, dass die Kohäsion angesichts einer Laufzeit von über einer Stunde leidet. Wer SOS als geschlossenes Konzeptalbum hören will, wird enttäuscht; wer es als eine bewusst uneinheitliche Sammlung von 23 Perspektiven hört, bekommt genau das, was die Kritik ihm attestiert.

Nicht auf diesem Album

Die zehn Songs, die zu LANA wurden

Zehn der 15 Songs, die 2024 auf der Deluxe-Erweiterung „SOS Deluxe: LANA“ erschienen, waren ursprünglich für die Standardedition von SOS vorgesehen. Mehrere Outtakes leakten 2023 und 2024, was Verzögerungen und eine konzeptionelle Neuausrichtung erzwang – SZA erwog laut Wikipedia sogar, das Projekt komplett neu aufzuziehen.

Kritisch wird LANA nicht als bloße Erweiterung gelesen, sondern als eigenständiges, klanglich kohärenteres Werk – Pitchfork beschrieb es im Gegensatz zu SOS als „aesthetically coherent, filled with warm analog synths and soul-ballad tempos“, während SOS selbst als „rambunctious, mixtape-y genre hopping“ charakterisiert wurde. Ob das eine Aufwertung oder ein Seitenhieb ist, gehen die Meinungen der Kritik auseinander.

05Warum es einen Abend trägt

68 Minuten und 23 Tracks sind für einen kompletten Hörabend eine Ansage – aber genau das ist der Punkt. Wer SOS nicht als Playlist mit ein paar bekannten Singles hört, sondern als Ganzes, bekommt die stilistische Reise zu spüren, die AllMusic beschreibt: R&B-Soliloquien neben Punk-Anklängen neben Akustikballaden, ohne dass eine Übergangslogik vorgegeben wäre. Genau diese Unruhe ist es, die im Hintergrundrauschen eines Streamingdienstes untergeht und die live, am Stück gehört, wieder hörbar wird.

Kontrolle statt Selbstzweifel

Dazu kommt, dass ein Album, das seine Entstehung aus Selbstzweifel, Verschiebungsdrohungen und einem geplanten Rückzug „auf einen Ashram“ beschreibt, im fertigen Zustand das genaue Gegenteil ausstrahlt: Kontrolle, Tempo, Pointen. Diesen Bruch zwischen dem, was SZA über die Entstehung erzählt, und dem, was am Ende zu hören ist, bemerkt man eher, wenn man dem Album die volle Zeit gibt, statt es nebenbei laufen zu lassen.

Zahlen zum Album

SOS debütierte auf Platz 1 der Billboard 200 mit 318.000 Album-Äquivalenzeinheiten, getragen von 404,58 Millionen On-Demand-Streams über alle 23 Tracks – laut Billboard „the biggest streaming week ever for an R&B album“. Insgesamt stand das Album zehn nicht-konsekutive Wochen auf Platz 1, bevor es 2025 im Zuge des LANA-Release für eine elfte Woche zurückkehrte, nach eigenen Angaben von Billboard ein Rekord für die längste Pause zwischen zwei Nr.-1-Wochen in der Chartgeschichte.

„Kill Bill“ wurde SZAs erste Nummer-eins-Single auf dem Hot 100 und ist mittlerweile Diamant-zertifiziert. Bei den Grammy Awards 2024 gewann SOS in der Kategorie Best Progressive R&B Album, „Ghost in the Machine“ feat. Phoebe Bridgers in der Kategorie Best Pop Duo/Group Performance – bei insgesamt neun Nominierungen für SZA, der höchsten Zahl des Jahrgangs.

Wie klingt ein Album, das seine Machart selbst mehrfach als „bizarre acts of self embarrassment“ beschrieben hat?