1989Albumvorschlag
Disintegration
The Cure
Wochenlang sprach der Sänger im Studio kein Wort mit seiner Band. Wollte er einem Keyboarder etwas sagen, schrieb er es auf einen Zettel.
Zwölf Tracks, dreiundsiebzig Minuten, kaum ein Titel unter vier Minuten. Entstanden ist die Platte aus der Weigerung eines Sängers, mit dreißig noch einmal ein Popalbum zu machen – und aus einer Plattenfirma, die genau das erwartet hatte.
- Laufzeitrund 72 Minuten
- Titel12
- Jahr1989
- AufgenommenHookend Manor, Checkendon (Oxfordshire, nahe der Grenze zu Berkshire)
Tracklist
- Plainsong5:17
- Pictures of You7:28
- Closedown4:18
- Lovesong3:29
- Last Dance4:45
- Lullaby4:09
- Fascination Street5:16
- Prayers for Rain6:08
- The Same Deep Water as You9:22
- Disintegration8:19
- Homesick7:07
- Untitled6:33
Zum Cover
Ein Gesicht, das sich in einem Farbfeld aus Blau und Violett auflöst. Gestalter Andy Vella, der zusammen mit Porl Thompson unter dem Namen Parched Art seit Jahren die Cover der Band entwarf, arbeitete mit Polaroid-Transparenten: mehrfach projiziert, übereinandergelegt und erneut fotografiert, bis die Konturen verschwammen.
Dass ausgerechnet Robert Smiths Gesicht in diesem Nebel steckt, war laut Vella keine Idee des Sängers. „It just felt right to have him almost seeping into the background“, hat er später erklärt – man sei nicht den kommerziellen Weg gegangen, ein Porträt fürs Marketing zu liefern, sondern habe „etwas Schönes“ schaffen wollen. Keyboarder Roger O'Donnell hat einer anderen Erzählung zufolge vermutet, das Motiv sei vor allem deshalb gewählt worden, weil Smiths Gesicht darauf zu erkennen ist – Vella selbst widerspricht dieser Lesart.
Ein Titelschriftzug fehlt auf der Vorderseite fast vollständig; die Schrift ist Teil der Auflösung, nicht ihr Gegenpol. Zum Klang der Platte passt das Bild ungewöhnlich genau: Auch die Musik besteht aus übereinandergelegten Schichten, die sich gegenseitig die Konturen nehmen.
Gestaltung: Andy Vella / Parched Art
Technik: mehrfach projizierte, rephotografierte Polaroid-Transparente
Label: Fiction Records, 1989
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„It was never a serious atmosphere in the studio, and when you think about the album and how dark it is, I'm sure people think we were sitting around slitting our wrists with candles and chains hanging from the walls.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie Disintegration entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Im Regieraum von Hookend Manor wird gescherzt und gealbert, während nebenan die Gesangsspur zum Titeltrack entsteht. Kaum kündigt sich an, dass Robert Smith gleich hereinkommt, um sich die Aufnahme anzuhören, wird es im Raum still und ernst. Roger O'Donnell hat diese Szene später so beschrieben: „I remember very clearly laughing and joking and fooling around in the control room while Robert was singing 'Disintegration', and then all of us trying to be serious when he came in to listen back.“
Kein überflüssiges Wort
Der Grund für diese Rücksicht war eine selbstauferlegte Regel, die Smith sich für die gesamten Aufnahmen gegeben hatte: kein überflüssiges Wort. In einem Rückblick zum dreißigsten Jahrestag des Albums erklärte er gegenüber dem Magazin Rolling Stone, wie weit das ging: „I used to pass Roger notes when he was playing keyboards telling him what he was doing right or wrong because I didn't want to speak.“ Er nannte die Methode im selben Gespräch selbst „really contrived, really stupid“ – und beschrieb daneben eine allgemeinere Haltung: „I would be monk-like and not talk to anyone. It was a bit pretentious really, looking back, but I actually wanted an environment that was slightly unpleasant.“
Zwei Zeugnisse, zwei Bilder derselben Sessions: Für Smith war das Schweigen Methode, ein Mittel, sich selbst und die Band in eine bestimmte Stimmung zu zwingen. Für O'Donnell war die Zeit im Studio, sobald der Sänger den Raum verließ, offenbar weit weniger düster, als das fertige Album vermuten lässt: „I'm sure people think we were sitting around slitting our wrists with candles and chains hanging from the walls“, sagte er – das Gegenteil sei der Fall gewesen.
Beide Aussagen stammen aus späteren Interviews, nicht aus Tagebüchern von 1988. Wie oft Smith tatsächlich zu Zetteln griff und wie lange die stummen Phasen anhielten, lässt sich daraus nicht genau rekonstruieren. Was bleibt, ist der Kontrast, den beide Beteiligten unabhängig voneinander festhalten: ein Sänger, der sich bewusst isolierte, und eine Band, die um ihn herum weiterlebte.
02Wie Disintegration entstand
Der Auslöser war ein Geburtstag. Robert Smith näherte sich 1988 der Dreißig, und die Aussicht beunruhigte ihn spürbar. In Interviews führte er das Material, das daraus entstand, direkt darauf zurück: Der Stoff habe „instantly“ eine „dismal, depressing form“ angenommen, weil er wusste, „that I was gonna be thirty“. Es sei, sagte er später, seine letzte Gelegenheit gewesen, „to create something really meaningful“.
Damit stand die neue Platte bewusst gegen die vorangegangene. Kiss Me, Kiss Me, Kiss Me von 1987 war der bis dahin größte kommerzielle Erfolg der Band gewesen, entstanden nach eigener Schilderung in einer Atmosphäre aus „drinking vast amounts of wine“ in Frankreich, „a huge kind of party basically“. Disintegration sollte das Gegenteil sein: eine Rückkehr zu der dichten, dunklen Stimmung, die die Band zuletzt 1982 auf Pornography gesucht hatte.
Der Prozess begann Monate vor den eigentlichen Aufnahmen. Im April 1988 nahm Smith zu Hause Instrumentalversionen unter anderem von „Prayers for Rain“, „Pictures of You“ und „Fascination Street“ auf. Im Juni folgten Bandproben, im September weitere Demos, darunter frühe Fassungen von „Closedown“, „Lovesong“, „The Same Deep Water as You“ und des Titeltracks. Zur Auswahl traf sich die Band im Haus von Schlagzeuger Boris Williams: Jeder bewertete die vorliegenden Stücke auf einer Skala von eins bis zehn. Bis zum Ende des Sommers waren mit einem Sechzehnspur-Rekorder rund zweiunddreißig Songs entstanden – zwölf davon schafften es auf das fertige Album.
Aufgenommen wurde zwischen November 1988 und Februar 1989 in Hookend Manor, einem Landhausstudio in Checkendon. Produziert haben Smith und David M. Allen gemeinsam, mit Richard Sullivan und Roy Spong als Toningenieuren. Von der Plattenfirma kam wenig Unterstützung für die Richtung: Elektra, das US-Label, reagierte auf frühe Bandmitschnitte mit dem Vorwurf, Smith sei „wilfully obscure“ – ein Ausdruck, den er später wörtlich aus dem Brief zitierte. Sein Fazit dazu: „Ever since then I realised that record companies don't have a fucking clue what The Cure does.“
Lol Tolhursts Alkoholkonsum
Überschattet wurden die Sessions von Lol Tolhursts Alkoholkonsum. Der Gründungsmitkeyboarder war laut mehreren Schilderungen während der Aufnahmen „more or less incapable of playing“ und beteiligte sich musikalisch im Wesentlichen nur noch an „Homesick“. Die übrige Band drohte, die Sessions abzubrechen, sollte Tolhurst nicht vor Tourbeginn gehen; beim Mischen kam es einer Darstellung zufolge zu einem lauten Streit, nach dem Tolhurst wütend das Gebäude verließ. Drei Wochen später entschied Smith, ihn zu entlassen. Dem Musikmagazin NME sagte er im April 1989 dazu nur knapp: „He'll probably be back by Christmas. He's getting married, maybe that's his comeback.“ Erschienen ist das Album am 2. Mai 1989 bei Fiction Records, in den USA über Elektra.
03Der Klang
Der Eröffnungstrack gibt den Ton für die ganze Platte vor: Über einer mehrschichtigen Synthesizerfläche – laut O'Donnells eigener Schilderung eine Kombination aus Minimoog, Streichersamples und dem Solina String Ensemble, das im Studio der Band als Favorit von Smith galt – setzt erst nach über einer Minute Gesang ein. Für die Streicherflächen auf mehreren Tracks nutzte O'Donnell einen Sequential Prophet 2000 mit Orchestersamples, die er sich eigens aus New York besorgt hatte, dazu einen älteren Roland JX-8P mit Klängen, die laut O'Donnell schon auf früheren Alben der Band zu hören waren. Diese Angaben stammen aus einem Interview mit dem Keyboarder und sind nicht durch Session-Unterlagen gegengeprüft.
Fascination Street
Die Gitarren sind auf Disintegration selten solistisch gedacht, sondern als weitere Klangschicht. Bei „Fascination Street“ trägt eine absteigende Vierton-Basslinie den Track, darüber liegt eine Leadgitarre, die Beobachter mit John McGeochs Spiel auf „Israel“ von Siouxsie and the Banshees verglichen haben – einem Stück, das Smith während seiner kurzen Zeit als Bandmitglied bei den Banshees selbst häufig gespielt hatte. Bei „Prayers for Rain“ prägen starkes Flanging, Delay und rückwärts laufende Bänder den „slow, moody crawl“ des Tracks. Beim Titeltrack liegen Smiths Leadgitarrenlinien laut einer Beschreibung gleichzeitig „scaled to epic heights“ und tief im Mix vergraben, während O'Donnells Keyboards zusätzliche Farbe hinzufügen.
Was die Platte insgesamt trägt, ist weniger ein einzelner Effekt als die Dichte: Boris Williams' Schlagzeug liegt oft weit hinten im Raum, Simon Gallups Bass und Porl Thompsons Gitarren füllen die mittleren Frequenzen, und über allem liegen die Synthesizerflächen wie eine zweite Zimmerdecke. Genaue Angaben zu Konsole, Bandmaschine oder Mikrofonierung in Hookend Manor sind in den vorliegenden Quellen nicht dokumentiert; die Produktionscredits nennen neben Smith und David M. Allen als Produzenten Richard Sullivan und Roy Spong als Toningenieure.
Hörmoment
Plainsong
Der Song beginnt mit einer Synthesizerfläche allein, ohne Schlagzeug, ohne Gesang. Erst nach einer ganzen Weile setzt Smiths Stimme mit einzelnen, fragmentarischen Zeilen ein – „I'm so cold“ –, fast wie zitiert statt gesungen.
Eine Sekundenangabe steht hier nicht, weil dafür in keiner geprüften Quelle eine Zeitmarke genannt wird. Die Stelle ist trotzdem unverkennbar: Es ist der einzige Moment auf dem Album, an dem noch gar nichts über die Stimmung entschieden zu sein scheint.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Zwölf Tracks, die meisten über vier, mehrere über sieben Minuten lang: Kein Titel auf Disintegration ist auf einen schnellen Refrain hin gebaut. Was die Platte zusammenhält, ist eher ein Tempo als ein Thema – ein langsames, gleichbleibendes Fortschreiten, das sich über fast eine Dreiviertelstunde durchhält, bevor es sich am Ende noch einmal steigert.
Mitten in diesem Fortschreiten liegt der einzige Ausbruch von offener Zuneigung: „Lovesong“, ursprünglich als Hochzeitsgeschenk für Smiths langjährige Partnerin Mary geschrieben, die er im August 1988 heiratete. In den USA wurde der Track zur erfolgreichsten Single der Bandgeschichte und erreichte im Oktober 1989 Platz zwei der Billboard Hot 100 – der einzige Top-Ten-Hit, den The Cure dort je hatten. Smith selbst hat dem Track eine Funktion für das ganze Album zugeschrieben: „That one song, I think, makes many people think twice. If that song wasn't on the record, it would be very easy to dismiss the album as having a certain mood.“ Über den Song selbst sagte er: „It's an open show of emotion. It's not trying to be clever. It's taken me ten years to reach the point where I feel comfortable singing a very straightforward love song.“
Christgaus C+
Die Kritik reagierte gespalten, und zwar entlang genau dieser Frage, ob sich das Album als Ganzes rechtfertigt. Rolling Stone schrieb 1989, die Platte „successfully refines what the Cure does best“ und halte trotz des Titels zusammen: „Disintegration hangs together beautifully, creating and sustaining a mood of thoroughly self-absorbed gloom.“ Chris Roberts nannte sie in der Melody Maker „challenging and claustrophobic, often poignant, often tedious“. Robert Christgau war in der Village Voice deutlich härter und vergab ein C+, die Songs seien „far more tedious than his endless vamps“. Spätere Einordnungen fielen positiver aus: Pitchfork bezeichnete das Album rückblickend als Smiths „magnum opus“.
Was diese Gegensätze zeigen: Disintegration verlangt, als Ganzes gehört zu werden, gerade weil es keinen einzelnen Track gibt, der die übrige Platte rechtfertigen müsste. Wer nur „Lovesong“ oder „Lullaby“ heraushört, bekommt eine andere Platte zu hören als die, die tatsächlich veröffentlicht wurde.
Fast auf diesem Album
Fear of Ghosts, Noheart, 2Late
Von den rund zweiunddreißig Songs, die im Sommer 1988 bei den Bandproben entstanden, schafften es nur zwölf auf die Platte. Titel wie „Fear of Ghosts“, „Noheart“ und „2Late“ blieben Demos – bewertet, wie der Rest, nach der selbstauferlegten Skala von eins bis zehn im Haus von Boris Williams.
Öffentlich zugänglich wurden mehrere dieser Fassungen erst über zwanzig Jahre später, auf der 2010 erschienenen Deluxe-Edition mit einer zweiten CD aus Demos und Studio-Rohfassungen von 1988 und 1989.
05Warum es einen Abend trägt
Dreiundsiebzig Minuten, zwölf Tracks, und mit „The Same Deep Water as You“ und dem Titeltrack zwei Stücke von über acht Minuten in der zweiten Hälfte. Wer sich auf diese Platte einlässt, hört keine Sammlung von Songs, sondern verbringt einen zusammenhängenden Zeitraum in ein und derselben Stimmung – mit nur wenigen, bewusst gesetzten Ausnahmen wie „Lovesong“.
Ehrlich muss man dabei sagen, was das Album verlangt: Es endet nicht versöhnlich. „Homesick“ und „Untitled“, die beiden letzten Tracks, sind mit über sechs beziehungsweise sieben Minuten die am wenigsten kompakten der ganzen Platte. Der Schlusstitel trägt bis heute offiziell keinen eigenen Namen – ein Detail, das zu einem Album passt, dessen Titel selbst laut Smith „kind of tempting fate“ war: „Most of the relationship with the band outside of the band fell apart. Calling it Disintegration was kind of tempting fate.“
Vier Millionen verkaufte Exemplare
Dass eine derart konsequent dunkle Platte zugleich der größte kommerzielle Erfolg der Band wurde, ist Teil ihrer Geschichte, nicht ihr Widerspruch. Über vier Millionen verkaufte Exemplare weltweit, Platz drei in Großbritannien, Platz zwölf in den USA, Gold- und Platin-Auszeichnungen von New Zealand bis Spanien. Die anschließende Tournee, mit der die Band erstmals auch Stadien spielte, beendete Smith mit einer Ansage, die zu diesem Album passt: „It's reached a stage where I personally can't cope with it. So I've decided this is the last time we're gonna tour.“ Es blieb, wie sich später zeigte, nicht die letzte Tour – aber die Aussage markiert, wie sehr das Projekt seinen Sänger erschöpft hatte.
Was ein Hörabend daraus macht, ist genau diese Konsequenz. Niemand muss nach „Lovesong“ etwas Tröstliches erwarten. Wer die Platte einmal am Stück laufen lässt, hört, wie ein Sänger mit dreißig eine Bilanz zieht und sie nicht beschönigt – und versteht, warum am Ende keiner sofort das Licht anmachen möchte.
Eine gemeinsame Geschichte
In Großbritannien stieg Disintegration auf Platz drei ein, das bis dahin beste Chartergebnis der Band. In den USA reichte es zu Platz zwölf der Billboard 200 – getragen vor allem von „Lovesong“, das dort bis auf Platz zwei kletterte, während die Single in Großbritannien selbst gar nicht erschien.
Was blieb, ist die Reichweite über die Erscheinungsländer hinweg: Gold in Großbritannien und Deutschland, zweifach Platin in den USA, Platin in Spanien und Neuseeland, Gold in der Schweiz. Eine Platte, die absichtlich gegen den Publikumsgeschmack gebaut war, wurde am Ende zur meistverkauften der Bandgeschichte.
Wie klingt ein Album, dessen Titel als böses Omen gemeint war – und das trotzdem zum größten Erfolg seiner Band wurde?
Weiterhören
-
Talk Talk
Spirit of Eden
1988
Ein Jahr vor Disintegration entstanden, ebenfalls gegen den Willen einer Plattenfirma, die auf Singles hoffte, und ebenfalls ein Album, das sich nur am Stück erschließt.
Zur Album-Story → -
Kate Bush
Hounds of Love
1985
Auch hier tragen übereinandergelegte Synthesizerschichten die Stimmung eines ganzen Albums, statt einzelne Refrains in den Vordergrund zu stellen.
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Pink Floyd
Wish You Were Here
1975
Ein weiteres Album über Verlust und Abwesenheit, das trotz seiner Schwermut zu einem der meistverkauften Werke seiner Band wurde.
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