1979Albumvorschlag
Unknown Pleasures
Joy Division
Für ein einziges Stück ließ der Produzent den Schlagzeuger sein komplettes Set auseinanderbauen und jede Trommel einzeln aufnehmen – auf der Suche nach einem Rasseln, das nur er hören wollte.
Zehn Tracks, drei Wochenenden im April 1979, ein Produzent, der das Ergebnis mehr geformt hat, als die Band es sich gewünscht hätte. Was man von diesem Album kennt, ist sein Klang: kühl, leer, endlos hallend. Was man weniger kennt, ist, wie fremdbestimmt dieser Klang entstanden ist – und wie sehr genau er das Album bis heute trägt.
- Laufzeitrund 39 Minuten
- Titel10
- Jahr1979
- AufgenommenStrawberry Studios, Stockport
Tracklist
- Disorder3:36
- Day of the Lords4:48
- Candidate3:05
- Insight4:30
- New Dawn Fades4:48
- She's Lost Control3:56
- Shadowplay3:54
- Wilderness2:38
- Interzone2:16
- I Remember Nothing5:53
Zum Cover
Kein Bandname, kein Albumtitel, kein Foto der vier Musiker. Nur weiße Linien auf schwarzem Grund: einhundert übereinandergestapelte Kurven, jede eine Reihe von Radiopulsen. Die Vorlage zeigt Messdaten des Pulsars CP 1919, des ersten je entdeckten – gefunden 1967 von der Doktorandin Jocelyn Bell Burnell und ihrem Betreuer Antony Hewish in Cambridge. Aufbereitet hatte die Kurven der Radioastronom Harold D. Craft Jr. 1970 für seine Dissertation am Arecibo-Observatorium; gedruckt war sie unter anderem in der Cambridge Encyclopaedia of Astronomy.
Gefunden hat das Bild die Band selbst, nicht der Gestalter. Peter Saville hat später beschrieben, wie ungewöhnlich das war: „This was the first and only time that the band gave me something that they'd like for a cover.“ Manager Rob Gretton brachte ihm eine Mappe mit der Kurvengrafik aus einem Astronomiebuch und dem Titel dazu. Saville erkannte sofort die Doppeldeutigkeit des Motivs: „The wave pattern was so appropriate – it's both technical and sensual.“
Verändert hat er trotzdem etwas Grundlegendes: Im Original stehen die Wellen hell auf dunklem Grund, hier ist es umgekehrt, tiefschwarz mit weißen Linien. Saville begründete das damit, dass es so schlicht eindrucksvoller wirke. Dass auf dem Cover nirgends „Joy Division“ oder „Unknown Pleasures“ steht, war eine bewusste Absage an das, was die Band als aufdringliche Popästhetik empfand.
Zum Klang der Platte passt das Bild ungewöhnlich genau, ohne dass es geplant gewesen wäre: ein Signal aus großer Entfernung, von Instrumenten aufgezeichnet, die nichts von der menschlichen Stimme dahinter wissen. Auch das Album hört sich streckenweise so an – vier Musiker, aufgenommen wie ein Messvorgang.
Bildvorlage: Harold D. Craft Jr., Dissertation Arecibo-Observatorium, 1970
Gestaltung: Peter Saville
Label: Factory Records, 1979
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„Ich konnte meine Enttäuschung nicht verbergen. Es klang wie Pink Floyd.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie Unknown Pleasures entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Irgendwann in diesen drei Aprilwochenenden 1979 steht Stephen Morris mit seinem Schlagzeug nicht im Aufnahmeraum der Strawberry Studios, sondern auf dem Dach des Gebäudes. Einer Schilderung zufolge hatte Martin Hannett einen Klang im Kopf, den er im Studio nicht bekam, und schickte den Schlagzeuger kurzerhand nach draußen. An anderer Stelle wird berichtet, Hannett habe Morris einmal das gesamte Set zerlegen lassen, Trommel für Trommel, weil er ein Rasseln gehört haben wollte, das sonst niemand wahrnahm – und danach jedes einzelne Fell separat aufgenommen, statt das Kit als Ganzes zu mikrofonieren.
Bernard Sumners Enttäuschung
Für eine Band, die sich selbst als lauter, körperlicher Live-Act verstand, war das eine fremde Arbeitsweise. Kein gemeinsamer Take, kein Gefühl im Raum, sondern Bauteile, die später zusammengesetzt wurden. Bernard Sumner hat die Erfahrung im Rückblick so zusammengefasst: „The production inflicted this dark, doomy mood over the album: we'd drawn this picture in black and white, and Martin had coloured it in for us. We resented it...“
Was diese Szene über das ganze Album sagt, steht genau in diesem Widerspruch. Vier Musiker liefern das Material, ein Produzent zerlegt es in Einzelteile und setzt es nach eigenen Vorstellungen neu zusammen – und genau diese Fremdheit ist es, die dem Album seinen unverwechselbaren Klang gibt. Ohne das zerlegte Schlagzeug klänge „Unknown Pleasures“ wie eine von vielen Punk-Nachfolgeplatten aus Manchester 1979. Mit ihm klingt es wie nichts davor.
Belegt ist die Grundidee – jede Trommel einzeln statt als Kit – in mehreren, voneinander unabhängigen Quellen übereinstimmend. Das Dach wird nur in einer Schilderung genannt; an welchem der drei Wochenenden das war, ist nirgends festgehalten.
02Wie Unknown Pleasures entstand
Aufgenommen wurde in den Strawberry Studios in Stockport, südlich von Manchester – einem Haus, das zuvor Mitglieder von 10cc mitgegründet hatten und das über ein eigens gebautes 24-Kanal-Helios-Pult sowie zwei EMT-140-Hallplatten verfügte. Gearbeitet wurde nach einheitlicher Darstellung an drei aufeinanderfolgenden Wochenenden zwischen dem 1. und 17. April 1979: am ersten und zweiten Wochenende spielte die Band von Freitagabend bis in den Samstagmorgen die Grundspuren ein, das dritte gehörte fast ausschließlich Martin Hannett und Toningenieur Chris Nagle für den Mix.
Die Band bestand aus Ian Curtis (Gesang), Bernard Sumner (Gitarre, Keyboards), Peter Hook (Bass, bei „Interzone“ auch Leadgesang) und Stephen Morris (Schlagzeug). Aufgenommen wurden in diesen Sitzungen einer Quelle zufolge insgesamt sechzehn Tracks; sechs davon schafften es nicht auf die Platte. Zehn blieben übrig, verteilt auf die beiden Plattenseiten, die auf dem Etikett nicht mit Ziffern, sondern mit Wörtern beschriftet sind: „Outside“ und „Inside“.
Ian Curtis' Epilepsie-Diagnose
Wenige Wochen vor Beginn der Sitzungen, am 23. Januar 1979, war bei Ian Curtis Epilepsie diagnostiziert worden. Die verordneten Medikamente gegen die Anfälle veränderten seine Stimmung stark; wie stark sich die Diagnose auf die konkreten Aufnahmesitzungen im April auswirkte, ist nicht im Einzelnen dokumentiert. Belegt ist, dass Curtis wenige Monate zuvor als Arbeitsvermittler in einem Job-Center in Macclesfield eine junge Frau betreut hatte, die an Epilepsie litt und bei fast jedem Termin einen Anfall erlitt; als sie nicht mehr erschien, erfuhr er, dass sie an einem solchen Anfall gestorben war. Diese Begegnung liegt dem Text von „She's Lost Control“ zugrunde, einem der zehn Tracks des Albums.
Vertrieben wurde die Platte über Factory Records, das kleine Manchester-Label von Tony Wilson und Alan Erasmus, unter der Katalognummer FACT 10. Erschienen ist sie am 15. Juni 1979, in einer ersten Auflage von zehntausend Exemplaren. Verkauft hat sich das Album zunächst zäh; in den offiziellen britischen Albumcharts tauchte es 1979 gar nicht auf. Erst die separat aufgenommene Single „Transmission“ brachte im Herbst genug Aufmerksamkeit, dass die erste Pressung ausverkauft wurde.
03Der Klang
Das Grundwerkzeug war ein damals seltenes Gerät: der AMS DMX 15-80, einer der ersten digitalen Delays überhaupt, dazu ein Marshall Time Modulator. Hannett schickte die Snare durch extrem kurze, gegatete Verzögerungen und verteilte das Signal weit im Stereobild – ein Effekt, der dem Schlagzeug auf dem Album seine unnatürliche, fast metallische Räumlichkeit gibt. Statt Nachhall aus dem Raum zu holen, baute er ihn aus der Maschine.
Dazu kam eine Vorliebe für Klänge, die mit Rockmusik erst einmal nichts zu tun haben. Für „She's Lost Control“ ersetzte eine Sprühdose statt einer Hi-Hat den metallischen Anschlag; für „I Remember Nothing“ zerschlug Bandmanager Rob Gretton auf Hannetts Anweisung hin Milchflaschen im Studio, das Mikrofon lief mit. Der Fahrstuhl der Strawberry Studios, der mit einem eingebauten Leslie-Lautsprecher ausgestattet war, lieferte weiteres Ambientmaterial. Für „Insight“ ließ Hannett Curtis' Gesang über eine Telefonleitung mitschneiden, um, wie er es nannte, „the requisite distance“ zu bekommen.
Peter Hooks Widerstand im Studio
Und er bestand darauf, jedes Instrument einzeln aufzunehmen – siehe das zerlegte Schlagzeug aus dem ersten Kapitel – statt die Band gemeinsam spielen zu lassen. Für vier Musiker, die live von der gegenseitigen Reibung lebten, war das eine Zumutung. Peter Hook hat die Reaktion im Studio später so erinnert: „Ian and Steve loved it. Me and Barney hated it. We thought it was too weak.“ Erst Jahre später revidierte er das öffentlich: „Martin Hannett created the Joy Division sound.“ Zu Hannetts eigener Haltung gegenüber der Band wird immer wieder ein Satz zitiert, den er in Interviews und im Dokumentarfilm „Joy Division“ (2007) sinngemäß wiederholt haben soll: Die Band sei „a gift to the producer“ gewesen, „because they didn't have a clue“ – eine Einschätzung, die belegt, wie viel Kontrolle er sich nahm, aber selbst nicht wörtlich in einer einzigen Quelle steht.
Ian Curtis und Stephen Morris standen dem Ergebnis nach übereinstimmenden Berichten aufgeschlossener gegenüber als Hook und Sumner. Morris hat später argumentiert, eine Platte müsse nicht wie ein Konzert klingen, sondern dürfe etwas Eigenes sein. Damit hat er, mit dem Abstand von Jahrzehnten, die Auseinandersetzung im Studio für sich entschieden: Genau die Distanz, gegen die zwei Bandmitglieder sich wehrten, ist der Grund, warum das Album bis heute anders klingt als jede Liveaufnahme der Band.
Hörmoment
Insight
Zu Beginn des Tracks liegt auf der Stimme ein dünner, blecherner Klang, der nicht zum Rest der Aufnahme passt – als spreche jemand aus einem anderen Raum. Das ist kein Effektgerät, sondern eine Telefonleitung, über die Curtis' Gesang mitgeschnitten wurde.
Eine Sekundenangabe steht hier nicht, weil für dieses Album in keiner geprüften Quelle eine Zeitmarke genannt wird. Der Bruch ist trotzdem nicht zu überhören: Sobald der Refrain einsetzt, ist die Distanz wieder weg.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Zehn Tracks von vier Musikern, die als feste Band schrieben, nicht als einzelne Autorinnen und Autoren, die ihre Stücke nebeneinanderlegten. Anders als bei Platten mit mehreren schreibenden Stimmen gibt es hier keine Bruchstellen zwischen den Tracks – jeder Track trägt denselben Umgang mit Raum und Stille, weil derselbe Produzent ihn derselben Behandlung unterzogen hat. Das ist der ungewöhnliche Punkt an dieser Platte: Ihre Geschlossenheit kommt nicht aus einem gemeinsamen Songwriting-Konzept, sondern aus einer einzigen, konsequent durchgehaltenen Klangentscheidung.
Sichtbar wird das schon am Cover, das keinen Bandnamen und keinen Titel zeigt. Dieselbe Zurückhaltung gilt für die Musik: kein Track ist länger als sechs Minuten, keiner hat ein ausuferndes Soloteil, und die beiden mit Wörtern statt Ziffern beschrifteten Plattenseiten – „Outside“ und „Inside“ – sind selbst schon eine Aussage über ein Album, das ständig zwischen äußerer Beobachtung und innerem Zustand wechselt, ohne das je auszubuchstabieren.
Kein wiederkehrendes Leitmotiv
Was man nicht behaupten sollte: dass hier ein durchkomponierter Zyklus mit wiederkehrendem musikalischem Thema vorliegt. Kein geprüfter Text beschreibt eine Reprise oder ein Leitmotiv zwischen den Tracks. Die Klammer ist die Produktion, nicht die Komposition.
Die Gegenstimme muss man an dieser Stelle nicht suchen, sie kommt aus der Band selbst. Zwei von vier Musikern fanden den fertigen Klang zunächst zu dünn, zu weit weg von dem, was live im Raum stand. Sumners „we resented it“ ist keine nachträgliche Verklärung, sondern die Beschreibung einer echten Enttäuschung beim ersten Abhören. Dass dieselbe Distanz heute als das gilt, was das Album von seinen Zeitgenossen unterscheidet, macht den Einwand nicht falsch – er beschreibt nur eine andere Platte als die, die im Nachhinein gefeiert wird.
Fast auf diesem Album
Autosuggestion / From Safety to Where...?
Zwei der sechzehn im April 1979 aufgenommenen Tracks kamen nicht auf die Platte: „Autosuggestion“ und „From Safety to Where...?“ entstanden in denselben Sitzungen in den Strawberry Studios, wurden aber stattdessen im Oktober 1979 auf der Sampler-EP „Earcom 2: Contradiction“ des Kleinlabels Fast Product veröffentlicht, gemeinsam mit Tracks zweier anderer Bands.
Damit haben zwei Stücke aus genau derselben Session, die „Unknown Pleasures“ hervorbrachte, ihr Debüt auf einer Compilation gefeiert, die kaum jemand kennt, während das Album selbst zum Klassiker wurde.
05Warum es einen Abend trägt
Rund neununddreißig Minuten, zehn Tracks, kein einziger überflüssig gedehnt. „Disorder“ eröffnet mit einem nervösen, fast mechanischen Puls, „I Remember Nothing“ schließt mit splitterndem Glas und einer Basslinie, die sich in eine Endlosschleife hineinzudrehen scheint, bevor sie einfach aufhört. Dazwischen wechselt das Album ständig zwischen Beobachtung und Zustand, zwischen „Outside“ und „Inside“, ohne dass eine Zeile das je erklären würde.
Ein Jahr vor Curtis' Tod
Ehrlich muss man sagen, was das Album verlangt: Es ist keine Platte, die nebenbei läuft. Die Kälte der Produktion lässt wenig Raum für Ablenkung, und wer den Text von „She's Lost Control“ kennt, hört den Track anders. Der Track entstand aus einer Begegnung, die Ian Curtis kurz vor seiner eigenen Epilepsiediagnose gemacht hatte – eine Frau, die er beruflich betreute und die an einem Anfall starb. Das Album wurde ein knappes Jahr vor Curtis' Tod im Mai 1980 aufgenommen und veröffentlicht; es ist keine Reaktion darauf, sondern ihm vorausgegangen. Wer diese Reihenfolge kennt, hört „She's Lost Control“ nicht als Vorahnung, sondern als das, was es war: die Beschreibung eines Menschen, den Curtis tatsächlich gekannt hatte.
Zurück gibt das Album Handwerk, das ohne Erklärung nicht auffällt. Ein Schlagzeug, das aus Einzelteilen zusammengesetzt wurde. Eine Telefonleitung als Effektgerät. Ein Cover ohne ein einziges Wort. Nach dem letzten Track, wenn das splitternde Glas verklungen ist, ist es in den meisten Runden für einen Moment still – nicht aus Verlegenheit, sondern weil vierzig Minuten Distanz genau das verlangen.
Eine gemeinsame Geschichte
In die Auslaufrille der Original-LP sind auf beiden Seiten Sätze eingraviert: „STEP... INSIDE“ und „THIS IS THE WAY“ – ein Verweis auf „Atrocity Exhibition“, einen Track vom Nachfolgealbum „Closer“, der zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht existierte.
Chartmäßig kam die Platte spät. 1979 tauchte sie in den offiziellen britischen Albumcharts gar nicht auf, in den unabhängigen Charts dagegen wochenlang auf Platz eins. Erst die Wiederveröffentlichung zum vierzigsten Jahrestag brachte sie 2019 auf Platz fünf der offiziellen UK-Charts – vierzig Jahre nach der ersten, kaum beachteten Pressung.
Wie hört sich ein Album an, das ein Produzent gegen den Willen der halben Band in seine heutige Form gebracht hat?
Weiterhören
-
Kraftwerk
Trans-Europe Express
1977
Die maschinelle Kälte, mit der Martin Hannett dieses Album gebaut hat, verdankt sich hörbar dem, was Kraftwerk zwei Jahre zuvor über Rhythmus und Raum vorgeführt hatte.
Zur Album-Story → -
The Velvet Underground & Nico
The Velvet Underground & Nico
1967
Zwölf Jahre vorher schon dieselbe Idee: Ruhe und Leere als Mittel, nicht als Mangel. Eine der erklärten Referenzen der Band selbst.
Zur Album-Story → -
The Smiths
The Queen Is Dead
1986
Dieselbe Stadt, sieben Jahre später und ein völlig anderer Klang – aber dieselbe Manchester-Kälte, die die Musik trägt statt sie zu verstecken.
Zur Album-Story →
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