1970Albumvorschlag
Paranoid
Black Sabbath
Der Song, der dem Album seinen Namen gab, war gar nicht eingeplant: Der Band fehlten für die Platte noch gut drei Minuten, also schrieben sie ihn in einer Mittagspause fertig – Text und Musik zusammen in etwa zwei Stunden.
Acht Tracks, drei Tage Studiozeit, ein vierköpfiges Ensemble aus dem industriellen Birmingham. Was heute als Gründungsdokument des Heavy Metal gilt, wurde unter Zeitdruck und mit sehr wenig Geld eingespielt – und trägt die Eile bis heute in seinem Klang.
- Laufzeitrund 42 Minuten
- Titel8
- Jahr1970
- AufgenommenRegent Sound und Island Studios, London
Tracklist
- War Pigs7:57
- Paranoid2:48
- Planet Caravan4:32
- Iron Man5:56
- Electric Funeral4:53
- Hand of Doom7:08
- Rat Salad2:30
- Fairies Wear Boots6:15
Zum Cover
Mit dem Albumtitel hat das Bild nichts zu tun, und das ist kein Zufall, sondern die Folge einer Umbenennung in letzter Minute: Gestaltet wurde das Motiv, als die Platte noch War Pigs heißen sollte. Zu sehen ist eine Figur in einem grünlich changierenden Kampfanzug, die mit Schwert und Schild über ein Feld läuft, der Hintergrund psychedelisch verwaschen. Gestaltet hat es Keith MacMillan, Model war ein Mitarbeiter des Designbüros namens Roger Brown.
Ozzy Osbourne hat den Bruch zwischen Bild und Titel selbst kommentiert, unverblümt wie meistens: „What the fuck does a bloke dressed as a pig with a sword in his hand got to do with being paranoid, I don't know, but they decided to change the album title without changing the artwork.“ Genauere Angaben zu Ort und Datum der Aufnahme sind nicht dokumentiert.
Gestaltung: Keith MacMillan
Label: Vertigo (UK) / Warner Bros. (US), 1970
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„I was told 'you'll never play again' … I thought, that's it – I'm finished.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie Paranoid entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Die Bänder für die Platte sind fast voll, und trotzdem fehlt noch etwas: gut drei Minuten Musik, damit ein Album daraus wird und keine EP. Es ist eine Mittagspause im Juni 1970, irgendwo zwischen den Sessions in London. Tony Iommi greift zur Gitarre und spielt ein Riff, mehr eine Fingerübung als eine Komposition. Der Rest der Band steigt ein, ohne ein Wort zu wechseln.
Schlagzeuger Bill Ward hat die Szene später so beschrieben: „We didn't have enough songs for the album, and Tony Iommi just played the guitar lick and that was it. It took twenty, twenty-five minutes from top to bottom.“ Bassist Geezer Butler, der die Texte der Band schrieb, erinnert sich an ein ähnliches Tempo: Die Musik sei „in five minutes“ entstanden, „then I sat down and wrote the lyrics as quickly as I could. It was all done in about two hours.“
Ozzy liest vom Blatt ab
Aufgenommen wurde der Track im selben Tempo, in dem er entstanden war. Ozzy Osbourne soll die Zeilen teils vom Blatt abgelesen haben, während die Bänder bereits liefen – ein Song, live eingespielt, kaum geprobt, ohne Generalplan. In einem Interview mit Guitar World 2004 fasste Butler es lakonisch zusammen: „We basically needed a 3 minute filler for the album, and [Tony] came up with the [riff]. I quickly did the lyrics, and [Ozzy] was reading them as he was singing.“
Aus dieser Verlegenheitslösung wurde der Song, der dem Album seinen Namen gab, die einzige Top-Ten-Single der Band in Großbritannien und, mit einigem Abstand, einer der meistzitierten Riffs der Rockgeschichte. Was diese Szene über die ganze Platte sagt: Hier war keine Zeit für zweite Gedanken. Das Album ist so schnell entstanden, dass selbst sein bekanntester Track ein Zufallsprodukt der Uhrzeit ist.
Die genaue Dauer der Session wird unterschiedlich beziffert – zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten laut Ward, rund zwei Stunden für Musik und Text zusammen laut Butler. Beide Angaben stammen von Bandmitgliedern selbst, ein unabhängiger Zeuge ist nicht überliefert.
02Wie Paranoid entstand
Die Grundlage für die Platte legte die Band Monate vorher, nicht im Studio, sondern auf der Bühne. Im November 1969 spielte Black Sabbath sechs Wochen lang mehrmals täglich im Beat-Club in Zürich, weil die langen Sets Material verlangten, das es noch gar nicht gab. Mehrere Tracks des Albums, darunter „War Pigs“, entstanden nach eigenen Angaben aus diesen improvisierten Bühnensessions, lange bevor ein Studiotermin feststand.
Vorbereitet wurde die Platte offenbar auch in den Rockfield Studios in Südwales, bevor die Band im Juni 1970 in London ins Studio ging. Aufgenommen wurden die Grundspuren im Regent Sound, einem kleinen Vierspur-Studio nahe der Tottenham Court Road, das sonst vor allem für Demoaufnahmen genutzt wurde. Für Overdubs und Abmischung wechselte die Band ins Island Studios in der Basing Street, ein von Chris Blackwell in einer umgebauten Kirche eingerichtetes Sechzehnspur-Studio. Produziert hat Rodger Bain, am Pult saß Toningenieur Tom Allom. Wie lange die eigentliche Aufnahme dauerte, wird unterschiedlich angegeben: Manche Quellen sprechen von nur zwei Tagen, eine nennt konkret den 16. bis 18. Juni 1970. Einig sind sich alle Quellen nur in der Größenordnung: wenige Tage, kein Vergleich zu dem, was zehn Jahre später für ein Rockalbum üblich war.
Der Titel hieß erst „War Pigs“
Auch der Titel der Platte hat eine Vorgeschichte. Ursprünglich sollte das Album selbst „War Pigs“ heißen, nach dem Eröffnungstrack. Erst als die gleichnamige Single im August 1970 in Großbritannien bis auf Platz vier stieg, entschied sich das Label um. Label-Manager Joe Smith erinnerte sich später an den Moment: „I think that's the breakthrough album … that 'Paranoid' sounds like a great title for an album and a great title for a single.“ Das Cover, längst fertig gestaltet, blieb unverändert – es zeigt bis heute ein Motiv, das zum Titel „War Pigs“ passte, nicht zu „Paranoid“.
Selbst „War Pigs“ trug ursprünglich einen anderen Namen: Geezer Butler hatte den Track „Walpurgis“ genannt und Kriegstreiber mit Hexen beim Sabbat verglichen – „war was the big Satan“, wie er es später erklärte, gerichtet gegen „rich politicians and rich people“, die andere für ihre Kriege sterben lassen. Dem Label war das zu satanisch, der Text blieb, der Titel wurde getauscht. Osbourne selbst hat den politischen Anspruch später relativiert: „We knew nothing about Vietnam. It's just an anti-war song.“ Veröffentlicht wurde die fertige Platte am 18. September 1970 in Großbritannien bei Vertigo, in den USA folgte sie am 7. Januar 1971 bei Warner Bros.
03Der Klang
Produzent Rodger Bain beschrieb sein Vorgehen im Fachblatt Mix rückblickend so: „The biggest chunk of time was spent in the rehearsing and routining stage“ – das Studio war für Proben da, nicht fürs Experimentieren. Im Regent Sound standen zwei einzöllige Vierspurmaschinen von Studer, ein eigens modifiziertes Pult und Neumann-Mikrofone vom Typ U67 und U47, dazu AKG-Kleinmembranmikrofone für das Schlagzeug und Pultec-Entzerrer. Der Bass wurde gesplittet aufgenommen, einmal direkt, einmal über die Box; Iommis Gitarrenspuren entstanden mehrfach übereinander, aus naher und aus entfernter Mikrofonierung. Im Island Studios übernahmen von Dick Swettenham gebaute Pulte mit eingebauten Kompressoren die Feinarbeit, abgehört wurde über Tannoy-Chassis in Lockwood-Gehäusen.
Der Unfall in der Blechfabrik
Der vielleicht wichtigste Klangfaktor der Platte hat mit einem Unfall zu tun, der Jahre vor der Aufnahme geschah. Als Siebzehnjähriger verlor Tony Iommi an seinem letzten Arbeitstag in einer Blechfabrik die Fingerkuppen von Mittel- und Ringfinger der rechten, seiner Griffhand – er spielt linkshändig. „Bang! It came down. It just took the ends off [my fingers]“, erzählte er später, „it was left with two stalks, the bone was sticking out the top of the finger.“ Ärzte rieten ihm vom Weiterspielen ab; erst eine Aufnahme des Gitarristen Django Reinhardt, der trotz eigener Handverletzung spielte, brachte ihn zurück an das Instrument. Iommi baute sich Fingerkuppen aus einer geschmolzenen Spülmittelflasche und bezog sie mit Leder aus einer alten Jacke. Weil er durch die Prothesen kein Gefühl mehr in den Fingerspitzen hatte, griff er zunächst zu Banjosaiten, bis Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger dünnere Gitarrensaiten verfügbar wurden.
Um die Saiten trotz der Prothesen biegen zu können, stimmte Iommi seine Gitarre tiefer, um bis zu drei Halbtonschritte. Als Hauptgrund nannte er selbst stets den größeren, schwereren Klang, den er damit erreichen wollte – dass lockerere Saiten sich auch leichter greifen und biegen lassen, kam seiner verletzten Hand zusätzlich entgegen. Der Kritiker Cosmo Lee hat Paranoid daher „the heaviest album of all time that was recorded in E Standard tuning“ genannt – tief gestimmt, aber ohne die Stimmung selbst zu wechseln.
Zwei Klangdetails der Platte gehen nicht auf die Band, sondern auf die Regie zurück. Das verzerrte Gitarrensolo in „Paranoid“ lief beim Mischen durch einen Ringmodulator. Und die Luftschutzsirene, mit der „War Pigs“ beginnt, sowie das am Ende deutlich beschleunigte Bandtempo fügten Bain und Allom ohne vorherige Absprache mit der Band hinzu – im Nachhinein gebilligt, aber nicht gemeinsam entschieden.
Hörmoment
War Pigs
Achten Sie auf den Anfang und das Ende des Openers: Die Sirene zu Beginn und das spürbar angezogene Tempo im Schlussteil stammen nicht von der Band, sondern wurden von Produzent Rodger Bain und Toningenieur Tom Allom beim Mischen eingefügt, ohne dass Black Sabbath vorab gefragt wurden.
Eine Sekundenangabe steht hier nicht, weil für dieses Album in keiner geprüften Quelle eine Zeitmarke genannt wird. Man erkennt die Stelle ohnehin: Es ist die einzige, an der spürbar jemand am Bandgerät nachgeholfen hat, der nicht in der Band saß.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Acht Tracks, in wenigen Tagen aus dem Stand eingespielt, und trotzdem hält die Platte zusammen – nicht durch ein ausgearbeitetes Konzept, sondern durch ein wiederkehrendes Set an Ängsten. Kriegstreiberei und ihr Preis in „War Pigs“, ein sich selbst erfüllender Weltuntergang in „Iron Man“, atomare Auslöschung in „Electric Funeral“, Suchtkrankheit heimkehrender Soldaten in „Hand of Doom“: Geezer Butler, der die meisten Texte schrieb, kehrt immer wieder zur selben Frage zurück, wovor sich eine Gesellschaft am Ende der Sechziger fürchten sollte. Butler selbst hat die Kohärenz des Albums rückblickend nüchtern erklärt: „It was a totally complete album. It wasn't forced, and the chemistry between the four of us was so fluid … Each time we would go into rehearsal, we'd come out with a completed song.“
Die Atempause „Rat Salad“
„Rat Salad“, das einzige Instrumentalstück, unterbricht diese Reihe bewusst – ein kurzes Schlagzeugfeature für Bill Ward zwischen zwei textschweren Tracks, mehr Verschnaufpause als Aussage. Auch das ist eine Form von Dramaturgie, nur eine, die keine Worte braucht.
Nicht jeder hat das überzeugend gefunden. Der Kritiker Robert Christgau schrieb in seinem Record Guide, die Horrorthematik der Band sei ihm kaum anders zugänglich als über „camp“, räumte aber ein, die Band erreiche musikalisch „undreamt-of extremes“ an Härte. Der Einwand trifft genau den Punkt, der die Platte später prägend machte: dieselbe Schwere, die Christgau nur als Pose lesen wollte, hat AllMusic-Kritiker Steve Huey Jahrzehnte später so bewertet, dass das Album „the sound and style of heavy metal more than any other record in rock history“ definiert habe. Beides bezieht sich auf dieselben acht Tracks – nur die Hörgewohnheiten dazwischen haben sich verändert.
Fast der Albumtitel
War Pigs
Bis wenige Wochen vor Veröffentlichung sollte die Platte nach ihrem Opener heißen. Erst der Single-Erfolg von „Paranoid“ im August 1970 änderte den Plan – das Cover, das längst zum ursprünglichen Titel passend gestaltet war, blieb unangetastet.
So kam es, dass eine Platte namens Paranoid mit einer Figur in Kampfmontur auf dem Umschlag erscheint, statt mit irgendeinem Bild, das etwas mit Verfolgungsangst zu tun hätte. Ozzy Osbourne hat sich über den Bruch nie einen Hehl gemacht, siehe „Zum Cover“.
05Warum es einen Abend trägt
Rund zweiundvierzig Minuten, acht Tracks, und eine klare Bewegung von vorn nach hinten. In der ersten Hälfte folgen die heute bekanntesten Nummern aufeinander: „War Pigs“ baut über fast acht Minuten Spannung auf, „Paranoid“ entlädt sie in unter drei, „Planet Caravan“ – mit Bongos, Flöte und gedämpfter Stimme der bewusste Gegenentwurf zum Rest der Platte – lässt kurz Ruhe einkehren, bevor „Iron Man“ mit seinem gesprochenen Einstieg wieder Tempo aufnimmt.
Die zweite Hälfte des Albums ist die dunklere: „Electric Funeral“ zeichnet ein atomares Nachbild, „Hand of Doom“ verhandelt Drogenabhängigkeit mit einem Bassriff, das kaum von der Stelle kommt, „Rat Salad“ schafft eine instrumentale Pause, bevor „Fairies Wear Boots“ die Platte mit einem letzten, breiten Riff schließt. Wer nach der Hälfte noch auf eine Auflösung ins Helle wartet, wartet vergeblich – dieses Album wird nicht leichter, es wird konsequent.
Platz eins in Großbritannien
Was davon bleibt, ist mehr als eine Momentaufnahme von 1970. In Großbritannien stand die Platte auf Platz eins der Albumcharts, in den USA erreichte sie im März 1971 Platz zwölf und wurde in der Folge mehrfach mit Platin ausgezeichnet. 2017 wählte Rolling Stone sie auf Platz eins der hundert größten Metal-Alben aller Zeiten; in der Liste der fünfhundert größten Alben überhaupt steht sie in der Fassung von 2020 auf Platz 139. Autor Joe Levy schrieb dazu, kaum eine Metal- oder Hard-Rock-Band der folgenden Jahrzehnte – er nennt unter anderem Metallica, Nirvana und Slipknot – komme ohne eine Verbeugung vor Iommis Gitarrenarbeit, der Rhythmusgruppe aus Butler und Ward und Osbournes Gesang aus.
Ein Abend mit dieser Platte verlangt also, was 1970 in London auch verlangt wurde: keine Umwege, keine Schonung, dafür acht Tracks, die in wenigen Tagen entstanden sind und trotzdem nach fünfzig Jahren noch als Ursprung eines ganzen Genres gehört werden.
Herkunft
Alle vier Musiker stammen aus dem industriellen Birmingham, aus dem Stadtteil Aston beziehungsweise dem angrenzenden Handsworth. Iommi selbst hatte vor dem Unfall in einer Blechfabrik gearbeitet, zuvor unter anderem als Installateur und in einer Ringfabrik. Genaue Belege dafür, wie stark dieser Hintergrund den Sound der Band bewusst geprägt hat, liefern die verfügbaren Quellen nicht – die biografische Nähe zur Schwerindustrie ist jedoch durchgehend dokumentiert.
Wie klingt ein Album, dessen bekanntester Song in einer Mittagspause entstand und das trotzdem zum Ausgangspunkt eines ganzen Genres wurde?
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