1989Albumvorschlag
Doolittle
Pixies
Für den Refrain eines Songs über einen toten Affen ließ der Produzent zwei Geigerinnen und zwei Cellisten aus einem Provinzorchester holen – weil ihm gefiel, wie die Bassistin mit einem Plek auf die Flügelsaiten klopfte.
Fünfzehn Tracks in knapp neununddreißig Minuten, aufgenommen in dreieinhalb Wochen in einem Vorstadtstudio bei Boston, mit einem Produzenten, den die Band eigentlich nicht wollte. Was man von diesem Album kennt, ist der Krach. Was man seltener hört, ist die Arbeit, die ihn geordnet hat.
- Laufzeitrund 39 Minuten
- Titel15
- Jahr1989
- AufgenommenDowntown Recorders, Boston – Mischung im Carriage House, Stamford (Connecticut)
Tracklist
- Debaser2:52
- Tame1:55
- Wave of Mutilation2:04
- I Bleed2:34
- Here Comes Your Man3:21
- Dead2:21
- Monkey Gone to Heaven2:56
- Mr. Grieves2:05
- Crackity Jones1:24
- La La Love You2:43
- No. 13 Baby3:51
- There Goes My Gun1:49
- Hey3:31
- Silver2:25
- Gouge Away2:45
Zum Cover
Ein Affenkopf mit Heiligenschein, vor dunklem Rot, umschlossen von einem Kranz aus Perlen und den Ziffern fünf, sechs und sieben – direkt aus dem Text von „Monkey Gone to Heaven“ übernommen, wo diese Zahlen für Mensch, Teufel und Gott stehen. Es ist eines von fünfzehn Motiven, die Fotograf Simon Larbalestier und Designer Vaughan Oliver für dieses Album gebaut haben: für jeden Track ein eigenes Bild, meist aus zwei fremden Elementen zusammengesetzt – ein Beckenknochen und ein Stöckelschuh für „Tame“, ein Löffel mit Haaren quer über einem Frauentorso für „Gouge Away“.
Larbalestier hat später erzählt, was diese Platte von den vorherigen Pixies-Covern unterschied: „It was the first time that Vaughan and I had access to Charles' hand-written lyrics, and his rich use of language made it easier for me to begin to construct image scenarios.“ Gearbeitet wurde ohne Digitaltechnik, wie er betont: „There was no computer software or complex filter/mirror set-ups used, and the lighting was simple tungsten reflected.“ Die Vorlage für die Bildsprache insgesamt war ein Film: Luis Buñuels und Salvador Dalís surrealistischer Kurzfilm Un Chien Andalou von 1929, auf den auch Sänger Black Francis textlich zurückgriff.
Zum Klang der Platte passt das Verfahren gut: Wie Produzent Gil Norton im Studio aus einem beiläufigen Geräusch eine Arrangementidee machte, bauten Larbalestier und Oliver aus zwei beliebigen Gegenständen ein Bild. Beide Male entsteht Bedeutung erst in der Kombination, nicht im Einzelteil.
Fotografie: Simon Larbalestier
Gestaltung: Vaughan Oliver (v23)
Label: 4AD / Elektra, 1989
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„The most important thing with the Pixies – and something I still try to retain – was the word 'portable.' A song had to be portable.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie Doolittle entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Im Regieraum des Downtown Recorders in Boston steht ein Flügel. Während eine Aufnahme von „Monkey Gone to Heaven“ läuft, setzt sich Kim Deal daran und beginnt, mit einem Plektrum auf die Saiten zu tippen, im Takt des Stücks: Ding-ding-ding-ding-ding. Es ist keine geplante Aufnahme, nur eine Angewohnheit während des Wartens. Produzent Gil Norton hört im Regieraum zu – und bleibt hängen.
Norton hat den Moment später selbst erzählt: „Kim was playing a grand piano in the studio, picking the strings with a plectrum while the track was playing: 'Ding-ding-ding-ding-ding...' I just thought this sounded great, so I broached the idea and we ended up putting that on the chorus.“ Damit war die Sache aber nicht erledigt. Norton dachte den Gedanken weiter, bis daraus ein Streicherarrangement wurde – das erste auf einer Pixies-Platte. „So, I just used two violins and two cellos“, sagt er, „I wanted plucked strings, not to be overpowering but just to be in there as a texture.“
Ein Orchester aus Boston
Für die Sitzung engagierte er Musikerinnen und Musiker aus einem Orchester der Region: die Geigerinnen Karen Karlsrud und Corine Metter, die Cellisten Arthur Fiacco und Ann Rorich. Noten gab es keine. „They were from a local orchestra and they were really cool“, sagt Norton, „I sang to Arthur what I wanted to be played and he just sketched it out for me.“ Aus einem beiläufigen Klopfgeräusch wurde so binnen weniger Tage der einzige Streichersatz des Albums.
Was diese Szene über die ganze Platte sagt, liegt in der Reihenfolge der Ereignisse: nicht Konzept zuerst und Ausführung danach, sondern ein Zufall im Regieraum, den jemand ernst genommen hat. „Monkey Gone to Heaven“ bleibt trotz Streichern knapp drei Minuten lang und fügt sich nahtlos zwischen die schroffere Gitarrenmusik davor und danach ein. Der Umweg über den Flügel hat die Platte nicht verlangsamt.
Erzählt wird die Szene im Kern von einem Zeugen, von Norton selbst. Die Besetzung der Streicher und ihre Herkunft aus einem Boston-Orchester sind unabhängig davon dokumentiert. Ob Deal ihre eigene Angewohnheit später wiedererkannt hat, ist nirgends überliefert.
02Wie Doolittle entstand
Die Entscheidung, die dieses Album prägte, fiel schon vor der ersten Aufnahme: die Wahl des Produzenten. Nach Surfer Rosa, das 1988 mit Steve Albini entstanden war, kehrte die Band ihm den Rücken. Black Francis hat das Verhältnis rückblickend wenig freundlich beschrieben: „Steve Albini had been presented to us by the record company. But he had all these bohemian ideals. He called himself an engineer.“ Es ist eine einseitige Schilderung, aus einem Interview Jahrzehnte später – Albinis eigene Sicht auf die Zusammenarbeit ist an anderer Stelle deutlich differenzierter überliefert. Für Doolittle holte das Label 4AD jedenfalls einen anderen: Gil Norton, bis dahin vor allem bekannt durch seine Arbeit mit Echo & the Bunnymen.
Vor der eigentlichen Aufnahme stand eine Phase, die man heute Pre-Production nennen würde: Norton ließ die Band ihre Skizzen mehrfach durchspielen und drängte darauf, Strophen und Refrains zu verlängern. Francis leistete Widerstand – mit einem Tonträger als Beweisstück. „A lot of the arrangements were pretty short, and Gil suggested we lengthen them“, erinnert er sich, „I went out, picked up a Buddy Holly record and played him one of the songs, which was about a minute and fourteen seconds.“ Am Ende einigte man sich in der Mitte: Von rund zwei Dutzend Songideen schafften es fünfzehn aufs Album, die meisten weiterhin unter drei Minuten, nur drei etwas darüber.
Die Buddy-Holly-Platte
Aufgenommen wurde vom 31. Oktober bis zum 23. November 1988 im Downtown Recorders in Boston, einem 24-Spur-Studio, mit Norton selbst als Toningenieur und Dave Snider sowie Matt Lane als Assistenz. Besetzt war die Band wie gewohnt: Black Francis sang und spielte Rhythmus- und Akustikgitarre, Kim Deal Bass und Gesang, Joey Santiago Leadgitarre, David Lovering Schlagzeug – und bei „La La Love You“ ausnahmsweise die Lead-Stimme, während Deal dort Schlagzeug übernahm. Gemischt wurde anschließend nicht mehr in Boston, sondern im Carriage House in Stamford, Connecticut, unter der Regie von Toningenieur Steve Haigler.
Veröffentlicht wurde die Platte am 17. April 1989 in Großbritannien über 4AD, einen Tag später in den USA über Elektra, das für den amerikanischen Markt lizenziert hatte. Zwischen erster Session und Verkaufsstart lagen damit keine sechs Monate – ungewöhnlich kurz für ein Album, das danach jahrzehntelang als Referenzpunkt zitiert werden sollte.
03Der Klang
Norton beschreibt sein Leitprinzip mit einem einzigen Wort: „portable“. Ein Song musste, so wörtlich, auch ohne das ganze Arrangement funktionieren – „a song had to be portable“, sagt er, ein Grundsatz, den er nach eigener Aussage bis heute in jeder Produktion mitträgt. Erst wenn das stand, kamen Schichten dazu: mehrfach übereinandergelegte Gitarrenspuren, Kompression, Hall und Delay, mit denen Norton die schlanken Songgerüste der Band auffüllte.
Wie genau er das tat, hat er im Interview mit dem Fachmagazin Sound on Sound offengelegt. An der Bassdrum stand meist ein AKG D12. Die Snare auf „Monkey Gone to Heaven“ dagegen war ein Spielzeug: „the snare sound on 'Monkey Gone To Heaven' was a toy snare, a little five-inch Premier snare that you couldn't do anything with.“ Bei den Overheads entschied die gewünschte Härte über das Mikrofon: „if I wanted a bit more of a hard-sounding cymbal, I'd use a 414 fairly close, whereas for more of a room sound I'd use the 87 a little bit higher up.“
Decken auf dem Marshall-Cabinet
Gegen den vollen, gestapelten Gitarrensound gab es im Studio auch Widerstand – von Joey Santiago selbst. „I was a little concerned about there being too much reverb on the guitars“, erzählt er. „One day Gil came in and I'd covered my Marshall cabinets with blankets, just to make sure the point was taken.“ Ob die Decken tatsächlich etwas am Mix geändert haben, ist nicht überliefert – als Botschaft kam die Geste jedenfalls an, weil sie bis heute erzählt wird.
Der Kontrast zu Surfer Rosa war Absicht. Wo Albini ein Jahr zuvor die Band roh und raumnah abgebildet hatte, verdichtete Norton den Klang: mehr Schichten, mehr Kontrolle, ein deutlicherer Sprung zwischen leisen und lauten Passagen. Genau dieser Sprung, das Leise-Laut-Leise-Prinzip, trägt praktisch jeden Track der Platte – Strophen oft nur mit Bass, Schlagzeug und einer Gitarre, Refrains mit doppelt gelegten, verzerrten Spuren.
Hörmoment
Monkey Gone to Heaven
Der Refrain zählt: „If man is 5, then the devil is 6, then god is 7“ – eine Zahlenreihe mit Anleihen bei biblischer Numerologie, gesungen über die gezupften Streicher und die winzige Spielzeug-Snare. Drei technische Nebensächlichkeiten – ein Fünf-Zoll-Trommelfell, vier geliehene Orchestermusiker, ein Plektrum auf Klaviersaiten – tragen hier gemeinsam eine Zeile, die von Weltuntergang und Arithmetik handelt.
Eine Sekundenangabe steht hier bewusst nicht, weil für dieses Album in keiner geprüften Quelle eine Zeitmarke genannt wird. Die Stelle erkennt man ohnehin: Es ist der einzige Moment der Platte, an dem ein Streichersatz zu hören ist.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Fünfzehn Tracks ohne gemeinsame Erzählung – und doch ein wiederkehrendes Bildsystem. Black Francis griff für seine Texte tief in die Bibel: die Geschichte von David und Batseba steckt in „Dead“, die von Samson und Delila in „Gouge Away“. Dazwischen liegen surrealistische Fragmente, allen voran „Debaser“, Francis' Hommage an Luis Buñuels und Salvador Dalís Kurzfilm Un Chien Andalou. Andere Zeilen sind schlicht autobiografisch verfremdet: „Crackity Jones“ geht auf einen tatsächlichen Zimmergenossen zurück, den Francis während eines Auslandssemesters an der Universität von Puerto Rico hatte – „my allocated room-mate never showed up. Then suddenly he was there one day, like a scene from a film.“
Dasselbe Verfahren trägt das Cover: kein durchgehendes Motiv, sondern fünfzehn einzelne Bilder, für jeden Track eines, gebaut aus zwei fremden Objekten. Was die Songs im Text tun – Bibel, Film und Alltagsbeobachtung zusammenzwingen – wiederholen Larbalestier und Oliver auf der Hülle in Fotografien. Die Klammer dieses Albums ist also kein Thema, sondern eine Methode, die auf mehreren Ebenen gleichzeitig läuft: im Text, im Bild und, wie das vorige Kapitel zeigt, auch im Arrangement.
Albini gegen Norton
Die Gegenstimme sollte man kennen. Bis heute ist unter Kritikerinnen und Kritikern nicht ausgemacht, ob Nortons verdichtete, geschichtete Produktion der Band besser stand als Albinis raue Aufnahme von Surfer Rosa ein Jahr zuvor – für einen Teil des Publikums bleibt Doolittle die glattere, radiofreundlichere der beiden Platten. Entschieden ist diese Debatte nicht, und sie muss es auch nicht sein: Beide Aufnahmen dokumentieren dieselbe Band in zwei unterschiedlichen Zuständen.
Zum Cover, noch einmal
Was auf der Hülle nach reiner Provokation aussieht, war Handwerk. Larbalestier arbeitete ohne Retusche und ohne Studiotricks – „no computer software or complex filter/mirror set-ups“ –, sondern mit einfachem Kunstlicht und Gegenständen, die er selbst zusammenstellte. Zum ersten Mal, sagt er, hatte er dabei Francis' handschriftliche Texte vor sich liegen, was die Bildfindung erleichterte.
Der Affe mit Heiligenschein ist damit kein Zufallsmotiv, sondern eine wörtliche Übersetzung der Zahlenzeile aus „Monkey Gone to Heaven“ – fünf, sechs, sieben, am Bildrand als Perlen und Ziffern mitgeführt.
05Warum es einen Abend trägt
Neununddreißig Minuten, fünfzehn Tracks, kein einziger über vier Minuten. Das Leise-Laut-Prinzip aus dem Studio funktioniert nicht nur innerhalb einzelner Songs, sondern auch über die gesamte Abfolge: Auf schroffe, kurze Nummern wie „Tame“ oder „Crackity Jones“ folgen regelmäßig Verschnaufpausen.
Zwei davon fallen besonders auf. „La La Love You“ ist die einzige Aufnahme der Platte mit David Lovering als Leadstimme – er hat später erzählt, wie viel ihn das gekostet hat: „That was a pretty big thing for me. I had to work my ass off to get it right because that's tough to sing.“ Kurz danach folgt „Silver“, eine reduzierte, fast folkige Nummer, auf der Deal Slide-Gitarre spielt und Lovering den Bass übernimmt – eine kurze Rollentauschzone mitten im Album, bevor „Gouge Away“ es wieder aufreißt.
Ehrlich muss man auch sagen, was die Platte nicht ist: kein leiser, geschlossener Höhrabend wie manch anderes Album dieser Reihe. Doolittle bleibt von Anfang bis Ende unruhig, mit kurzen Erholungsphasen statt einem einzigen ruhigen Zentrum. Wer einen durchgehend sanften Abend sucht, ist hier falsch – wer wissen will, wie ein Album fünfzehnmal hintereinander die Spannung aufbaut und wieder löst, findet hier ein Lehrstück.
Kurt Cobains Eingeständnis
Dass dieses Prinzip weit über 1989 hinauswirkte, ist gut belegt. Kurt Cobain hat mehrfach öffentlich eingeräumt, wie stark Nirvana bei den Pixies Anleihen nahm: „I was basically trying to rip off the Pixies“, sagte er 1994 gegenüber Rolling Stone, „we used their sense of dynamics, being soft and quiet and then loud and hard.“ Wie genau sich das auf einzelne Nirvana-Songs übertragen lässt, wird unterschiedlich beurteilt – als grobe Linie vom Leise-Laut-Prinzip dieses Albums zum Grunge der frühen Neunziger gilt die Aussage aber als gesichert.
Eine gemeinsame Geschichte
Zum Erscheinen war der kommerzielle Erfolg überschaubar: Platz acht in den britischen Albumcharts, in den USA nur ein kurzer Einstieg auf Platz hunderteinundsiebzig mit späterem Höchststand um Platz achtundneunzig. In den unabhängigen Charts stand die Platte dagegen auf Platz eins. Jahresbestenlisten von Rolling Stone und der Village Voice führten sie 1989 unter den zehn besten Alben, Sounds und der Melody Maker kürten sie direkt zum Album des Jahres.
Was blieb, war wieder die Dauer statt der Chartwoche: In den USA wurde Doolittle erst 2018 mit Platin ausgezeichnet, fast dreißig Jahre nach Erscheinen, nachdem sich die Platte laut Angaben des Labels 4AD über Jahre hinweg kontinuierlich weiterverkauft hatte. Kein Hit hat diese Platte dorthin getragen. Sie hat sich selbst so lange gehalten, bis die Zahlen es eingeholt haben.
Wie klingt ein Album, dessen ruhigster Moment von seinem Schlagzeuger gesungen wird?
Weiterhören
-
Nirvana
Nevermind
1991
Kurt Cobain hat es selbst zugegeben: Ohne das Leise-Laut-Prinzip von Doolittle klänge dieses Album anders. Zwei Platten, ein Baukasten.
Zur Album-Story → -
The Velvet Underground & Nico
The Velvet Underground & Nico
1967
Auch hier trifft Kunstkonzept auf Rockband, und auch hier stammt ein Teil der Wirkung aus bewusst hässlichen, verfremdeten Bildern – im Text wie auf der Hülle.
Zur Album-Story → -
Joy Division
Unknown Pleasures
1979
Eine andere Band, ein anderer Produzent mit sehr eigenem Kopf: Wo Gil Norton bei den Pixies verdichtete, hat Martin Hannett hier ausgedünnt – beide Male entstand daraus ein Sound, der die Band selbst überraschte.
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