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1993Albumvorschlag

Enter the Wu-Tang (36 Chambers)

Wu-Tang Clan

Ein Vierteljahr bevor ein Label unterschrieb, presste die Gruppe ihre erste Single auf eigene Kosten und brachte sie selbst unter die Leute – erst danach kam der Plattenvertrag.

Neun Rapper aus Staten Island, ein Produzent, ein winziges Studio in Brooklyn und praktisch kein Geld. RZA hat aus diesen Bedingungen einen Sound gebaut, der bewusst roh blieb, und aus neun Einzelstimmen ein Kollektiv, das jeder Einzelne danach für eine eigene Karriere nutzen durfte.

  • Laufzeitrund 58 Minuten
  • Titel12
  • Jahr1993
  • AufgenommenFirehouse Studio, Brooklyn (weitere Session-Arbeit vereinzelt in anderen kleinen Studios); Mastering im Hit Factory, New York
Das Albumcover von Enter the Wu-Tang (36 Chambers): mehrere vermummte Mitglieder des Wu-Tang Clan in Kapuzenpullis und Sturmhauben vor dunklem Grund, darüber das goldene Wu-Tang-Logo.
Wu-Tang Clan, Enter the Wu-Tang (36 Chambers), Loud/RCA 1993. Fotografie Daniel Hastings. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Bring da Ruckus4:10
  2. Shame on a Nigga2:57
  3. Clan in da Front4:33
  4. Wu-Tang: 7th Chamber6:05
  5. Can It Be All So Simple6:53
  6. Da Mystery of Chessboxin'4:48
  7. Wu-Tang Clan Ain't Nuthing ta F' Wit3:36
  8. C.R.E.A.M.4:12
  9. Method Man5:50
  10. Protect Ya Neck4:52
  11. Tearz4:17
  12. Wu-Tang: 7th Chamber – Part II6:10

Zum Cover

Sechs vermummte Gestalten in Kapuzenpullis und Sturmhauben, darüber das goldene Wu-Tang-Logo. Fotografiert hat Daniel Hastings, unter anderem in der leerstehenden Synagoge Angel Orensanz Foundation an der Lower East Side. Von neun Mitgliedern erschienen einer Schilderung von Hastings zufolge nur sechs zum Termin – die Sturmhauben lösten das Problem, wer wer ist, gleich mit.

Hastings hat die Bildidee später so beschrieben: „I heard the Wu-Tang, I gave it a visual of what the record sounded like. The sound helped me visualize it.“ Als Vorbild diente ihm der Auftritt der Gruppe auf der Branchenmesse Jack the Rapper, wo mehrere Mitglieder maskiert die Bühne gestürmt hatten.

Fotografie: Daniel Hastings
Label: Loud/RCA, 1993
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.

„I want all of y'all to get on this bus. And be passengers. And I'm the driver. And nobody can ask me where we going. Give me five years, and I promise that I'll get us there.“

RZA Produzent des Albums, über sein Konzept für den Klan, im Gespräch mit NPR

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Der Klang
  3. 03Warum es einen Abend trägt
  4. 04Wie Enter the Wu-Tang entstand
  5. 05Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

01Der besondere Moment

Am 14. Dezember 1992 erscheint eine Zwölfzoll-Single, die kein großes Label veröffentlicht hat. „Protect Ya Neck“, selbst gepresst und über die eigene Firma Wu-Tang Records vertrieben, mit „Method Man“ auf der B-Seite. Ein Vertrag existiert zu diesem Zeitpunkt nicht. RZA hatte zuvor bereits eine Solokarriere unter dem Namen Prince Rakeem versucht und war von einem Label fallengelassen worden – diesmal sollte niemand entscheiden, ob die Musik ein Publikum verdient, außer das Publikum selbst.

Protect Ya Neck

Die Single verbreitet sich in New York vor allem über Mundpropaganda und Radio-Mixshows, ohne Werbeetat, ohne Promotion-Apparat. Genau dieser Umweg – erst Beweis, dann Verhandlung – ist es, der wenige Monate später zum Plattenvertrag mit dem jungen Label Loud Records führt, das über RCA vertreibt. 1993 wird „Protect Ya Neck“ darüber erneut veröffentlicht und verkauft sich noch einmal in einer fünfstelligen Stückzahl.

Was diese Szene über das ganze Album sagt, steht in der Reihenfolge: Nicht das Label hat diese Musik ermöglicht, die Musik hat sich das Label organisiert. Der raue, unfertige Klang der Single ist kein Kompromiss, den ein Label später glattschleifen ließ – er ist unverändert der Klang des fertigen Albums.

Die Eckdaten des Selbstvertriebs – Datum, Vertrieb über Wu-Tang Records, spätere Wiederveröffentlichung bei Loud – stehen unabhängig in mehreren Quellen. Wie viele Exemplare in der ersten Pressung tatsächlich verkauft wurden, ist nicht verlässlich beziffert.

04Wie Enter the Wu-Tang entstand

Neun MCs aus Staten Island, alle miteinander verwandt oder befreundet, hatten vor diesem Album bereits einzeln versucht, in der New Yorker Rap-Szene Fuß zu fassen – mit wenig Erfolg. RZAs Idee war eine ungewöhnliche Umkehrung: erst als Kollektiv auftreten, sich einen Namen erarbeiten, und danach jedem einzelnen Mitglied die Tür zu einer Solokarriere bei einem beliebigen Label offenhalten. Er soll das Vorhaben den anderen als Fünfjahresplan verkauft haben, mit dem sinngemäßen Versprechen, er werde sie „an die Spitze“ bringen, wenn sie ihm die Zeit dafür gäben.

Ausgehandelt wurde entsprechend ungewöhnlich: Der Vertrag mit Loud Records soll RZA zufolge in der Größenordnung von etwa 60.000 US-Dollar gelegen haben – wenig für ein Nachwuchslabel mit neun Rappern –, band aber nur den Namen Wu-Tang Clan an Loud, während einzelne Mitglieder gleichzeitig Soloverträge bei anderen großen Labels unterschreiben durften. Diese Konstruktion war Kalkül: Statt zwei starke Stimmen bei einem einzigen Label zu bündeln, sollte jedes große Label sein eigenes Wu-Tang-Mitglied bekommen.

Aufgenommen wurde 1992 und 1993 überwiegend im Firehouse Studio in Brooklyn, einem kleinen, günstigen Raum, ergänzt durch vereinzelte Sessions in anderen kleinen Studios. Das Budget war nach übereinstimmenden Berichten extrem knapp: Ausrüstung wurde geliehen oder gebraucht gekauft, unter anderem die drei eingesetzten Sampler. Bei manchen Aufnahmen sollen bis zu neun Leute gleichzeitig im Raum gewesen sein, sodass RZA eigenen Angaben zufolge zeitweise kaum an sein eigenes Mischpult herankam.

RZA allein für zwei Wochen

RZA arbeitete an einem zentralen Teil der Musik zudem bewusst allein: Nach eigener Schilderung zog er sich für rund ein bis zwei Wochen zurück, um Beats und Skits zu einer zusammenhängenden Platte zu montieren, ohne dass die übrigen Mitglieder das Ergebnis vor der Fertigstellung hörten. Produziert hat er praktisch jeden Track selbst; als Koproduzenten sind für einzelne Stücke zusätzlich Ol' Dirty Bastard und Method Man genannt. Gemastert wurde bei Chris Gehringer im Hit Factory in New York. Veröffentlicht ist das fertige Album am 9. November 1993.

02Der Klang

Der Mastering-Ingenieur Chris Gehringer hat die Rohmischungen, die bei ihm ankamen, unverblümt beschrieben: „It was a little bit of a shit-show! It wasn't the cleanest.“ Das war kein Betriebsunfall, sondern das Ergebnis einer bewussten Haltung, die die Gruppe ihm gegenüber selbst so zusammengefasst haben soll: Man sei nicht auf audiophile Perfektion aus, sondern auf einen Klang, der zur eigenen Herkunft passt.

RZAs Technik bestand darin, an sich saubere Soul- und Jazz-Samples aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren zu verzerren: im Tempo und in der Tonhöhe verschoben, mit rauen, verzerrten Drum-Sounds unterlegt, die eher nach Fehlzündungen als nach sauberen Breaks klingen. Das Klavier-Sample, auf dem „C.R.E.A.M.“ aufbaut, stammt von einer Stax/Volt-Aufnahme der Gruppe The Charmels aus dem Jahr 1967; RZA verwendete davon gezielt nur die ersten Sekunden und legte die Klaviertöne wie scharfe Splitter unter den Track.

Das Klavier-Sample von C.R.E.A.M.

Dazu kommen die Kung-Fu-Filmsamples: Dialogfetzen aus Martial-Arts-Filmen der Siebzigerjahre eröffnen mehrere Tracks und liefern die Zwischentitel des Albums, darunter Zitate, die auf Filme wie Shaolin and Wu Tang zurückgehen sollen. Sie sind nicht schmückendes Beiwerk, sondern ein durchgehendes Konzeptelement, das dem gesamten Album seinen Titel und seinen Untertitel gibt: „36 Chambers“ verbindet die neun Mitglieder mit der Zahl der Kammern des titelgebenden Films und mit einer in der Five-Percent-Nation-Zahlensymbolik verankerten Lesart, nach der neun Personen mit je vier Herzkammern rechnerisch auf sechsunddreißig kommen.

Diesen rohen, sample-basierten Boom-Bap-Sound setzte die Gruppe bewusst gegen den damals kommerziell dominanten, glatter produzierten New-School- und G-Funk-orientierten Sound. Wo andere Produktionen 1993 auf Klarheit und Polish setzten, ließ RZA Verzerrung, Bandrauschen und raue Kanten stehen – ein Gegenentwurf, der von der Kritik rückblickend häufig als eigenständiger, prägender Produktionsstil beschrieben wird.

05Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Zwölf Tracks, neun Stimmen, und doch kein Sampler-Sortiment von Einzelauftritten. Was die Platte zusammenhält, ist die durchgehende Klangwelt aus Kung-Fu-Dialogen, rohen Drums und verzerrten Soul-Samples, die zwischen den Strophen immer wieder auftaucht und die einzelnen Stücke wie Kapitel eines Films wirken lässt, statt wie eine lose Liste von Beiträgen.

Dazu kommt die Struktur des Konzepts selbst: RZA hatte für neun sehr unterschiedliche Persönlichkeiten – vom kryptisch-philosophischen GZA über den chaotischen Ol' Dirty Bastard bis zum baritonschweren Method Man – eine gemeinsame Bühne gebaut, auf der jede Stimme erkennbar bleibt, ohne dass das Ganze auseinanderfällt. Tracks wie „Wu-Tang: 7th Chamber“ und seine Fortsetzung am Ende der Platte funktionieren dabei fast wie eine Klammer, die das Album rahmt.

Tourés Einwand

Kritisch anzumerken ist, dass nicht jede zeitgenössische Stimme diese Bündelung feierte. Rolling-Stone-Kritiker Touré beschrieb die Gruppe 1993 eher zurückhaltend als eine Ansammlung von „ciphers than masterful creations“ – ein Einwand, der sich genau gegen die kollektive Anlage des Albums richtet, die andere Kritiker später als seine größte Stärke lobten. Ausräumen lässt sich dieser Einwand nicht vollständig; er zeigt aber vor allem, wie ungewohnt dieses Nebeneinander vieler Stimmen für 1993 war.

03Warum es einen Abend trägt

Rund achtundfünfzig Minuten, zwölf Tracks, dazwischen Filmdialoge statt Werbepausen. Wer das Album am Stück hört, hört auch die Bedingungen mit, unter denen es entstand: ein Studio ohne Geld für Politur, ein Produzent, der die Fehler stehen ließ, weil sie zum Klang gehörten. Genau diese Unfertigkeit ist es, die auf einer alten Anlage vom Band besonders gut trägt – ein Sound, der ohnehin nie auf digitale Präzision aus war, verliert im Analogen nichts, sondern gewinnt.

Der Reiz des vollständigen Durchhörens liegt darin, dass die neun Stimmen sich im Kontext gegenseitig erklären: Wer nur eine Single kennt, kennt einen Auftritt. Wer das Album durchhört, hört, wie unterschiedlich diese neun Rapper an dieselbe Beatbasis herangehen, und versteht dadurch besser, warum aus diesem einen Album später neun einzelne Karrieren wurden.

Platz 27 bei Rolling Stone

Die spätere Einordnung bestätigt diesen Eindruck der Geschlossenheit im Rückblick. Enter the Wu-Tang (36 Chambers) gilt heute als eines der einflussreichsten Hip-Hop-Alben überhaupt, wurde 2022 in die National Recording Registry der Library of Congress aufgenommen und stand 2020 auf Platz 27 der von Rolling Stone aktualisierten Liste der 500 größten Alben aller Zeiten. Als Startpunkt der sogenannten Wu-Tang-Dynastie gilt es zudem als die Blaupause für die vielen Solo-Alben der neun Mitglieder, die in den folgenden Jahren folgten.

Eine gemeinsame Geschichte

Kommerziell begann die Platte bescheiden: In der ersten Woche verkaufte sie sich rund 30.000 Mal und erreichte Platz 41 der Billboard 200 – weit entfernt von den Verkaufszahlen der damals dominierenden West-Coast-Produktionen.

Was blieb, ist die Dauer: Bis November 2025 wurde das Album in den USA vierfach mit Platin ausgezeichnet. Kein einzelner Hit hat diese Platte dorthin getragen – es war das ganze Album, das sich über Jahre weiterverbreitet hat.

Wie hört sich ein Album an, das aus purer Not heraus roh bleiben musste – und genau dadurch zu einem eigenen Sound wurde?