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1997Albumvorschlag

Homogenic

Björk

In einem Gutshaus in den andalusischen Bergen ließ Björk sich von ihrem Produzenten keine Taktarten oder Genrenamen nennen, sondern verlangte „mehr Sauerstoff“ und „noch eine lautlose Explosion“ – bis daraus ein Beat wurde.

Nach einer Stalker-Krise verließ Björk London und zog sich in ein Gehöft bei Málaga zurück, um mit einem einzigen Team aus rund hundert einzeln gebauten Beats und einem echten Streicherapparat ein Album zu bauen, das wie ein Guss klingt statt wie eine Reisetagebuch-Collage. Zehn Tracks, ein Klangbild, ein Jahr Arbeit an einem Ort, an dem sonst niemand war.

  • Laufzeitrund 43 Minuten
  • Titel10
  • Jahr1997
  • AufgenommenBjörks Wohnstudio in London (frühe Sessions); El Cortijo bei Málaga, Spanien
Das Albumcover von Homogenic: Björk vor rötlichem Hintergrund in einem kimonoartigen Gewand von Alexander McQueen, mit einem spiralförmig gewundenen Halsreif von Shaun Leane und aufwendig aufgetürmtem Haar.
Björk, Homogenic, One Little Indian 1997. Fotografie Nick Knight, Gestaltung Alexander McQueen, Schmuck Shaun Leane. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Hunter4:13
  2. Jóga5:05
  3. Unravel3:17
  4. Bachelorette5:16
  5. All Neon Like5:52
  6. 5 Years4:29
  7. Immature3:06
  8. Alarm Call4:19
  9. Pluto3:19
  10. All Is Full of Love4:32

Zum Cover

Ein rötlicher Grund, ein Halsreif, der sich mehrfach um den Nacken windet, und ein Gewand, das aussieht, als könnte man darin nicht sitzen. Der Fotograf Nick Knight und der Designer Alexander McQueen bauten die Figur gemeinsam mit der Stylistin Katy England: eine „Kriegerin der Liebe“, wie McQueen sie nannte, in einer unmöglichen Lage, die sich nicht mit Waffen wehrt, sondern allein mit ihren Gefühlen.

McQueen fertigte den kimonoartigen Umhang in seinem Londoner Atelier aus blau-weißem Damast mit Pflaumenblüten-Muster, gefüttert mit Scharlachrot – ein Verweis auf japanische Formensprache, keine Kopie davon. Der Schmuck stammt vom Juwelier Shaun Leane, der sich an die Messing-Halsringe der Kayan-Frauen in Myanmar anlehnte. Dazu kamen aufwendig aufgetürmtes Haar mit Anklängen an indigene nordamerikanische Frisuren, spezielle Kontaktlinsen und hohe Holzschuhe, die Björk kaum Bewegungsspielraum ließen.

Überliefert ist, dass das Foto, das später das Cover wurde, die erste Aufnahme der gesamten Sitzung war. McQueen soll sich das Polaroid angesehen haben, für ausreichend befunden und das Studio kurz darauf verlassen haben – obwohl noch stundenlang weitergearbeitet wurde. Björk selbst hat die Figur später als eine Art Selbstporträt beschrieben: im Ausland fühle sie sich isländisch, zu Hause weltoffen, ständig zwischen beidem wechselnd.

Fotografie: Nick Knight
Gestaltung: Alexander McQueen
Schmuck: Shaun Leane
Label: One Little Indian, 1997
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.

„In Island dreht sich alles, vierundzwanzig Stunden am Tag, um die Natur. Erdbeben, Schneestürme, Regen, Eis, Vulkanausbrüche, Geysire … sehr elementar und unkontrollierbar. Aber andererseits ist Island unglaublich modern, alles ist Hightech. […] Dieser Widerspruch steckt auch in Homogenic.“

Björk in einem Interview über das Konzept des Albums

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Wie Homogenic entstand
  3. 03Der Klang
  4. 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
  5. 05Warum es einen Abend trägt

01Der besondere Moment

In einem alten Gutshaus in den Hügeln über Málaga sitzen sich Björk und der Produzent Mark Bell gegenüber, ein Sampler zwischen ihnen. Bell, vorher bei der Technoformation LFO, soll aus dem, was Björk beschreibt, einen Beat bauen – aber sie benennt weder Tempo noch Genre. Stattdessen gibt sie Bilder vor. Rückblickend wurde überliefert, wie diese Sitzungen klangen: Björk verlangte „I need more oxygen“, ein andermal „Give me another silent explosion“, und Bell übersetzte die Sätze so lange in Klang, bis sie zustimmte.

Eine Datenbank aus hundert Beats

Auf diese Weise entstand nach und nach eine ganze Sammlung von Rhythmen, aus der später die zehn Tracks des Albums gebaut wurden – eine Art Datenbank aus rund hundert einzelnen Beats, jeder für sich entwickelt, keiner von der Stange. Für Björk war Bell zu diesem Zeitpunkt längst mehr als ein Dienstleister; sie hat später gesagt, neben Stockhausen, Kraftwerk und Brian Eno habe niemand sie so beeinflusst wie er.

Was diese Szene über das ganze Album verrät, liegt im Verfahren selbst: Kein Klang wurde aus einem Presetordner geholt, jeder wurde einzeln verhandelt, in einer Sprache aus Gefühl statt aus Fachbegriffen. Das ist auch der Grund, warum die Beats auf Homogenic so unverwechselbar eigenwillig klingen – sie sind nicht für irgendeinen Track entstanden, sondern für eine ganz bestimmte Beschreibung, die nur Björk und Bell zwischen sich verstanden.

Die genaue Zahl von hundert Beats stammt aus einer einzigen rückblickenden Quelle und lässt sich nicht unabhängig gegenprüfen; als Größenordnung für das Arbeitsprinzip darf man sie trotzdem nehmen. Wortlaut und Reihenfolge der beiden zitierten Sätze sind ebenfalls nur so überliefert, nicht mit Datum oder genauem Track versehen.

02Wie Homogenic entstand

Nach der Welttournee zu Post wollte Björk zur Abwechslung von zu Hause aus arbeiten, statt wieder monatelang unterwegs zu sein. Es kam anders. 1996 schickte ein amerikanischer Stalker, Ricardo López, ein Paket mit einer Rohrbombe auf Schwefelsäure-Basis an ihre Londoner Adresse; es wurde abgefangen, bevor es sie erreichte, López nahm sich anschließend vor laufender Kamera das Leben. Die Einzelheiten dazu sind in den Quellen nicht immer deckungsgleich wiedergegeben, das Ereignis selbst gilt aber als belegt und als einer der Gründe, warum Björk London bald darauf verließ.

Von Maida Vale nach El Cortijo

Begonnen hatte die Arbeit an dem Album da schon: in ihrem Wohnstudio in Maida Vale, gemeinsam mit dem Toningenieur Markus Dravs, der dort unter anderem den schnellen Beat zu „5 Years“ entwickelte. Fortgesetzt und abgeschlossen wurde das Album dann in El Cortijo, einem Wohnstudio in den Bergen bei Málaga, das ihr Trevor Morais anbot – ihr Tourschlagzeuger, der dort auch selbst Schlagzeug einspielte.

Zum kleinen Team gehörten neben Dravs und Mark Bell auch Guy Sigsworth (Keyboards, Kirchenorgel, Clavichord) und der langjährige Weggefährte Howie B (Programming, Mischung). Björk band auch Menschen ohne Studioerfahrung ein; laut einem Bericht wurde etwa Rebecca Storey, ursprünglich als Babysitterin engagiert, Teil des Produktionsteams. Ihr eigenes Bild für die beiden Vorgängeralben war das von Tim und Struppi-Heften – „Tim und Struppi im Kongo, Tim und Struppi in Tibet“ –, verschiedene Schauplätze, verschiedene Aromen. Für dieses Album wollte sie das Gegenteil: „Björk goes home“, ein einziges Aroma statt vieler.

Eine Randnotiz aus der Entstehungszeit: Der Wu-Tang Clan war einer Quelle zufolge im Gespräch für eine Zusammenarbeit, die aber an deren eigenem Zeitplan scheiterte – die Gruppe steckte mitten in der Arbeit an Wu-Tang Forever. Bestätigt ist das nur aus zweiter Hand.

Veröffentlicht wurde Homogenic am 22. September 1997 in Großbritannien bei One Little Indian, in den USA kurz darauf bei Elektra.

03Der Klang

Björk komponierte die meisten Melodien allein, oft auf einem kleinen Casio-Keyboard, und arbeitete darauf auch schon eigene Streicherlinien aus, bevor sie den Rest an die Programmierer weitergab. Was sie sich dabei wünschte, hat Markus Dravs später mit einem Bild zusammengefasst, das seither immer wieder zitiert wird: „rough volcanoes with soft moss growing all over it“ – raue Vulkane mit weichem Moos darüber. In welchem Gespräch genau er das gesagt hat, ist nicht mit letzter Sicherheit zu klären; als Beschreibung des Klangkonzepts gilt sie aber als zuverlässig überliefert.

Konkret heißt das: harte, oft verzerrte digitale Beats auf der einen Seite, ein echtes Streicherensemble auf der anderen, ohne dass die beiden Ebenen ineinander verschwimmen. An „Jóga“ lässt sich zeigen, wie ruppig dieser Prozess sein konnte. Dravs' erste Rhythmusidee empfand Björk als „zu abstrakt“; Mark Bell griff sie danach auf und beschrieb sein Vorgehen so: er habe „99 Prozent von dem, was [Dravs] gemacht hatte“ übernommen und daraus „irgendwelche Geräusche“ gebaut – erst dieser zweite Durchgang wurde zur fertigen Spur. Was die Ebenen für sie bedeuteten, hat Björk selbst knapp erklärt: „The electronic beats are the rhythm, the heartbeat. The violins create the old fashioned atmosphere, the colouring.“

Kein rein isländisches Oktett

Für die Streicherarrangements, die nicht von Björk selbst stammten, transkribierte, arrangierte und dirigierte der brasilianische Musiker Eumir Deodato. Gespielt wurden sie von einem Ensemble, das isländische und Londoner Musikerinnen und Musiker zusammenbrachte: unter den Geigerinnen etwa Sigrún Eðvaldsdóttir, Sigurbjörn Bernhardsson und Una Sveinbjarnardóttir, dazu von der Orchesterkontrakteurin Isobel Griffiths engagierte Londoner Sessionmusiker wie Gavyn Wright und Wilfred Gibson. Von einem einzelnen, durchgehenden „isländischen Oktett“ zu sprechen greift also etwas zu kurz – der Kern war isländisch, der Klangkörper darum herum größer.

Die Streicher wurden erst spät im Entstehungsprozess aufgenommen, das Album lag zu diesem Zeitpunkt bereits hinter dem ursprünglichen Zeitplan.

Hörmoment

Jóga

Achten Sie auf die Stelle, an der der programmierte Bassbereich für einige Takte vollständig zurücktritt und die Streicher den Raum allein ausfüllen. Genau diesen Wechsel meinte Björk, als sie von „Rhythmus“ und „Kolorit“ als zwei getrennten Aufgaben sprach.

Eine Sekundenangabe steht hier nicht, weil dafür in keiner geprüften Quelle eine Zeitmarke genannt wird. Man erkennt die Stelle ohnehin: Sie ist der Moment, in dem aus einem elektronischen Track kurz ein Orchesterstück wird.

04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Debut und Post hatten Björk selbst als Sammlung unterschiedlicher „Aromen“ beschrieben, mal dies, mal das ausprobiert. Homogenic ist bewusst das Gegenteil: ein einziges, streng begrenztes Klangvokabular – programmierte Beats, ein Streicherapparat, ihre Stimme –, das durch alle zehn Tracks durchgehalten wird. Genau dieses Sich-Beschränken ist der Grund, warum das Album wie eine einzige, fortlaufende Aussage wirkt und nicht wie eine Wiedergabeliste.

Trennungen von Tricky und Goldie

Dazu kommt eine biografische Klammer, die nirgends wörtlich benannt wird, aber in der Entstehungszeit mitschwingt: mehrere Tracks verarbeiten das Ende von Beziehungen, unter anderem zu Tricky und zu Goldie, dazu die öffentliche Bedrohung durch den Stalker-Vorfall. Die Lieder sprechen das nicht direkt aus, aber die Chronologie legt nahe, dass hier jemand ein Zuhause neu zusammensetzt, nachdem es angegriffen wurde.

Dass diese Strenge nicht jedem gefiel, gehört zur Geschichte des Albums dazu. Rolling Stone nannte es 1997 „one of the boldest – and most exciting – albums of the year“ und lobte gerade das Nebeneinander von Gegensätzen statt deren Verschmelzung – „good art, like good love, relies as much on the interplay of opposites as it does on fusion“. Dieselbe Besprechung warnte aber auch: Wer die „sweet melodies and peppy dance collages“ der früheren Alben suche, werde es „rough going“ finden. Genau die Kompromisslosigkeit, die das Album als Ganzes zusammenhält, macht es als Ansammlung potenzieller Singles schwerer zugänglich.

Fast auf diesem Album

Eine Zusammenarbeit, die nicht zustande kam

Der Wu-Tang Clan war einem Bericht zufolge im Gespräch, an Homogenic mitzuwirken. Es blieb bei der Idee: Die Gruppe war zu dieser Zeit mit den eigenen Aufnahmen zu Wu-Tang Forever ausgelastet.

Wie eine solche Begegnung geklungen hätte – New Yorker Rap-Produktion neben isländischen Streichern – ist reine Spekulation. Belegt ist nur, dass es dazu nie kam.

05Warum es einen Abend trägt

Zehn Tracks, rund dreiundvierzig Minuten, kein Ausreißer in der Länge. Das Album öffnet mit dem harten, fast bedrohlichen „Hunter“ und schließt mit „All Is Full of Love“, einem der wenigen Momente auf der Platte, in dem Beats und Streicher nicht gegeneinander, sondern miteinander arbeiten – fast wie ein Versöhnungs- angebot nach vierzig Minuten Reibung.

Jóga für die beste Freundin

Dazwischen liegt „Jóga“ als emotionaler Hochpunkt, geschrieben für Björks beste Freundin und, in ihren eigenen Worten, „probably the fiercest love song I have written“. Wer in einer Runde zuhört, merkt an dieser Stelle, wie aus dem elektronischen Grundton für einige Takte ein echter Orchesterklang wird – ein Bruch, der in ruhigen Räumen selten unbemerkt bleibt.

Ehrlich sollte man sagen, was das Album verlangt: Es ist streckenweise kühl, manchmal sperrig, und es öffnet sich nicht sofort. Wer einen bequemen Hintergrund sucht, ist bei diesem Album falsch. Wer bereit ist, die erste Hälfte als Anspannung und die zweite als deren langsame Auflösung zu hören, bekommt dafür einen der geschlossensten Bögen, den ein Popalbum der neunziger Jahre zu bieten hat.

Eine gemeinsame Geschichte

Kommerziell blieb Homogenic hinter den Vorgängeralben zurück: Platz eins in Island, Platz vier in Großbritannien, Platz achtundzwanzig in den USA. Von der Kritik wurde es überwiegend gefeiert, unter anderem vom britischen NME, der von einem „stinging triumph for the spirit of adventure“ sprach.

Gewachsen ist der Ruf des Albums seither eher im Rückblick: Es gilt heute vielen als Ausgangspunkt dessen, was später „Folktronica“ genannt wurde, und wird von Musikerinnen und Musikern verschiedener Generationen als Einfluss genannt, darunter Ed O'Brien von Radiohead. Eine Platte, die zunächst als schwierig galt, ist mit den Jahren zu der geworden, an der andere sich messen.

Wie klingt ein Zuhause, das aus rohen Beats und echten Streichern gleichzeitig gebaut wurde?