1977Albumvorschlag
The Stranger
Billy Joel
Für die unheimliche Titelmelodie fand sich kein passendes Instrument. Also pfiff Billy Joel sie testweise ins Mikrofon – und der Produzent strich danach jeden Plan, es durch etwas anderes zu ersetzen.
Drei Wochen Studiozeit, die eigene Tourband statt bestellter Studiomusiker, und ein Song, den der Sänger selbst für eine Hochzeitsnummer hielt und beinahe strich. So entstand das Album, das aus einem Künstler mit drei mäßig verkauften Platten einen Namen machte, den heute jeder kennt.
- Laufzeitrund 40 Minuten
- Titel9
- Jahr1977
- AufgenommenA&R Recording, New York City
Tracklist
- Movin' Out (Anthony's Song)3:30
- The Stranger5:08
- Just the Way You Are4:50
- Scenes from an Italian Restaurant7:35
- Vienna3:32
- Only the Good Die Young3:54
- She's Always a Woman3:19
- Get It Right the First Time3:54
- Everybody Has a Dream4:35
Zum Cover
Billy Joel sitzt auf einem Bett, im Hintergrund hängen an der Wand ein Paar Boxhandschuhe, auf der Decke liegt eine weiße Theatermaske – ein bewusster Kontrast zwischen dem robusten Ring und der leiseren, verletzlicheren Seite, von der das Album handelt. Fotografiert hat Jim Houghton, der Joel zu dieser Zeit häufiger porträtierte.
Fotografie: Jim Houghton
Label: Columbia Records/Family Productions, 1977
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„We almost didn't put it on an album. We were sitting around listening to it going naaah, that's a chick song.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie The Stranger entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Im Regieraum sitzt eine Runde, die eine Ballade eigentlich schon abgeschrieben hat. Billy Joel hält den Song, den er für die Hochzeit seiner Schwester geschrieben hatte, für zu weich fürs Album – „that's a chick song“, sagt er später über die Stimmung an diesem Tag, ein Stück fürs Standesamt, nicht für eine Platte, die gerade seinen Ruf retten soll. Produzent Phil Ramone widerspricht nicht mit Argumenten. Er holt zwei Gäste in den Raum.
Linda Ronstadt und Phoebe Snow, beide zu der Zeit selbst gefragte Sängerinnen, hören sich „Just the Way You Are“ an. Was genau sie sagen, ist nicht in jeder Quelle gleich überliefert – einig sind sich die Berichte nur darin, dass ihre Reaktion begeistert ausfällt und Joel danach seine Meinung ändert. Der Song bleibt auf dem Album.
Der verworfene Cha-Cha-Rhythmus
Vorher hatte die Band selbst über den Song gestritten, nur an einer anderen Stelle: dem Rhythmus. Joel spielte ihn den Musikern zuerst als Cha-Cha vor. Schlagzeuger Liberty DeVitto war so wenig überzeugt, dass er, der Überlieferung nach, seine Sticks nach Joel warf. Ramone schlug einen ruhigeren, latein angehauchten Groove vor; DeVitto baute ihn mit Besen auf der Snare und einer zurückgenommenen Bassdrum zu dem Muster um, das auf der Platte zu hören ist.
Aus einem Song, den der eigene Autor fast gestrichen hätte, wurde die erfolgreichste Single des Albums und, zwei Jahre später, ein doppelter Grammy-Gewinn: Aufnahme des Jahres und Song des Jahres 1979. Ohne den Abend mit Ronstadt und Snow im Regieraum, so lässt sich die Geschichte lesen, gäbe es diesen Titel auf dem Album nicht.
Belegt sind die Kernpunkte durch Joels eigene, mehrfach wiedergegebene Aussage und durch DeVittos Erinnerung an die Rhythmusprobe. Wer welchen genauen Satz an welchem Tag gesagt hat, ist nirgends mit Uhrzeit oder Datum protokolliert – das ist bei einer Studiosession von 1977 auch nicht zu erwarten.
02Wie The Stranger entstand
Vor The Stranger stand keine Erfolgsgeschichte. Piano Man (1973) hatte immerhin einen Titelsong hervorgebracht, der bis heute läuft, verkaufte sich aber nur mäßig. Streetlife Serenade (1974) wurde von der Kritik kühl aufgenommen. Bei Turnstiles (1976) geriet die Produktion ins Stocken: Joel begann die Aufnahmen mit wechselnden Produzenten in Colorado, war mit den Ergebnissen unzufrieden und zog es am Ende vor, das Album mit seiner eigenen Tourband und ohne einen der ursprünglich engagierten Produzenten fertigzustellen. Er war frustriert genug mit den bisherigen Produktionsentscheidungen, dass ein Wechsel überfällig war.
Der Kontakt zu Phil Ramone kam über Joels damalige Frau und Managerin Elizabeth Weber zustande, die ihn nach einem Konzert am 2. Juni 1977 in der Carnegie Hall ansprach. Ramone besuchte die Show, war beeindruckt – und wurde für The Stranger engagiert. Es war der Beginn einer Zusammenarbeit, die sich über mehrere weitere Alben fortsetzen sollte.
Aufgenommen wurde in A&R Recording, dem New Yorker Studio, das Ramone 1959 mitgegründet hatte, und zwar schnell: drei Wochen im Juli und August 1977, nach den zähen Sessions zu Turnstiles ein bemerkenswert kurzer Zeitraum. Statt bestellter Studiomusiker spielte die Band, mit der Joel schon auf Tour war: Liberty DeVitto am Schlagzeug, Doug Stegmeyer am Bass, Richie Cannata an Saxofon, Orgel, Klarinette und Flöte. Als Gast kam für das Altsaxofon-Solo in „Just the Way You Are“ Phil Woods dazu, damals bereits ein arrivierter Jazzmusiker. Gwen Guthrie und Lani Groves steuerten Background-Gesang bei.
Die Supreme Macaroni Company
Fürs Backcover ging die Runde in die Supreme Macaroni Company, eines der Lokale, in denen die Band der Erinnerung nach ihre „crazy lunches and dinners“ verbrachte – auf dem Foto trägt Ramone ein Yankees-Shirt. Wer genau diese Formulierung geprägt hat, ist nicht mit letzter Sicherheit einer einzelnen Quelle zuzuordnen; dass der Ort zur Band gehörte, schon.
Erschienen ist das Album am 29. September 1977 bei Columbia, Katalognummer JC 34987. Es sollte, wie sich erst im Rückblick zeigte, alles verändern, was vorher über Joels Chancen am Markt gegolten hatte.
03Der Klang
Ramone war nicht nur Produzent, sondern seit den späten Fünfzigern selbst Toningenieur und Mitbegründer von A&R Recording. Er hatte dort über Jahre einen Ruf als jemand aufgebaut, der neue Aufnahmetechnik früh aufgriff, statt an Bewährtem festzuhalten. Für The Stranger bedeutete das offenbar vor allem eines: der Band Raum zu geben, statt sie in vorgefertigte Arrangements zu zwingen.
Dass die eigene Tourband spielte und nicht angeheuerte Sessionmusiker, wirkt sich hörbar aus. DeVitto, Stegmeyer und Cannata kannten die Songs von der Bühne, bevor sie im Studio standen. Genaue Angaben zu Mikrofonierung, Konsole oder Bandmaschine sind für diese Sessions in den geprüften Quellen nicht überliefert – anders als bei manch anderem Album dieser Ära ist das technische Setup von The Stranger schlicht nicht dokumentiert. Was dokumentiert ist, sind einzelne Entscheidungen, die den Klang prägen.
Joel pfeift ins Mikrofon
Eine davon betrifft den Titeltrack. Für die unheimliche, wortlose Melodie am Anfang und Ende von „The Stranger“ fand sich zunächst kein Instrument, das Joel überzeugte. Er pfiff die Linie testweise ins Mikrofon, um den Musikern zu zeigen, wie sie gemeint war – und Ramone bestand darauf, genau diese Pfeif-Aufnahme zu behalten, statt sie später zu ersetzen. Das Pfeifen, das man auf der fertigen Platte hört, ist damit kein nachträglicher Effekt, sondern ein Arbeitsmittel, das zum fertigen Werk wurde.
Hörmoment
The Stranger
Achten Sie auf das gepfiffene Thema am Anfang und am Ende des Titeltracks. Es war als Hilfsmittel gedacht, mit dem Joel den Musikern die gesuchte Melodie vorführte – die Aufnahme blieb, weil Ramone sie für richtig hielt.
Eine Sekundenangabe steht hier bewusst nicht, weil dafür keine geprüfte Quelle eine Zeitmarke nennt. Die Stelle ist ohnehin unverwechselbar: Kein anderer Moment des Albums klingt so unbegleitet.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Den Ehrgeiz der Platte zeigt am deutlichsten „Scenes from an Italian Restaurant“, siebeneinhalb Minuten aus drei ursprünglich getrennten Stücken: einer Rahmenmelodie über ein Restaurant, einem ruhigeren Mittelteil und der „Ballad of Brenda and Eddie“, die von Aufstieg und Scheitern eines jungen Paars erzählt. Joel fügte die drei Teile zu einem durchkomponierten Stück zusammen, Ramone unterstützte die Orchestrierung der Übergänge. Der Song bleibt bis heute, nach Joels eigenen Worten, fester Bestandteil seiner Live-Shows – er könne sich ein Konzert ohne ihn kaum vorstellen.
Everybody Has a Dream
Was diese Suite über das ganze Album verrät, ist die Bereitschaft, einen Radiohit-orientierten Rahmen zu verlassen, ohne die Kürze der übrigen Platte aufzugeben. Neun Tracks, keiner davon Füllmaterial, und mittendrin ein Achtminüter mit drei Handlungsteilen. Der letzte Track, „Everybody Has a Dream“, schließt mit einer Reprise des gepfiffenen Themas aus dem Titelsong: Das Album endet mit demselben Motiv, mit dem es begonnen hat.
Auch die Bandbreite der Stile trägt dazu bei, dass die Platte als Ganzes funktioniert, statt in Einzelteile zu zerfallen: der treibende Opener, die Wiener Walzer-Anleihen in „Vienna“, der Doo-Wop-Nachhall in „Only the Good Die Young“, die Klavierballade „She's Always a Woman“. Was diese Songs zusammenhält, ist nicht ein Genre, sondern dieselbe kleine Band, die sie in denselben drei Wochen eingespielt hat.
Fast im falschen Rhythmus
Just the Way You Are
Bevor der Song die ruhige, von Besen getragene Fassung bekam, die man kennt, spielte Joel ihn der Band als Cha-Cha vor. Liberty DeVitto war so wenig überzeugt, dass er der Überlieferung nach seine Drumsticks nach Joel warf.
Ramone schlug einen lateinamerikanisch angehauchten Groove vor, DeVitto baute ihn zu dem sanften Muster mit Besen und zurückgenommener Bassdrum um. Ohne diesen Streit im Proberaum würde der bekannteste Song des Albums heute anders klingen.
05Warum es einen Abend trägt
Rund vierzig Minuten, neun Tracks, und dazwischen ein deutlicher Bogen: ein energischer Opener, eine achtminütige Erzählung in der Mitte, ein Schluss, der das Anfangsmotiv zurückholt. Wer die Platte am Stück hört, merkt, dass hier nichts beliebig sortiert ist.
Verdrängt: Bridge over Troubled Water
Was diesen Abend zusätzlich trägt, ist die Vorgeschichte. Ein Musiker mit drei Alben, die niemanden vom Hocker gerissen hatten, nimmt sich drei Wochen Zeit, holt seine eigene Tourband ins Studio – und liefert das Album ab, das Columbias bis dahin meistverkaufte Platte, Simon & Garfunkels Bridge over Troubled Water, von diesem Platz verdrängte. In den US-Charts erreichte The Stranger Platz zwei, blieb siebzehn Wochen in den Top Ten und wurde von der RIAA mit Diamant zertifiziert, für mehr als zehn Millionen verkaufte Einheiten allein in den USA. „Just the Way You Are“ gewann 1979 die Grammys für Aufnahme des Jahres und Song des Jahres.
Für einen Hörabend heißt das: Man hört nicht nur neun gute Songs, sondern die Platte, an der sich der Unterschied zwischen einer Karriere davor und einer Karriere danach festmachen lässt. Das muss man niemandem erklären, der die Anfangstakte von „Movin' Out“ kennt – aber es hilft zu wissen, wie knapp diese Wende ausfiel.
Eine gemeinsame Geschichte
Die Chartkarriere begann nicht mit einem Paukenschlag. The Stranger brauchte nach Erscheinen im September 1977 Monate, um sich nach oben zu arbeiten, und erreichte seinen Höhepunkt, Platz zwei der Billboard 200, erst im Februar 1978. Von dort verschwand die Platte nicht schnell wieder: siebzehn Wochen in den Top Ten.
Am Ende stand die Diamant-Zertifizierung der RIAA und ein Titel, der zwei Jahrzehnte lang als Columbias meistverkauftes Album galt. Das Album wurde 2008 in die Grammy Hall of Fame aufgenommen und führt bei Rolling Stone regelmäßig unter den einflussreichsten Platten der Siebziger. Getragen hat das keine einzelne Single, sondern die Platte als Ganzes.
Wie klingt ein Album, das eine stockende Karriere in nur drei Studiowochen umkehrte?
Weiterhören
-
Simon & Garfunkel
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Genau diese Platte war es, die The Stranger als Columbias meistverkauftes Album ablöste – ein Vergleich zweier Ausnahmealben desselben Labels.
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