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1989Albumvorschlag

Like a Prayer

Madonna

Ein Getränkekonzern zahlte fünf Millionen Dollar dafür, den Song weltweit vorzustellen, bevor irgendjemand das dazugehörige Musikvideo gesehen hatte. Drei Tage nach der Ausstrahlung kündigte er den gesamten Vertrag – das Geld durfte Madonna behalten.

Elf Tracks, drei Produzenten, ein Gastgitarrist, der nur per Tonbandpost mitmischte, und ein Gospelchor im Regieraum. Was von diesem Album kursiert, ist der Skandal ums Video. Was dahinter steckt, ist eine Sängerin, die mitten in ihrer Scheidung Songs über ihre Mutter, ihren Vater und ihren Glauben schrieb – und sie in wenigen Stunden fertig hatte.

  • Laufzeitrund 51 Minuten
  • Titel11
  • Jahr1989
  • AufgenommenJohnny Yuma Recording Burbank, Saturn Sound Sherman Oaks, Ocean Way Hollywood, Paisley Park Chanhassen
Nahaufnahme von Madonnas Hüfte in einer offenen blauen Jeans; ihre mit Ringen und einem Rosenkranz geschmückten Finger halten den obersten Knopf, ihr Gesicht ist nicht zu sehen.
Madonna, Like a Prayer, Sire/Warner Bros. 1989. Fotografie Herb Ritts, Art Direction Jeri Heiden, Logo-Gestaltung Margo Chase. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Like a Prayer5:41
  2. Express Yourself4:39
  3. Love Song4:52
  4. Till Death Do Us Part5:16
  5. Promise to Try4:21
  6. Cherish5:03
  7. Dear Jessie4:20
  8. Oh Father4:57
  9. Keep It Together5:03
  10. Spanish Eyes5:15
  11. Act of Contrition2:19

Zum Cover

Kein Gesicht. Zum ersten Mal auf einem Studioalbum zeigt das Cover nicht Madonnas Kopf, sondern eine Nahaufnahme ihrer Hüfte: eine offene blaue Jeans, die obersten beiden Knöpfe gelöst, dazu Finger voller Ringe und ein Rosenkranz, der den Bund zusammenhält. Fotografiert hat Herb Ritts, einer der gefragtesten Modefotografen jener Jahre und schon damals mit Madonna vertraut.

Die Art Direction stammt von Jeri Heiden, das Logo – der geschwungene Schriftzug, den Madonna seither mit diesem Album verbindet – von Margo Chase. Auf den weiteren Bildern der Hülle wechseln sich Berichten zufolge zwei ganz andere Madonnas ab: eine tanzende Silhouette in wehendem violetten Chiffon und eine betende Figur mit dunklem Haar. Je nach Format – CD oder Vinyl – tauschen diese beiden Motive ihre Plätze zwischen Vorder-, Rück- und Innenhülle.

Zusammen ergibt das drei Madonnas, die auf dem Cover selbst nirgends als dieselbe Person zu erkennen sind: eine körperliche, eine tänzerische, eine betende. Der Rosenkranz auf dem Titelbild ist dabei kein religiöses Beiwerk, sondern die knappste Zusammenfassung des Albuminhalts, die sich denken lässt – Körper und Katholizismus, nebeneinander, ohne Kommentar.

Fotografie: Herb Ritts
Art Direction: Jeri Heiden
Logo-Gestaltung: Margo Chase
Label: Sire/Warner Bros., 1989
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.

„We called it the divorce album. […] It was a hard time for her.“

Patrick Leonard Ko-Produzent und Co-Autor des Albums, im Rückblick des Musikmagazins Classic Pop auf die Sessions zu Like a Prayer

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Wie Like a Prayer entstand
  3. 03Der Klang
  4. 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
  5. 05Warum es einen Abend trägt

01Der besondere Moment

Oben auf dem Notenblatt steht ein einziges Wort: „tango“. Mehr nicht – kein Songtitel, kein Text, nur ein Klavierstück, das Patrick Leonard an diesem Morgen für sich allein geschrieben hatte, ohne zu wissen, ob daraus überhaupt etwas werden würde. Madonna kam ins Studio, hörte sich die Aufnahme einmal an, setzte sich hin und schrieb den Text dazu. Danach sang sie eine Gesangsspur ein, die als Vorlage gedacht war – und ging nach Hause.

Am Ende dieses einen Tages existierte „Spanish Eyes“ als fertiger Song. Leonard hat die Entstehung später so beschrieben: „Like most of Like A Prayer, it was written in a day. I wrote this at the piano and at the top of the page, it says 'tango'. She [arrived] in the morning, listened to it, wrote the lyric, put a guide vocal down, and went home.“ Wie viele Stunden dazwischen genau lagen, ist nirgends festgehalten – nur, dass es kein zweiter Anlauf war.

„A Song a Day“

Dieses Tempo war für die Sessions offenbar die Regel, nicht die Ausnahme. Leonard hat rückblickend zusammengefasst, dass er und Madonna „a song a day“ schrieben und die Ergebnisse hinterher kaum noch änderten: ein paar Stunden, dann war ein Track fertig. Für ein Album, das sich mit Scheidung, Kindheit und Glauben beschäftigt, ist das eine ungewöhnliche Arbeitsweise – man würde eher lange Überarbeitung erwarten als Songs, die im ersten Versuch stehen bleiben.

Was diese eine Sitzung über das ganze Album verrät, ist genau das: Wie wenig hier nachträglich geglättet wurde. Auch bei den Gesangsspuren blieb es häufig bei der ersten Aufnahme, weil sie roher und unmittelbarer klang als jede sorgfältigere Wiederholung. „Spanish Eyes“ ist dafür nur das Beispiel mit der schönsten Randnotiz: einem Wort, das mit dem fertigen Song nichts mehr zu tun hat.

02Wie Like a Prayer entstand

Aufgenommen wurde zwischen September 1988 und Januar 1989, in vier verschiedenen Studios: Johnny Yuma Recording und Saturn Sound, beide im Großraum Los Angeles, dazu Ocean Way in Hollywood und, für einen einzelnen Track, Paisley Park in Chanhassen, Minnesota – das Studio von Prince. Erschienen ist das Album am 20. beziehungsweise 21. März 1989, je nachdem, ob man das europäische oder das US-amerikanische Datum nimmt.

In diese Monate fiel das Ende von Madonnas Ehe mit dem Schauspieler Sean Penn. Patrick Leonard, der gemeinsam mit ihr den Großteil der Songs schrieb, hat die Sessions im Rückblick unumwunden benannt: „We called it the divorce album.“ Nach seiner Erinnerung dauerte damals so gut wie alles länger, „as she kept breaking down in the studio“. Der zweite feste Produzent, Stephen Bray, arbeitete vor allem an den tanzbareren, funk-nahen Stücken, hörbar orientiert an Sly & the Family Stone.

Madonna selbst hat die Themenwahl später als bewusste Entscheidung beschrieben, nicht als Zufall: „I didn't try to candycoat anything or make it more palatable for mass consumption. I wrote what I felt.“ Katholische Erziehung, die früh verstorbene Mutter, das schwierige Verhältnis zum Vater und die eigene Ehe – all das findet sich unter den elf Tracks wieder, in Titeln wie „Oh Father“, „Promise to Try“ und „Till Death Do Us Part“.

Prince per Tonbandpost

Der dritte Produzent kam nicht regelmäßig ins Studio, sondern per Post. Prince und Madonna kannten sich seit den American Music Awards 1985 und hatten zuvor schon einmal versucht, gemeinsam ein Album zu machen – ein Plan, der an der Entfernung zwischen Los Angeles und Minneapolis scheiterte. Für „Like a Prayer“ funktionierte ein loseres Verfahren: Bandaufnahmen wurden zwischen beiden Studios hin- und hergeschickt. Prince schrieb und produzierte „Love Song“ mit, sang darauf mit, und spielte – ohne dafür auf dem Cover genannt zu werden – Gitarre auf dem Titeltrack, auf „Keep It Together“ und auf „Act of Contrition“.

Für den Titeltrack holte Madonna zusätzlich den Gospelchor von Andraé Crouch ins Studio. Crouch, der seine Aufträge nach eigener Aussage sehr genau auswählte, hat die Entscheidung so begründet: „we're very particular in choosing what we work with, and we liked what we heard.“ Kurz vor Veröffentlichung schloss Madonna zudem einen Fünf-Millionen-Dollar-Vertrag mit Pepsi, der den Song in einem TV-Werbespot einführen sollte, noch bevor irgendjemand das eigentliche Musikvideo gesehen hatte – sie selbst nannte das später „the ultimate meeting of art and commerce“. Das Video, das einen Tag nach dem Werbespot auf MTV lief, zeigte brennende Kreuze, Wundmale und eine Szene, in der Madonna einen schwarzen Heiligen küsst. Kirchliche Gruppen und der Vatikan protestierten, Pepsi zog den gesamten Werbevertrag zurück – das bereits gezahlte Honorar durfte Madonna behalten.

03Der Klang

Aufgenommen und gemischt hat Bill Bottrell, auf einer Studer A827-Vierundzwanzigspurmaschine. Anders als bei Madonnas früheren, stärker im Sequencer gebauten Dance-Pop-Alben spielte für „Like a Prayer“ häufiger eine echte Band gemeinsam ein: Jeff Porcaro und Jonathan Moffett wechselten sich am Schlagzeug ab, Randy Jackson und Guy Pratt am Bass, Bruce Gaitsch an der Gitarre, Patrick Leonard an den Keyboards. Das ergibt einen Klang, der voller wirkt als der der Vorgängeralben – weniger Loop, mehr Raum, mehr Anschlag.

Am deutlichsten hört man das im Titeltrack. Der Gospelchor liegt nicht als Effekt obendrüber, sondern trägt einen ganzen Abschnitt des Songs allein, bevor Band und Stimme wieder einsetzen – ein Aufbau, der aus einer Kirche stammt, nicht aus einem Dance-Club. Dazwischen liegt, kaum wahrnehmbar, Prince' Gitarre: mitgespielt in Minneapolis, eingeflogen nach Los Angeles, und auf der Hülle mit keinem Wort erwähnt.

Der zweite Baustein ist der Funk-Anteil aus Stephen Brays Beiträgen, hörbar in „Express Yourself“ und „Keep It Together“ – straffere Grooves, mehr Bläser-artige Synthesizerflächen, näher an klassischer Soul-Produktion als an der eher glatten Machart der Vorgängeralben. Und der dritte Baustein sind die leisen Stücke: „Cherish“, „Dear Jessie“ und „Promise to Try“ arbeiten mit deutlich weniger Schlagzeug und mehr Klavier, was den Kontrast zu den lauten Tracks erst hörbar macht.

„They're Fine“

Zur Erzählung vom „ersten Take, der stehen blieb“ passt eine Beobachtung Madonnas selbst: „A lot of the vocals we kept were the first takes. They were a lot more spontaneous and emotional and integral to the music. We had every intention of going back and fixing them, but when we listened to them, we said: 'Why should we? They're fine'.“ Genau diese Unschärfe an einzelnen Stellen – ein Atemzug zu früh, eine Silbe zu weich – ist es, die man beim genauen Hören wiederfindet.

Hörmoment

Like a Prayer

Achten Sie auf die Gitarrenlinie, die kurz vor dem letzten Refrain unter den Chor gemischt ist. Sie stammt von Prince – eingespielt in Minneapolis, ohne Namensnennung auf der Hülle.

Eine Sekundenangabe steht hier nicht, weil für dieses Album in keiner geprüften Quelle eine Zeitmarke genannt wird. Der Wechsel von reinem Chorgesang zurück zur vollen Band ist trotzdem unüberhörbar.

04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Elf Tracks, die sich lesen lassen wie ein Ablauf: eine Anrufung am Anfang, ein Bekenntnis am Ende. Der Titeltrack öffnet mit einer Bitte („Like a Prayer“), der letzte Track heißt „Act of Contrition“ – nach dem katholischen Reuegebet, das Madonna aus ihrer Kindheit kannte. Dazwischen liegt, was man ein Geständnis nennen könnte: Auftritt, Rückzug, Verlust, Wut, Versöhnungsversuch.

Diese Struktur war laut Leonard kein vorab feststehendes Konzept, sondern das Ergebnis von Songs, die einzeln und schnell entstanden und sich erst in der Rückschau zu einem Ganzen fügten. Drei dieser Songs – der Titeltrack, „Promise to Try“ und „Oh Father“ – werden im Rückblick gelegentlich als eine Art innerer Kern des Albums beschrieben, weil sie am direktesten von Verlust und Autorität handeln.

Eine Biografie statt Rollen

Was das Album zusammenhält, ist also weniger ein musikalisches Motiv als eine durchgehende Erzählhaltung: Wo frühere Alben Rollen anboten, bietet dieses eine Biografie an. Selbst die tanzbaren Tracks – „Express Yourself“, „Cherish“ – sind in diesem Rahmen keine reinen Party-Nummern, sondern Behauptungen von Eigenständigkeit, die neben den ernsteren Stücken bestehen müssen.

Drei Songs im Zentrum

Like a Prayer, Promise to Try, Oh Father

Diese drei Tracks werden im Rückblick manchmal als eine Art innere Achse des Albums bezeichnet: der Titeltrack als Bekenntnis zum Glauben, „Promise to Try“ als Auseinandersetzung mit der früh verstorbenen Mutter, „Oh Father“ als Abrechnung mit einer autoritären Vaterfigur. Leonard selbst hat „Oh Father“ als einen der besten Songs bezeichnet, die er mit Madonna gemacht hat.

05Warum es einen Abend trägt

Rund einundfünfzig Minuten, elf Tracks, ein Bogen von hymnischem Chorgesang bis zu einem knapp zweieinhalbminütigen Schlusspunkt. Die erste Hälfte des Albums ist die lautere, tanzbarere – Titeltrack, „Express Yourself“, „Love Song“ – die zweite Hälfte wird stiller und langsamer, bis hin zu „Act of Contrition“, das nicht mit einem großen Finale endet, sondern mit einem knappen, fast abrupten Schluss.

Das ist eine ungewöhnliche Entscheidung für ein Album, das kommerziell auf Nummer eins zielte. Statt eines großen letzten Auftritts steht am Ende ein kurzes, sperriges Stück – passend zu einem Album, das sich insgesamt weniger um Show dreht als seine Vorgänger und mehr um das, was dahinter liegt.

Der Pepsi-Vertrag

Zur kommerziellen Seite gehört trotzdem die Geschichte drumherum: der Pepsi-Vertrag, das zurückgezogene Sponsoring, der Skandal ums Video. Für einen Hörabend ist das kein Nebensächliches, sondern Gesprächsstoff – ein Album, das man auch dann kennt, wenn man es noch nie am Stück gehört hat, gerade wegen dieser Geschichte.

Eine gemeinsame Geschichte

Innerhalb von drei Wochen erreichte das Album Platz eins der US-Albumcharts und hielt sich dort sechs Wochen, insgesamt siebenundsiebzig Wochen in den Charts. In den USA gilt es als vierfach platin, weltweit sollen mehr als fünfzehn Millionen Exemplare verkauft worden sein, mit Chartspitzen in rund zwanzig Ländern.

Der Titeltrack wurde Madonnas siebte Nummer-eins-Single in den USA, „Express Yourself“ und „Cherish“ kamen jeweils auf Platz zwei. Auf der MTV-Preisverleihung desselben Jahres bedankte sich Madonna bei Pepsi – der Berichterstattung zufolge sinngemäß dafür, „für so viel Kontroverse gesorgt“ zu haben.

Wie klingt ein Album, das mit einem Gebet beginnt und mit einer Beichte endet?