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2001Albumvorschlag

Mutter

Rammstein

Der Song, der Rammstein zum ersten Mal über den deutschsprachigen Raum hinaus bekannt machte, war ursprünglich gar kein Song für sie: Er sollte ein Boxer mit seinem Nachnamen als Arbeitstitel in den Ring begleiten.

Elf Stücke, ein Filmorchester, ein Studio in der Provence, in dem vorher schon andere große Bands aufgenommen hatten – und eine Band, die sich mitten im eigenen Erfolg bewusst von dem Sound verabschiedete, der sie berühmt gemacht hatte. Was man von Mutter kennt, sind die Singles. Was man seltener erzählt bekommt, ist die Entscheidung dahinter.

  • Laufzeitrund 45 Minuten
  • Titel11
  • Jahr2001
  • AufgenommenStudio Miraval, Correns (Südfrankreich); Orchesterparts auf der Scoring Stage Berlin
Das Albumcover: eine museal anmutende, sepiafarbene Fotografie eines in Formaldehyd konservierten Fötus.
Rammstein, Mutter, Motor Music/Universal Music 2001. Fotografie Daniel & Geo Fuchs. Ein sachliches, museal gehaltenes Motiv – mehr dazu im Kasten „Zum Cover“. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Mein Herz brennt4:39
  2. Links 2 3 43:36
  3. Sonne4:32
  4. Ich will3:37
  5. Feuer frei!3:11
  6. Mutter4:32
  7. Spieluhr4:46
  8. Zwitter4:17
  9. Rein raus3:09
  10. Adiós3:49
  11. Nebel4:54

Zum Cover

Das echte Cover von Mutter zeigt die Fotografie eines in Formaldehyd konservierten Fötus, aufgenommen von den Fotografen Daniel und Geo Fuchs. Die Band war laut übereinstimmenden Berichten zunächst auf eine ganz andere Serie der beiden aufmerksam geworden – konservierte Eisbärenembryonen – und entschied sich dann für das Motiv, das später auf dem Album landete.

Wir zeigen das Originalmotiv oben bewusst zurückhaltend: eine sachliche, museal anmutende Schwarzweiß-/Sepia-Aufnahme, kein Schockbild im eigentlichen Sinn – wer das Motiv dennoch lieber nicht sehen möchte, kann diesen Abschnitt einfach überspringen.

Zur Band selbst passt die Wahl gut: Mutter ist ein Album über Körper, die nicht so entstanden sind, wie Körper entstehen sollen – ein Kind aus dem Labor im Titeltrack, eine Figur zwischen den Geschlechtern in „Zwitter“. Das Cover nimmt diesen Gedanken vorweg, bevor die erste Note läuft.

Fotografie: Daniel & Geo Fuchs
Label: Motor Music / Universal Music, 2001
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.

„Your third album would define whether you were there to stay or just a flash in the pan.“

Jacob Hellner Produzent von Mutter, in einem bei Louder veröffentlichten Interview über die Entstehung des Albums

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Wie Mutter entstand
  3. 03Der Klang
  4. 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
  5. 05Warum es einen Abend trägt

01Der besondere Moment

Der Saal ist gebucht, das Orchester sitzt, die Uhr läuft. Für drei Stücke auf Mutter engagiert Rammstein zum ersten Mal ein echtes Orchester – statt der Streicher, die Keyboarder Christian „Flake“ Lorenz zuvor selbst am Synthesizer programmiert hatte. Aufgenommen wird auf der Scoring Stage in Berlin mit dem Deutschen Filmorchester Babelsberg, dirigiert von Günter Joseck; die Streicherarrangements stammen von Olsen Involtini.

Der Fehler in den Noten

Der Moment, in dem das Vorhaben fast scheitert, ist banal und teuer zugleich: In den Noten hat sich beim Übertragen ein Fehler eingeschlichen. Ein nach Stunden bezahltes Orchester spielt einen Satz, der so nicht gemeint war, und die Panne fällt erst während der laufenden Sitzung auf. Berichtet wird die Episode nur von einer Quelle, und die genaue Stelle, an der der Fehler entdeckt wurde, ist nicht überliefert. Sicher ist nur der Ausgang: Die Arrangeure korrigierten die betroffenen Passagen über Nacht, damit am nächsten Tag ohne einen zweiten, erneut kostspieligen Termin weitergearbeitet werden konnte.

Was diese Szene über das Album sagt, steht in der Entscheidung, sie überhaupt zu riskieren. Eine Band, die zwei Alben lang mit Sequenzern und Samplern gearbeitet hatte, buchte für Mutter ein Filmorchester und einen Dirigenten – mit allem Risiko, das ein Notenblatt mit sich bringt, das ein Computer nicht mehr korrigieren kann, sobald die Musikerinnen und Musiker im Saal sitzen.

Man hört das Ergebnis auf drei Stücken: „Mein Herz brennt“, „Mutter“ und „Nebel“ tragen die Orchesterparts, die in dieser Nacht gerettet wurden. Ob die Band selbst im Saal war, als der Fehler auffiel, ist nirgends festgehalten.

02Wie Mutter entstand

Vor der ersten Studiosession stand ein Rückzug. Im Herbst und Winter 1999 mietete sich die Band im Haus Weimar in Heiligendamm an der Ostsee ein, um in Ruhe vorzuproduzieren – abseits von Berlin, abseits von Terminen. Was dort entstand, war eine bewusste Abkehr vom Vorgängeralbum. Schlagzeuger Christoph Schneider hat das Ziel im Gespräch mit Kerrang! knapp zusammengefasst: „The main thing about the new album is we didn't want to make another Sehnsucht. We wanted to get away from the techno style.“

Gitarrist Paul Landers beschrieb im selben Gespräch, wie sich die Arbeitsweise änderte: „On our first and second album, we were very dependent on samplers and computerised music machinery, even to write the songs. And with Mutter, we really based the songs on the guitar and are only using technology to enhance it.“ Die Lieder entstanden also an der Gitarre statt am Rechner, das Sample kam danach, nicht zuerst.

Studio Miraval in der Provence

Aufgenommen wurde im Mai und Juni 2000 im Studio Miraval in Correns, einem Landgut in der Provence, in dem vor Rammstein bereits andere große Rockbands gearbeitet hatten. Produziert haben die Band selbst und Jacob Hellner, der schon die beiden Vorgängeralben betreut hatte und wusste, was auf dem Spiel stand: „Your third album would define whether you were there to stay or just a flash in the pan.“ Gemischt hat Stefan Glaumann in den MVG Studios, gemastert Howie Weinberg bei Masterdisk in New York.

Erschienen ist Mutter am 2. April 2001 bei Motor Music, vertrieben über Universal Music. Sechs Singles folgten bis 2002 – für ein Rammstein-Album zu diesem Zeitpunkt die höchste Zahl. Über einzelne Details der Chronologie, etwa die genaue Dauer der Aufnahmen in Miraval, geben die verfügbaren Quellen keine übereinstimmenden Wochenzahlen an; sicher ist die Größenordnung von wenigen Wochen im Frühsommer 2000.

03Der Klang

Der auffälligste Unterschied zu den beiden Vorgängeralben ist das Orchester. Auf „Mein Herz brennt“, „Mutter“ und „Nebel“ liegen echte Streicher und Bläser des Deutschen Filmorchesters Babelsberg unter den Gitarren, nicht mehr die Synthesizerflächen, die Flake zuvor selbst gespielt hatte. Der Rest des Albums bleibt näher an Gitarre und Schlagzeug, aber auch dort ist der Ansatz ein anderer: Die Songs wurden an der akustischen und elektrischen Gitarre geschrieben und erst danach mit Technik angereichert, nicht umgekehrt.

Der Chor aus der Sample-Bibliothek

Dazu kommt ein Detail, das leicht überhört wird: Der Chorgesang in „Sonne“ stammt nicht von einer Sängerin oder einem Chor im Studio, sondern aus der Sample- Bibliothek „Symphony of Voices“ von Spectrasonics. Ausgerechnet das Stück, das Rammstein später am weitesten trug, verdankt seinen orchestralen Anstrich also einer Software-Bibliothek und nicht dem neu engagierten Orchester.

Über allem liegt Till Lindemanns Bariton: tief, präzise artikuliert, mit einem rollenden R und einer Diktion, die auf Deutsch bewusst hart klingt. Das Genre, das Kritik und Publikum dafür geprägt haben, heißt Neue Deutsche Härte – eine Mischung aus Industrial Metal und Elementen, die auf früheren Rammstein-Alben nicht vorkamen: Orchestrierung, ruhige Strecken, ein Gespür für den großen, fast schon pathetischen Moment.

Wie stark dieser Kontrast trägt, hört man am deutlichsten im Titeltrack. „Mutter“ beginnt fast zurückgenommen, mit einer Strophe, die kaum lauter ist als Sprechen, und kippt im Refrain in einen von Streichern getragenen, riesig produzierten Ausbruch. Zwischen beiden Zuständen liegt kein behutsamer Übergang, sondern ein harter Schnitt – genau die Dynamik, die auf Sehnsucht so nicht vorkam.

Hörmoment

Mutter

Achten Sie auf den Sprung von der ersten Strophe in den Refrain: eine fast gesprochene, zurückgenommene Zeile kippt ohne Übergang in einen von Orchester und Gitarren getragenen Ausbruch.

Eine Sekundenangabe steht hier nicht, weil für dieses Album in keiner geprüften Quelle eine Zeitmarke genannt wird. Man erkennt die Stelle trotzdem: Es ist der Moment, an dem aus einem Zimmer plötzlich ein Saal wird.

04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Mutter eröffnet mit einer direkten Ansprache. „Mein Herz brennt“ beginnt mit Zeilen, die sich an Kinder richten, vorgetragen wie eine Warnung, unterlegt von einer Klangfläche, die eher nach Ouvertüre klingt als nach Albumeröffnung einer Metal-Band. Von dort aus zieht sich ein Thema durch mehrere Stücke, ohne dass es ein durchgehendes Konzeptalbum wäre: Körper, die nicht auf normalem Weg entstanden sind. Im Titeltrack erschafft ein Chemiker ein Kind ohne Mutter, das sich am Ende gegen die Frau richtet, die es „gemacht“ hat. In „Zwitter“ geht es um eine Figur zwischen den Geschlechtern. In „Spieluhr“ um ein Kind, das sich tot stellt und lebendig begraben wird – eine Angst, die Till Lindemann im Gespräch mit Kerrang! auf ihren Kern zurückgeführt hat: „It's the basic fear people have, to be buried alive … ultimately a good story.“

Diese Songs stehen nicht in einer erzählten Reihenfolge, aber sie kommentieren sich gegenseitig. Wer „Mutter“ gehört hat, hört „Zwitter“ anders. Die Klammer ist hier kein wiederkehrendes musikalisches Motiv, sondern ein wiederkehrendes Bild: der Körper als etwas, das gemacht, verändert oder verweigert wurde.

Die Kritik von Spin und NME

Die Gegenstimme sollte man kennen. Nicht jede Kritik war 2001 überzeugt: Spin vergab sechs von zehn Punkten, NME fünf von zehn, während Sputnikmusic die volle Punktzahl gab und Alternative Press vier von fünf. Der Vorwurf der skeptischeren Stimmen lief meist auf dasselbe hinaus: dass die neue Opulenz auch als Effekthascherei gelesen werden kann, als große Geste ohne die raue Direktheit der früheren Platten. Entkräften lässt sich das nicht vollständig – es ist eine Frage des Geschmacks, ob man den Bruch mit dem alten Sound als Mut oder als Berechnung hört.

Fast auf diesem Album

Klitschko

„Sonne“ war ursprünglich gar kein Rammstein-Song für ein Album. Laut Till Lindemann sollte das Stück den ukrainischen Boxer Vitali Klitschko in den Ring begleiten, mit dessen Nachnamen als Arbeitstitel. Am 16. April 2000 stellte die Band eine erste, deutlich andere Fassung live vor.

Aus der Boxhymne wurde nichts – Klitschko übernahm das Stück nicht, und Rammstein schrieb den Text komplett neu. Übrig blieb die Musik, die sich in „Sonne“ verwandelte: die erfolgreichste Singleauskopplung des Albums und, in Deutschland, die bis dahin höchstplatzierte Single der Band überhaupt.

05Warum es einen Abend trägt

Rund fünfundvierzig Minuten, elf Stücke, komplett auf Deutsch gesungen. Das ist an einem Hörabend kein Nachteil, sondern Teil der Wirkung: Man muss kein Wort verstehen, um zu hören, wie hart Lindemanns Konsonanten fallen und wie bewusst jede Zeile artikuliert ist. Wer Deutsch versteht, bekommt zusätzlich die Direktheit der Texte mit – Sätze, die im Deutschen oft roher klingen, als eine Übersetzung es je könnte.

Der Bogen zu „Nebel“

Die Platte ist außerdem so gebaut, dass sie eine Kurve beschreibt statt einer Aneinanderreihung von Hits. Sie eröffnet mit dem lautesten, orchestralsten Material und endet mit „Nebel“, einem ruhigen, fast schwebenden Stück, das nach zehn dichten Titeln bewusst leiser wird, statt mit einem weiteren Refrain zu schließen. Wer den Abend mit einem Knall beenden will, sollte das wissen: Mutter tut das nicht.

Ehrlich muss man auch die Zumutungen benennen. Die Themen sind schwer, das Coverbild – das hier nicht gezeigt wird – ist es ebenfalls, und der Bariton lässt wenig Raum für Nebenbei-Hören. Wer sich darauf einlässt, bekommt dafür ein Album, das seine Ernsthaftigkeit nicht behauptet, sondern durch Handwerk einlöst: ein Filmorchester, ein Studio in der Provence, ein Jahr Arbeit an einem Sound, den es bei dieser Band vorher nicht gab.

Eine gemeinsame Geschichte

In Deutschland, Österreich und der Schweiz stieg Mutter jeweils auf Platz eins ein. International ging es langsamer: In den USA erreichte das Album zunächst nur Platz siebenundsiebzig, in Großbritannien verfehlte es die Top vierzig. Breiter bekannt wurde die Band dort erst über Umwege – unter anderem, weil „Feuer frei!“ auf dem Soundtrack zum Kinofilm xXx lief und darüber auf MTV Beachtung fand.

2005 wählte das Magazin Rock Hard das Album auf Platz dreihundertvierundzwanzig seiner Liste der fünfhundert größten Rock- und Metal-Alben aller Zeiten. Sechs Singles, mehrfach Platin in Deutschland und Spanien, Gold in Großbritannien – Zahlen, die zeigen, dass sich der Bruch mit dem alten Sound am Ende ausgezahlt hat, auch wenn er zunächst ein Risiko war.

Wie klingt ein Abend, an dem eine Band bewusst den Sound aufgibt, der sie berühmt gemacht hat?