1990Albumvorschlag
Violator
Depeche Mode
Für den stampfenden Rhythmus in „Personal Jesus“ ließen sie Leute auf Transportkisten springen und sampelten die Schläge – kein Schlagzeug im Studio klang so, wie die Band es wollte.
Neun Tracks, ein Produzent, der vorher noch nie mit einer Synthesizer-Band gearbeitet hatte, und ein Album, mit dem eine Kultband aus England über Nacht zur Stadion-Attraktion in den USA wurde. Was heute wie ein folgerichtiger Höhepunkt klingt, war beim Entstehen alles andere als sicher.
- Laufzeitrund 47 Minuten
- Titel9
- Jahr1990
- AufgenommenLogic Studios Mailand, Puk Recording Studios Gjerlev (Dänemark), The Church Studios London
Tracklist
- World in My Eyes4:26
- Sweetest Perfection4:43
- Personal Jesus4:56
- Halo4:30
- Waiting for the Night6:07
- Enjoy the Silence6:12
- Policy of Truth4:55
- Blue Dress5:41
- Clean5:32
Zum Cover
Eine einzelne rote Rose auf schwarzem Grund, mittig platziert, ohne Bandname und Titel im Bild selbst – so reduziert war zuvor kein Depeche-Mode-Cover. Gestaltet hat es das Studio Area zusammen mit Anton Corbijn, der die Band seit Mitte der Achtziger fotografisch begleitete und ihr visuelles Auftreten prägte.
Den Titel hat die Band selbst als Scherz beschrieben. Martin Gore erinnerte sich später: „We called it Violator as a joke. We wanted to come up with the most extreme, ridiculously heavy metal title that we could.“ Zwischen diesem überzeichneten Wort und der zerbrechlichen Rose liegt genau die Spannung, die auch die Songs prägt: Gore selbst beschrieb die Themen der Platte als „relationships, power, desire, love, good and bad, incest, sin, religion, and immorality“.
Die Rose taucht seither als Wiedererkennungszeichen für dieses Album immer wieder auf, von Bühnenbildern der begleitenden Tournee bis zu späteren Neuauflagen. Genaue Angaben zu Fotostrecke oder Entstehungsort des Bildes sind in den geprüften Quellen nicht dokumentiert.
Gestaltung/Artwork: Area
Fotografie/Art Direction: Anton Corbijn
Label: Mute Records, 1990
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„I will always remember the playback session for the album… Both of us went, ‚this is a really really really good album.'“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie Violator entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Martin Gore bringt einen Song ins Studio, der aus kaum mehr besteht als einem Harmonium und seiner Stimme. Er nennt ihn „Enjoy the Silence“, eine langsame Ballade, und stellt sich vor, dass es dabei bleibt. Alan Wilder hört die Aufnahme und sieht etwas völlig anderes darin: einen Dance-Track.
Gore war zunächst dagegen. „The song was called ‚Enjoy the Silence' and you know that seemed to be in total contrast with [it being turned into] a disco track“, erinnerte er sich später. Doch er ließ Wilder und Produzent Flood gewähren. Die beiden bauten Rhythmus, Sequenzen und Arrangement komplett neu auf, ohne den Rest der Band einzubeziehen.
Gore greift zur E-Gitarre
Als sie die neue Fassung vorspielten, war Gore selbst überrascht – und griff offenbar sofort zur Gitarre, um die Riff-Linie beizusteuern, die den Track bis heute trägt. Andy Fletcher hat den Moment, als der Band klar wurde, was aus der Ballade geworden war, so beschrieben: „one of the most magical moments I've ever had with Depeche Mode.“
Was diese Szene über das ganze Album sagt, steht in der Umkehrung: Der vermeintlich unverrückbare Songentwurf war nur der Ausgangspunkt, nicht das Ergebnis. „Enjoy the Silence“ wurde zur meistverkauften Single der Bandgeschichte und gewann 1990 den Brit Award für die beste Single – aus einem Stück, das laut seinem eigenen Autor nicht so hätte klingen sollen.
Erzählt wird diese Entstehung im Kern von den Beteiligten selbst, in mehreren voneinander unabhängigen Interviews über die Jahre. Kleinere Details – etwa der genaue Zeitpunkt, an dem Gore die Gitarre aufnahm – sind nicht überliefert.
02Wie Violator entstand
Nach „Music for the Masses“ und dem Livealbum „101“ wollte die Band bewusst anders arbeiten. Fletcher fasste die bisherige Methode so zusammen: „Over the years Martin's studio at home got progressively better… We were basically re-recording Martin's demos with better sounds, better production and Dave's vocals.“ Gore selbst sagte dazu: „Over the last five years I think we'd perfected a formula; my demos, a month in a programming studio, etc. etc. We decided that our first record of the '90s ought to be different.“
Auf Vorschlag von Label-Chef Daniel Miller holte die Band den Produzenten Flood (bürgerlich Mark Ellis) dazu, der zuvor mit Erasure gearbeitet und einen Depeche-Mode-Remix produziert hatte, aber noch nie ein komplettes Album mit einer Synthesizer-Band. Miller beschrieb ihn so: „Flood is technically very good, very musical, and very open… It's more like: ‚How can we do it differently?'“ Wilder erinnerte sich an den ersten Eindruck weniger ehrfürchtig: „This scruffy, bespectacled, rather unlikely looking bloke rolled up, raided the fridge a couple of times, slouched down on the sofa, pontificated for a bit and thus – a new production team was born.“
Nach drei Wochen Vorproduktion in London zog die Band für rund sieben Wochen in die Logic Studios nach Mailand, zwischen Mai und September 1989. Produktiv im Sinne fertiger Tracks war diese Zeit kaum, wichtig aber für den neuen Arbeitsstil: Flood wollte, dass Synthesizer und Gitarre gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Fletcher erinnerte sich, wie Flood alte Denkverbote der Band beiseiteschob: er habe gesagt, ihre bisherigen Vorbehalte seien „a lot of shit, and if you wanna use a guitar, you use a guitar.“ In Mailand verschärfte sich laut Wilders späteren Schilderungen auch Dave Gahans Alkohol- und Drogenkonsum merklich – ein Thema, das erst Jahre später öffentlich aufgearbeitet wurde und das die Band selbst unterschiedlich einordnet.
World in My Eyes komplett verworfen
Den Großteil der eigentlichen Aufnahmen erledigte die Band anschließend in den Puk Recording Studios im dänischen Gjerlev; bis Ende August 1989 waren die meisten Tracks fertig. „World in My Eyes“, in Mailand begonnen, wurde dort komplett verworfen und von Wilder und Flood an einem halben Tag neu aufgebaut, ehe der Rest der Band – laut Wilder sichtlich überrascht – die neue Version zu hören bekam. Für die Abmischung ging es zurück nach London ins The Church Studios. Flood war zu diesem Zeitpunkt bereits anderweitig verpflichtet, sodass Miller den New Yorker Toningenieur François Kevorkian holte, den er von seiner Arbeit an Kraftwerks „Electric Café“ und einem Yazoo-Remix kannte. Miller beschrieb Kevorkians Arbeitsweise als geradezu besessen: „he would work for 18 hours a day and I think he got through at least three different engineers, because they couldn't take it“ – nannte ihn aber zugleich „brilliant“. Den finalen Mix von „Enjoy the Silence“ mischte am Ende Miller selbst neu ab; Wilder war mit Kevorkians Version unzufrieden und beschrieb sie Jahre später drastisch: „our most successful single ever was one of the flattest, dullest-sounding mixes, with a snare drum that sounds like a sticky toffee pudding!“ Veröffentlicht wurde „Violator“ am 19. März 1990 über Mute Records, in den USA über Sire/Reprise.
03Der Klang
Der zentrale Unterschied zu früheren Alben war die Herangehensweise an Perkussion. Statt Schlagzeugklänge rein elektronisch zu erzeugen, sampelte die Band reale, oft ungewöhnliche Geräusche und spielte sie als Loops über Sampler ein. Wilder erklärte, das habe geholfen, „the imperfect ‚human' element“ zu erhalten. Für den stampfenden Grundrhythmus von „Personal Jesus“ nahmen sie Leute auf, die auf Transportkisten sprangen – eine Fortsetzung der bandeigenen Sampling-Tradition, die sich bis in ihre früheren Alben zurückverfolgen lässt.
Tangerine Dream als Vorbild
Bei „Waiting for the Night“ orientierten sich Wilder und Flood laut eigener Aussage an Tangerine Dream: „Flood and I had been listening to Tangerine Dream and decided to try and create a similar atmosphere.“ Die Sequenz entstand an einem ARP 2600, dessen Reiz laut Wilder gerade in seiner Unsauberkeit liegt: „The charm of the ARP sequencer stems from the slight tuning and timing variations that occur each time the part is played.“ Bei „Clean“ wiederum diente Pink Floyds „One of These Days“ als Referenzpunkt für die hypnotische, rückgekoppelte Basslinie – wobei der Bass laut Wilder nicht direkt gesampelt, sondern aus analogem Synthesizer und eingespieltem Bassgitarrensample neu zusammengesetzt wurde. „Halo“ bekam ein Streicherarrangement und, so Wilder, „drum loops on it – something we had hardly done before that time“.
Die Grundidee dahinter, mehrfach von Flood formuliert, war eine Verschmelzung zweier Welten: „I'd been working with synth and rock bands. I'd felt that there was a way that the two forms of music could actually work together. In a way, Depeche [Mode] were the perfect band to work with that idea and methodology.“ Gahan drückte dieselbe Haltung so aus: „musically, we'll take things the hard way round… If there's a certain part that lends itself to a guitar, we won't necessarily use a guitar for the sake of it.“
Hörmoment
Enjoy the Silence
Achten Sie auf den Übergang vom Intro zum ersten Vers: Aus dem ruhigen Harmonium-Klang, mit dem der Track eröffnet, schält sich Gores Gitarrenriff heraus – genau die Zeile, die aus einer als Ballade gedachten Aufnahme einen Dance-Track machte.
Eine Sekundenangabe steht hier nicht, weil für dieses Album in keiner geprüften Quelle eine Zeitmarke genannt wird. Der Bruch ist trotzdem klar zu hören: Es ist die Stelle, an der sich der Charakter des Songs sichtbar verschiebt.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Neun Tracks, ein durchgehend dunkles Klangbild, ein Themenfeld, das Gore selbst so zusammenfasste: „relationships, power, desire, love, good and bad, incest, sin, religion, and immorality.“ Was das Album zusammenhält, ist nicht ein wiederkehrendes Motiv, sondern eine konsequent durchgehaltene Balance zwischen Synthesizer-Flächen, Gitarrenelementen und Gahans Gesang, die Flood und Wilder von Track zu Track neu austarierten, ohne die Grundfarbe zu verlassen.
Robert Christgaus Vorwurf
Dass diese Balance nicht von Anfang an unumstritten war, zeigt die zeitgenössische Kritik. Rezensent Paul Lester nannte die Platte in der Melody Maker „Depeche Mode's most arresting work to date“, während Robert Christgau der Band vorwarf, sich „fickle teenage demographics“ angebiedert zu haben. Erst mit Abstand setzte sich die heute gängige Lesart durch: AllMusic-Kritiker Ned Raggett beschrieb das Album rückblickend als „song for song … simply the best, most consistent effort yet from the band“, Mojo-Autor Danny Eccleston sah darin den Punkt, an dem die Band „European and US paradigms“ verschmolz und sich „from an arena-level electro-pop unit into a global stadium rock band“ verwandelte.
Wie knapp diese Geschlossenheit an anderer Stelle verfehlt wurde, zeigt „Halo“. Der Track wurde ernsthaft als Single erwogen, ein Video dazu gedreht – am Ende blieb er B-Seite. Im Albumkontext ergibt das Sinn: Seine ruhigere, streicherlastige Anlage hätte als eigenständige Auskopplung anders geklungen, als eingebetteter Ruhepunkt zwischen den dichteren Tracks funktioniert er dagegen genau richtig.
Fast eine Single
Halo
„Halo“ galt intern als aussichtsreicher Singlekandidat, inklusive fertig produziertem Video, das später auf der Videosammlung „Strange Too“ erschien. Veröffentlicht wurde der Track am Ende nur als B-Seite.
Gore beschrieb die Zwiespältigkeit des Songs selbst: „I'm saying ‚let's give in to this' but there's also a real feeling of wrongfulness… my songs do seem to advocate immorality but if you listen there's always a sense of guilt.“
05Warum es einen Abend trägt
Rund siebenundvierzig Minuten, neun Tracks, ein klarer Bogen von den hymnischeren, offeneren Stücken der ersten Hälfte hin zu den dichteren, dunkleren der zweiten. „World in My Eyes“ eröffnet fast einladend, „Clean“ beschließt das Album mit einer hypnotischen, sich kaum verändernden Basslinie, die eher aus- als abklingt.
Dazwischen liegt „Enjoy the Silence“ als hellster, unmittelbarster Moment der Platte – und danach wird es konsequent wieder dichter: „Policy of Truth“, „Blue Dress“ und „Clean“ bilden ein spätes, schwereres Drittel, in dem kaum noch etwas an die vermeintliche Popleichtigkeit der Singles erinnert. Wer das Album am Stück hört, merkt, dass die Singles nur die hellsten Punkte eines insgesamt deutlich düstereren Ganzen markieren.
Unbetitelte Zwischenstücke auf der LP
Zur Hörsituation gehört auch das Format selbst: Auf der Original-LP schließen sich an „Enjoy the Silence“ und „Blue Dress“ jeweils kurze, unbetitelte Zwischenstücke an, die ohne Pause ineinander übergehen. Für einen durchgehörten Abend ist das ein Glücksfall – das Album ist als fortlaufender Fluss gedacht, nicht als Ansammlung einzelner Radiotracks, so erfolgreich diese Singles am Ende auch wurden.
Zurück bleibt der Eindruck einer Band, die ihre eigene Formel bewusst aufgebrochen hat, ohne die Kontrolle über den Gesamtklang zu verlieren. Nach dem letzten Ton von „Clean“ ist es kein Zufall, dass man eher innehält, als sofort etwas zu sagen.
Eine gemeinsame Geschichte
Am 18. März 1990, einen Tag vor Erscheinen des Albums, sollte in einem Plattenladen von Wherehouse Records in Los Angeles eine Autogrammstunde stattfinden, geplant für ein paar tausend Fans. Berichten zufolge erschienen weit mehr Menschen als erwartet, der Verkehr in der Umgebung kam zum Erliegen, Polizei musste die Lage absichern. Genaue Besucherzahlen schwanken je nach Quelle. Wilder wehrte sich später gegen den Begriff „Unruhen“: „It wasn't really a riot, let's get it straight… there wasn't any violence involved.“
Die landesweite Berichterstattung über den Vorfall traf mit dem Erscheinen des Albums zusammen. „Violator“ erreichte in den USA Platz sieben der Billboard-200 – die bis dahin beste Chartplatzierung der Band – und wurde in den USA mehrfach mit Platin ausgezeichnet. Die anschließende „World Violation“-Tournee führte die Band 1990 erstmals überwiegend durch Stadien.
Wie klingt ein Album, dessen ruhigster Song zur meistverkauften Single seiner Band wurde?
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Massive Attack
Mezzanine
1998
Dieselbe Grundstimmung, acht Jahre später: dunkle elektronische Flächen, Gitarrenelemente und eine bedrohliche Ruhe, die sich nicht auflöst.
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1977
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Dummy
1994
Wenn Sie hören möchten, wie eine ähnlich düstere, gesampelte Klangwelt sich wenige Jahre später in eine ganz andere Richtung entwickelte.
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