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1972Albumvorschlag

Transformer

Lou Reed

Für das Baritonsaxophon-Solo eines Songs über Andy Warhols Superstars buchte der Produzent einen Musiker, ohne ihm zu sagen, dass am Pult ausgerechnet sein früherer Schüler saß.

Elf Stücke, ein abgehalfterter Ex-Velvet-Underground-Sänger und zwei Produzenten, die selbst gerade zu Glam-Stars wurden. Was von diesem Album übrig geblieben ist, ist ein Radio-Hit über Transvestiten und Stricher, der so gut wie niemandem als solcher aufgefallen ist. Was dahinter steckt, ist ein Studio voller Zufälle, die sich im Nachhinein wie ein Plan lesen.

  • Laufzeitrund 37 Minuten
  • Titel11
  • Jahr1972
  • AufgenommenTrident Studios, London
Das Albumcover: ein überbelichtetes Schwarz-Weiß-Porträt von Lou Reed.
Lou Reed, Transformer, RCA Victor 1972. Fotografie Vorderseite Mick Rock. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Vicious2:55
  2. Andy's Chest3:17
  3. Perfect Day3:43
  4. Hangin' 'Round3:39
  5. Walk on the Wild Side4:12
  6. Make Up2:58
  7. Satellite of Love3:40
  8. Wagon Wheel3:19
  9. New York Telephone Conversation1:31
  10. I'm So Free3:07
  11. Goodnight Ladies4:19

Zum Cover

Das Frontfoto stammt von Mick Rock, damals so etwas wie der Hausfotograf des Glam Rock. Es ist eigentlich ein Fehler: Beim Entwickeln geriet ein erster Testabzug beim Belichten aus der Schärfe. Reed gefiel genau dieses überbelichtete Ergebnis so gut, dass Rock es für den großen Albumabzug absichtlich nachstellen musste. Sein eigener Kommentar dazu: „The first test I made fell out of focus in the exposure. Lou loved the result. It took me twelve attempts to reproduce this accident for the final larger print for the album cover.“

Die Rückseite fotografierte Karl Stoecker, der zuvor schon die ersten drei Roxy-Music-Cover verantwortet hatte. Zu sehen sind das Londoner Model Gala Mitchell und Reeds Bekannter Ernie Thormahlen. Was dort im Hosenbund andeutungsreich aussieht, war laut Reeds späterer Klarstellung schlicht eine Banane, die Thormahlen sich vor dem Shooting hineingesteckt hatte – ein kleiner Insider-Scherz, passend zu einem Album voller Rollen und Andeutungen.

Fotografie Vorderseite: Mick Rock
Fotografie Rückseite: Karl Stoecker
Label: RCA Victor, 1972
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.

„I always thought it would be kinda fun to introduce people to characters they maybe hadn't met before, or hadn't wanted to meet.“

Lou Reed über die Absicht hinter „Walk on the Wild Side“, festgehalten in seiner Sammlung Between Thought and Expression: Selected Lyrics of Lou Reed, 1991

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Wie Transformer entstand
  3. 03Der Klang
  4. 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
  5. 05Warum es einen Abend trägt

01Der besondere Moment

Trident Studios, London, August 1972. Für „Walk on the Wild Side“ fehlt noch ein Baritonsaxophon-Solo, kurz, aber tragend – der letzte Satz eines Songs, der sonst nur spricht statt singt. David Bowie, gerade selbst mitten in seiner Ziggy-Stardust-Zeit, ruft einen Sessionmusiker namens Ronnie Ross an und bucht ihn für den Nachmittag. Was er ihm am Telefon nicht sagt: wer die Aufnahme eigentlich leitet.

Der Schüler am Produzentenpult

Ross kannte den jungen Mann am Produzentenpult schon – nur eben als Schüler, nicht als Produzent. Jahre zuvor hatte er dem Teenager David Jones, der sich inzwischen Bowie nannte, im Süden Londons Saxophonunterricht gegeben. Als er an diesem Nachmittag ins Studio kommt, muss er erst einmal begreifen, wen er da vor sich hat. Das Solo, das dabei entsteht und den Song bis heute beschließt, wurde einer verbreiteten Überlieferung zufolge in einem einzigen Take eingespielt.

An dieser Szene hängt mehr als eine nette Anekdote. Sie zeigt, wie eng die Kreise um dieses Album gezogen waren: ein Produzent, der selbst gerade zum Superstar wurde, holt sich heimlich seinen eigenen Lehrer für einen Song über Leute, die kaum jemand außerhalb von Andy Warhols Factory kannte – und lässt am Ende beide Welten so beiläufig ineinanderlaufen, dass es niemandem auffällt, der nicht genau hinhört.

Für die genaue Wortwahl des Anrufs und Ross' erste Reaktion im Studio gibt es keine wörtliche Bestätigung von ihm selbst; erzählt wird die Begegnung übereinstimmend in mehreren Nachschlagewerken zur Songgeschichte. Das Ergebnis auf dem Band ist dagegen unbestritten: acht Takte, die zum bekanntesten Baritonsax-Solo der Popmusik wurden.

02Wie Transformer entstand

Zwei Jahre vor diesem Album hatte sich The Velvet Underground aufgelöst, die Band, in der Reed als Sänger und Songschreiber begonnen hatte. Sein erstes Soloalbum 1972 verkaufte sich kaum. Zur selben Zeit war David Bowie, der die Velvet Underground seit Jahren bewunderte und ihre Songs regelmäßig live coverte, auf dem Weg zum eigenen Durchbruch mit The Rise and Fall of Ziggy Stardust. Bowie drängte sein Label RCA darauf, Reeds zweites Soloalbum zusammen mit seinem Gitarristen Mick Ronson produzieren zu dürfen – ein noch weitgehend unbekannter Sänger, produziert vom Mann, der gerade selbst zum Star wurde.

Aufgenommen wurde im August 1972 in den Trident Studios in London, veröffentlicht wurde das fertige Album am 8. November 1972 bei RCA Victor. Neben Reed, Bowie und Ronson (der außerdem Klavier, Blockflöte sowie die Streicher- und Bläserarrangements beisteuerte) spielten unter anderem Herbie Flowers und Klaus Voormann Bass, wechselnd John Halsey, Barry DeSouza und Ritchie Dharma Schlagzeug, Trevor Bolder Trompete und die Gesangsgruppe Thunderthighs – Dari Lalou, Karen Friedman und Casey Synge – die Backing Vocals.

Ein geplantes Musical nach Nelson Algren

Die Geschichte hinter „Walk on the Wild Side“ beginnt woanders: Warhol hatte Reed ursprünglich gebeten, Songs für ein geplantes Musical nach Nelson Algrens Roman A Walk on the Wild Side zu schreiben. Als das Projekt platzte, behielt Reed nur den Titel und die Grundidee, tauschte aber die Romanfiguren gegen Leute aus, die er aus Warhols Factory kannte. Reed selbst hat das später so beschrieben: „They were going to make a musical out of Nelson Algren's A Walk on the Wild Side. When they dropped the project I took my song and changed the book's characters into people I knew from Warhol's Factory.“

So tauchen in den vier Strophen reale Personen auf: Holly Woodlawn, die mit fünfzehn aus Miami floh und unterwegs nach New York das Zupfen der Augenbrauen lernte; Candy Darling, der schon Reeds früherer Song „Candy Says“ gewidmet war; „Little Joe“, für dessen Zeilen Reed sich an Joe Dallesandros Filmfigur aus Warhols Flesh orientierte, nicht an der Person selbst; der „Sugar Plum Fairy“, eine Rolle, die Joe Campbell in Warhols Film My Hustler gespielt hatte; und Jackie Curtis. Woodlawn erzählte später, wie überrascht sie war, sich selbst im Radio zu hören: „How do you know this stuff about me?“, soll sie Reed gefragt haben. Seine Antwort: „Holly, you have the biggest mouth in town.“ Aus der kurzen Begegnung wurde eine lebenslange Freundschaft.

Auch der Opener bekam sein Motiv von Warhol geliehen: Nach eigener Erzählung Reeds schlug Warhol ihm für „Vicious“ eine Zeile vor – „Oh, you know, like I hit you with a flower“ – als bewusst absurdes Bild für Grausamkeit unter Freunden. Reed nahm den Satz fast wörtlich in den Text.

Kontext

Ein Radio-Hit aus der Factory

Was „Walk on the Wild Side“ heute noch bemerkenswert macht, ist nicht nur, wer darin vorkommt, sondern wie offen der Song darüber spricht: von Transsexualität, von Sexarbeit, von Drogen – für ein Radiopublikum von 1972 ungewöhnlich direkt. Reed selbst nannte den Song in einem Interview mit Disc and Music Echo ein „outright gay song“, absichtlich so formuliert, „so the straights can miss out on the implications and enjoy them without being offended“.

RCA schickte den Radiostationen zur Sicherheit eine entschärfte Fassung, in der die Anspielung auf Oralsex herausgeschnitten und aus „the colored girls“ ein neutraleres „and the girls“ wurde. Die Zensur griff trotzdem kaum: Die Anspielungen waren so beiläufig formuliert, dass sie an den meisten Programmverantwortlichen einfach vorbeigingen, und viele Sender liefen weiter mit der unzensierten Originalversion. Der Song kam bis auf Platz 16 der US-Charts – ein Ergebnis, das ohne diese sprachliche Camouflage kaum denkbar gewesen wäre.

03Der Klang

Was Transformer von Reeds kargem, oft schroffem Bandsound bei The Velvet Underground unterscheidet, ist die Machart obendrauf: Ronson legte Streicherarrangements über die Balladen, brachte Klavier, Blockflöte und Bläser ein und schrieb die Bögen, die aus einfachen Songgerüsten kleine Arrangements machten. Auf „Perfect Day“ trägt genau dieses Streicherbett den Song, während Reeds Stimme obenauf bleibt, fast beiläufig, so als würde er die Zeilen nur hersagen. Reed selbst hat den Song später schlicht als „a description of a very straightforward affair“ bezeichnet und jede Drogen-Deutung zurückgewiesen – wie doppelbödig die letzte Zeile „you're gonna reap just what you sow“ trotzdem klingt, bleibt dem Hören überlassen.

Glam-Politur über New-York-Deadpan

Diese Kombination – ein Sänger, der kaum Emotion in die Stimme legt, und ein Arrangement, das glänzt, tänzelt und ausschmückt – ist der eigentliche Klangtrick des Albums. Glam-Rock-Politur über New-York-Deadpan: Wo Bowie und Ronson sich selbst gerade als schillernde Bühnenfiguren erfanden, blieb Reed vokal komplett unbewegt. Die Reibung zwischen beidem trägt fast jeden Track.

Hörmoment

Walk on the Wild Side

Achten Sie auf den Basslauf gleich zu Beginn, dieses gleitende Auf und Ab. Gespielt hat ihn der Sessionmusiker Herbie Flowers – auf zwei Instrumenten zugleich. Er nahm eine Spur mit dem Kontrabass auf und legte eine zweite mit dem E-Bass darüber, angeblich auch deshalb, weil er für zwei Instrumente zwei separate Sessiongagen von je 17 Pfund abrechnen konnte. Aus einer Sparmaßnahme wurde der ikonischste Basslauf des Albums.

Eine Sekundenangabe steht hier bewusst nicht, weil für dieses Album keine geprüfte Quelle eine Zeitmarke nennt. Nötig ist sie auch nicht: Der Lauf öffnet den Song, bevor überhaupt gesungen wird.

04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Elf Stücke, die meisten unter vier Minuten, und kaum zwei davon, die gleich klingen: der Glam-Stampfer „Vicious“, die Ballade „Perfect Day“, die Kabarett-Nummer „Make Up“, dazwischen das erzählende Zentrum „Walk on the Wild Side“. Was das zusammenhält, ist nicht ein durchgehender Sound, sondern eine durchgehende Stimme: Reeds trockener, fast gleichgültiger Vortrag bleibt über alle Arrangements hinweg derselbe, egal ob Ronson gerade Streicher, Klavier oder verzerrte Gitarre darunterlegt.

Nick Tosches' geteiltes Urteil

Zeitgenössisch war das Urteil gespalten. Rolling Stone-Kritiker Nick Tosches erkannte einzelne starke Tracks an, hielt Reed aber für fähig zu „dangerous, powerful music“, die er auf diesem Album vermisste – ihm war die Politur zu viel, das Risiko zu wenig. Im Rückblick hat sich das Urteil gedreht: Das Album landet regelmäßig auf Bestenlisten, etwa auf Platz 55 bei NME und auf Platz 109 in der 2020er-Neufassung der Rolling-Stone-Liste der 500 besten Alben aller Zeiten.

Der Punkt, den Tosches 1972 als Schwäche verbuchte, liest sich heute eher als Konzept: Die Platte behauptet nicht, gefährlich zu klingen. Sie lässt gefährliche Themen – Sexarbeit, Identität, Selbstzerstörung – in einem Gewand auftreten, das so glatt und unterhaltsam ist, dass es viele gar nicht bemerkt haben. Genau dieser Kontrast ist es, der das Album zusammenhält, nicht ein gemeinsames Klangbild.

05Warum es einen Abend trägt

Rund siebenunddreißig Minuten, elf kurze Stücke, kein einziges über viereinhalb Minuten. Das ist eine Länge, die einen Abend nicht überfordert, sondern Zeit lässt, danach noch zu reden. In der ersten Hälfte dominiert der Glam-Stampfer, angeführt von „Vicious“ und dem erzählenden Zentrum „Walk on the Wild Side“; in der zweiten Hälfte wird es kammerspielartiger und campiger, bis „Goodnight Ladies“ das Album mit einem Dixieland-Walzer wie mit einem Augenzwinkern verabschiedet.

Keine durchgehende Rock-Wucht

Ehrlich muss man sagen: Wer von diesem Album eine durchgehende Rock-Wucht erwartet, wird enttäuscht. Transformer wechselt bewusst zwischen Stampfer, Ballade und Kabarettnummer, manchmal binnen einer Songlänge. Wer sich darauf einlässt, bekommt dafür etwas Selteneres: einen Abend, an dem ausgerechnet die Außenseiter einer fremden Stadt und einer fremden Zeit für ein paar Minuten die Hauptrolle bekommen – erzählt von einer Stimme, die nie moralisiert und nie Mitleid einfordert, nur berichtet.

Was am Ende bleibt, ist die leise Ironie der ganzen Produktion: Ein Album über Leute vom Rand wurde zum kommerziellen Comeback eines Sängers, dessen eigene Band nie ein Hit-Radio erreicht hatte – produziert von zwei Musikern, die selbst gerade lernten, wie man aus einer Randfigur einen Star macht.

Nachleben

Zahlen zu einer leisen Platte

Kommerziell war Transformer kein Sofort-Blockbuster: Platz 29 in den US-Albumcharts, Platz 13 in Großbritannien. Zertifiziert wurde es später trotzdem mehrfach – Gold in Australien, Dänemark und Frankreich, Platin in Italien, und in Großbritannien Platin für über 420.000 verkaufte Exemplare.

Nach Lou Reeds Tod im Oktober 2013 stiegen die digitalen Verkäufe von Album und Einzeltiteln nach übereinstimmenden Berichten um mehr als 300 Prozent binnen weniger Tage, „Walk on the Wild Side“ tauchte erstmals in den Digital-Rock-Charts von Billboard auf – einundvierzig Jahre nach Erscheinen.

Wie klingt ein Abend, an dem die schrillsten Außenseiter New Yorks für ein paar Minuten die Hauptrolle bekommen – begleitet von einem Produzenten, der selbst gerade zum Star wurde?