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1994Albumvorschlag

Illmatic

Nas

Ein Zwanzigjähriger mit zwei bekannten Gastversen bekam Beats von DJ Premier, Pete Rock, Q-Tip und Large Professor angeboten – und wusste selbst nicht recht, womit er das verdient hatte.

Zehn Tracks, fünf Produzenten, keine einzige Zeile zu viel. Was heute als eines der am häufigsten zitierten HipHop-Alben überhaupt gilt, entstand über gut zwei Jahre in New Yorker Studios, aus Gastversen, Mundpropaganda und einem Vorschuss, der immer wieder aufgebraucht war.

  • Laufzeitrund 40 Minuten
  • Titel10
  • Jahr1994
  • AufgenommenBattery Studios, Unique Recording, Chung King Studios und D&D Recording, New York City
Das Albumcover von Illmatic: ein Schwarzweißfoto des siebenjährigen Nas, halbtransparent über eine Ansicht der Queensbridge-Wohnblocks in Queens gelegt.
Nas, Illmatic, Columbia Records 1994. Fotografie Danny Clinch, Gestaltung Aimée Macauley. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. The Genesis1:45
  2. N.Y. State of Mind4:53
  3. Life's a Bitch (feat. AZ)3:30
  4. The World Is Yours4:50
  5. Halftime4:20
  6. Memory Lane (Sittin' in da Park)4:08
  7. One Love5:25
  8. One Time 4 Your Mind3:18
  9. Represent4:12
  10. It Ain't Hard to Tell3:22

Zum Cover

Zu sehen ist ein Kind: Nas im Alter von sieben Jahren, als Schwarzweißfoto, halbtransparent über eine Aufnahme der Queensbridge Houses gelegt, jener Sozialwohnungssiedlung in Queens, in der er aufgewachsen ist. Die Gestalterin Aimée Macauley hatte das Motiv vorgeschlagen; Nas soll zuvor auch eine ganz andere Idee erwogen haben, ein Bild mit religiösem Motiv – belegt ist das nur über eine einzelne Quelle, gesichert ist allein das fertige Cover.

Das Kinderfoto stammt aus Nas' eigenem Familienbesitz, den Stadtblock im Hintergrund fotografierte Danny Clinch, der zur selben Zeit auch die Innenfotos der Platte machte. Die Idee dahinter lässt sich aus dem Ergebnis ablesen: ein Rückblick auf die Kindheit an genau dem Ort, über den das Album fast durchgehend erzählt, ohne dass Nas selbst als Erwachsener zu sehen wäre.

Zum Klang der Platte passt das Bild gut. Zehn Tracks, die aus derselben Handvoll Wohnblöcken berichten, gerahmt von einem Cover, das genau diese Blöcke zeigt – nicht als Kulisse, sondern als Ausgangspunkt.

Fotografie: Danny Clinch
Gestaltung: Aimée Macauley
Label: Columbia Records, 1994
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.

„It's one of the roots of the tree of hip-hop, because a lot of styles came from that.“

Large Professor Produzent von „Halftime“ und „It Ain't Hard to Tell“, im Rückblick auf Illmatic gegenüber Grammy.com

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Wie Illmatic entstand
  3. 03Der Klang
  4. 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
  5. 05Warum es einen Abend trägt

01Der besondere Moment

Im D&D Recording an der 39. Straße in Manhattan läuft der Beat zu „N.Y. State of Mind“. Nas steht vor dem Mikrofon und murmelt sich den Text leise vor, noch bevor die Aufnahme beginnt – er ordnet die Zeilen im Kopf, bevor er sie ausspricht. Dann nimmt er die erste Strophe auf, in einem einzigen Durchgang, ohne Unterbrechung.

DJ Premiers Erinnerung

DJ Premier, der die Session leitete, hat sich an den Moment danach erinnert: „He did the whole first verse in one take, and I remember when he finished the first verse, he stopped and said, ‚Does that sound cool?'“ Die Antwort im Regieraum war eindeutig – niemand hatte gerechnet, dass das, was gerade beiläufig eingesungen worden war, so stehen bleiben würde.

Der Text beginnt mit einer Zeile, die genau diese Unsicherheit einfängt: „I don't know how to start this shit.“ Was wie ein Zögern klingt, ist im fertigen Take ein Einstieg, der sofort trägt. Premier hatte den Beat aus Jazzplatten gebaut, ein Klavierloop, ein Schlagzeugbreak, dazu gescratchte Stimmfetzen – Nas' Aufgabe war, darüber eine Strophe zu legen, die diesen Anspruch hält. Dass sie im ersten Versuch stand, ist das, was Premier bis heute erzählt.

Was diese Szene über das ganze Album sagt, steht in dem Verhältnis von Vorbereitung und Ausführung. Zehn Tracks, fünf verschiedene Produzenten, und in der Mitte ein Rapper, der die meisten seiner Strophen offenbar so aufnahm: einmal murmeln, einmal einsprechen, fertig. Man hört diese Ökonomie in fast jedem Track der Platte.

Erzählt wird die Szene im Kern von einem Zeugen, von Premier selbst, in einem mündlichen Rückblick für das Magazin XXL. Ob es tatsächlich nur ein einziger Take war oder ob spätere Korrekturen folgten, lässt sich von außen nicht prüfen – überliefert ist allein diese eine Erinnerung.

02Wie Illmatic entstand

Nasir Jones wuchs in den Queensbridge Houses in Queens auf, der größten Sozialwohnungssiedlung Nordamerikas, als Sohn des Jazz- und Bluesmusikers Olu Dara. Er verließ die Schule nach der achten Klasse und brachte sich vieles selbst bei. Sein professionelles Debüt gab er 1991 unter dem Namen „Nasty Nas“ mit einem Gastvers auf Main Source's „Live at the Barbeque“, produziert von Large Professor – eine Strophe, die in der New Yorker Szene sofort Aufmerksamkeit erregte.

Größere Label winkten zunächst ab. Erst als MC Serch von 3rd Bass 1992 Nas' Management übernahm und Kontakt zu Faith Newman aufnahm, der A&R-Chefin bei Columbia/Sony, kam ein Vertrag zustande. Newman hatte Nas schon Jahre zuvor über dieselbe „Live at the Barbeque“-Strophe wahrgenommen.

Von der Unterschrift bis zur Veröffentlichung vergingen über zwei Jahre. Berichten zufolge war Nas ein Perfektionist, der wiederholt über das veranschlagte Budget hinaus im Studio blieb, während Newman auf ein fertiges Album drängte. Was in dieser Zeit entstand, war zugleich ungewöhnlich besetzt: Statt eines einzelnen Produzenten holte sich Nas gleich mehrere der zu dieser Zeit gefragtesten New Yorker Beatbauer an Bord – DJ Premier, Large Professor, Pete Rock, Q-Tip und L.E.S. –, jeder mit ein oder zwei Tracks.

Q-Tips erster Eindruck

Wie sehr man Nas zutraute, war offenbar schon vor der Veröffentlichung Gesprächsstoff. Q-Tip, der mit „One Love“ beisteuerte, hat die erste Begegnung so beschrieben: „When I first heard him rhyme, I knew he was ill.“ Nas selbst hat rückblickend erzählt, wie unwirklich ihm die eigene Position vorkam, mit gerade einmal zwei bekannten Gastversen plötzlich Beats von Produzenten dieses Rangs angeboten zu bekommen.

Aufgenommen wurde in mehreren New Yorker Studios – unter anderem Battery Studios, Unique Recording, Chung King Studios und D&D Recording –, je nachdem, wo der jeweilige Produzent arbeitete. Veröffentlicht wurde Illmatic am 19. April 1994 über Columbia Records, mit gerade einmal zehn Tracks und ohne ein einziges Feature außer AZ auf „Life's a Bitch“.

03Der Klang

Fünf Produzenten, ein Sound: Illmatic hält zusammen, obwohl jeder Beitrag eine eigene Handschrift trägt. DJ Premier baute „N.Y. State of Mind“ aus einem Klavierloop von Joe Chambers und Samples von Donald Byrd, dazu gescratchte Stimmfetzen. Pete Rock stieß für „The World Is Yours“ eher zufällig auf den passenden Beat, wie er es selbst beschrieben hat: „We went through beats and stumbled across that one … Next thing you know, we in Battery Studios knocking it down.“ Large Professor steuerte mit „Halftime“ und „It Ain't Hard to Tell“ gleich zwei Tracks bei, Letzteren gebaut unter anderem um ein Sample aus Michael Jacksons „Human Nature“. Q-Tip lieferte mit „One Love“ einen der ruhigeren Beats der Platte, L.E.S. zeichnete für „Life's a Bitch“ und „The Genesis“ verantwortlich.

Verbunden ist das Ganze durch den Umgang mit Jazz- und Soul-Samples aus den Siebzigern – von Byrd über den Gap Band bis zu Grover Washington Jr. – und durch eine Rhythmik, die man später als klassischen New-Yorker-Boom-Bap bezeichnete: harte Snares, tief gesetzte Bassdrums, wenig Chorus, viel Raum für den Text.

Olu Daras Kornett-Solo

Der auffälligste Ausreißer im Klangbild ist kein Sample, sondern ein Live-Instrument: Am Ende von „Life's a Bitch“ spielt Olu Dara, Nas' Vater, ein Kornett-Solo. Nas hat den Auftrag dazu selbst formuliert: „I asked my dad to play on the end of it – I told him to play whatever comes to mind when he thinks of me as a kid.“ Für zwanzig Sekunden verlässt die Platte damit komplett das Sample-Vokabular und wird, kurz, zu einem Jazzstück.

Der Rest bleibt trocken und nah gemischt, ganz auf die Stimme hin gebaut. Anders als bei vielen Platten mit mehreren Produzenten hört man keinen Bruch zwischen den Tracks – nicht, weil die Beats sich ähneln, sondern weil Nas' Phrasierung über allen gleich klingt: dicht, bildstark, ohne die Zeile für einen Reim zu verbiegen.

Hörmoment

Life's a Bitch

Achten Sie auf die letzten Sekunden des Tracks. Nach dem letzten Vers von AZ und Nas bricht der Beat weg, und ein Kornett übernimmt allein – gespielt von Olu Dara, Nas' Vater.

Eine Sekundenangabe steht hier bewusst nicht, weil dafür in keiner geprüften Quelle eine Zeitmarke genannt wird. Die Stelle findet sich ohnehin von selbst: Es ist der einzige Moment der Platte, an dem kein Sample und keine Stimme, sondern ein einzelnes, live gespieltes Instrument den Schluss macht.

04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Zehn Tracks in knapp vierzig Minuten, keiner davon mit zwei vollen Strophen zu viel. Wer Illmatic zum ersten Mal hört, bemerkt vor allem, was fehlt: kein Skit, kein Hook-Rapper, kein Track, der nur der Kollegen wegen da ist. Bis auf einen Gastvers von AZ bestreitet Nas jede Zeile selbst.

Dass die Platte trotz fünf verschiedener Produzenten wie aus einem Guss wirkt, liegt an einer einzigen konstanten Erzählperspektive: Queensbridge. Die Wohnblöcke, die Freunde, die Verluste – sie tauchen in „N.Y. State of Mind“ genauso auf wie in „Memory Lane“ oder „One Love“, in dem Nas Briefe an inhaftierte Bekannte richtet. Wer einen Track herausnimmt, nimmt eine Perspektive aus einem größeren Bild, nicht ein austauschbares Stück.

59.000 verkaufte Exemplare

Die Gegenstimme sollte man kennen: Kommerziell blieb Illmatic beim Erscheinen zunächst hinter den Erwartungen zurück, mit rund 59.000 verkauften Exemplaren in der ersten Woche und Platz 12 der Billboard 200 – deutlich weniger, als es der spätere Ruf vermuten lässt. Spätere Alben von Nas verkauften sich zeitweise besser, ohne den kritischen Rang von Illmatic zu erreichen.

Was man nicht behaupten sollte: dass hier ein durchgehendes musikalisches Motiv läuft, das die Tracks verklammert. Kein geprüfter Text beschreibt ein wiederkehrendes Sample oder Thema über die gesamte Platte. Die Klammer ist inhaltlich und stimmlich, nicht kompositorisch.

Fast ein anderes Cover

Die verworfene Idee

Einer Quelle zufolge soll Nas vor der finalen Entscheidung ein ganz anderes Motiv erwogen haben, mit religiöser Bildsprache. Belegt ist das nur an dieser einen Stelle; wer die Idee zuerst hatte und wie weit sie gedieh, ist nicht überliefert.

Durchgesetzt hat sich am Ende der Vorschlag von Aimée Macauley: das Kinderfoto über den Queensbridge Houses. Rückblickend liest sich diese Wahl fast wie eine Zusammenfassung des Albums selbst.

05Warum es einen Abend trägt

Rund vierzig Minuten, zehn Tracks, kein einziger über fünfeinhalb Minuten. Vorn steht mit „The Genesis“ eine knappe Minute Intro – Ausschnitte aus Nas' eigener „Live at the Barbeque“-Strophe, montiert mit Dialogzeilen aus dem HipHop-Film Wild Style –, dahinter folgen die Tracks dicht getaktet, ohne Verschnaufpausen.

Der Bruch in dieser Dichte ist „Life's a Bitch“ mit seinem Kornett-Ausklang: ein Moment, in dem die Platte für zwanzig Sekunden den Beat verlässt und etwas Persönliches zulässt, bevor „The World Is Yours“ das Tempo wieder aufnimmt. In einer Hörrunde wird an dieser Stelle regelmäßig kurz still.

Ehrlich muss man sagen, was das Album verlangt: Es ist textlich dicht, auf Deutsch nicht ohne Übersetzung vollständig zugänglich, und es verlangt Aufmerksamkeit für Details, die beim ersten Hören leicht übergangen werden. Wer nur nebenbei hören will, sollte ein anderes Album wählen.

Die In-Store-Vorstellung

Zurück gibt die Platte eine seltene Erfahrung: zehn Tracks, die sich wie ein einziger, fortlaufender Bericht anhören. Nas selbst hat beschrieben, wie ihm klar wurde, dass daraus mehr werden würde als ein Tape unter vielen – bei einer In-Store-Vorstellung, als er die Menge sah: „When I saw the crowd, it really let me know that this is gonna be something.“ Nach dem letzten Track, „It Ain't Hard to Tell“, muss niemand sofort etwas sagen.

Eine Anerkennung, die wuchs

Das Magazin The Source vergab für Illmatic die Höchstwertung von fünf Mikrofonen – zu diesem Zeitpunkt eine Seltenheit, die Redaktion hatte sie zuvor über zwei Jahre lang an kein Album vergeben. Kommerziell blieb der Erfolg zunächst bescheiden, wuchs über die Jahre aber stetig: Zweifach-Platin in den USA, Aufnahme in die National Recording Registry der Library of Congress 2021, Platz 44 in der Rolling-Stone-Liste der 500 größten Alben aller Zeiten von 2020.

Was blieb, ist die Dauer eines Rufs, der nicht über Verkaufszahlen entstand, sondern über Weiterempfehlung unter Musikerinnen und Musikern, Kritikerinnen und Kritikern – Jahrzehnt für Jahrzehnt.

Wie klingt eine Platte, für die ein Zwanzigjähriger sich die Zeilen erst leise vorsagen musste, bevor er sie für immer aufnahm?