1986Albumvorschlag
Graceland
Paul Simon
Ein Bassist spielte seinen Lauf an seinem eigenen Geburtstag ein – rückwärts synchronisiert wurde daraus der bekannteste Bruch der Achtzigerjahre.
Ein New Yorker Songwriter ohne fertige Songs, ein Kassettenmitschnitt aus einem Auto, eine heimliche Reise nach Johannesburg mitten im internationalen Kulturboykott gegen die Apartheid. Was daraus wurde, hört man als elf Tracks. Wie es entstand, ist eine Geschichte über Löcher lassen und andere hineinspielen lassen.
- Laufzeitrund 43 Minuten
- Titel11
- Jahr1986
- AufgenommenOvation Studios Johannesburg, The Hit Factory New York, Abbey Road London, Amigo Studios Los Angeles
Tracklist
- The Boy in the Bubble3:59
- Graceland4:48
- I Know What I Know3:13
- Gumboots2:44
- Diamonds on the Soles of Her Shoes5:45
- You Can Call Me Al4:39
- Under African Skies3:37
- Homeless3:48
- Crazy Love, Vol. II4:18
- That Was Your Mother2:52
- All Around the World or the Myth of Fingerprints3:15
„The bassline is what the album is all about. It's the essence of everything that happened.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie Graceland entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Bakithi Kumalo steht mit seinem bundlosen Washburn-Bass im Studio und spielt eine absteigende Linie über einem Takt, den noch niemand einen Song nennen würde. Es ist sein Geburtstag. Toningenieur Roy Halee nimmt den Lauf auf ein Monoband, dreht das Band um und synchronisiert die rückwärts abgespielte Version wieder auf das Original zurück. Aus einer fallenden Linie wird eine steigende, aus einem Bassisten, der einfach nur gut aufgelegt war, der bekannteste Break eines Songs, den zu diesem Zeitpunkt noch niemand kannte.
Der Song heißt You Can Call Me Al
Der Song bekommt später den Titel „You Can Call Me Al“. Der Bruch in der Mitte, an dem der Bass für einen Takt allein steht und dann in die entgegengesetzte Richtung zu laufen scheint, ist keine Spielerei am Mischpult, sondern das Ergebnis einer sehr konkreten Bandmontage. Halee hat die Technik selbst beschrieben: Er habe Kumalos Linie „copied … to a mono machine and then sync'ed it backwards“, um aus dem abfallenden Original eine aufsteigende Antwort zu bauen.
Was diese Szene über das ganze Album verrät, liegt in der Reihenfolge der Ereignisse. Erst spielt jemand, ohne zu wissen, wofür. Dann hört jemand anderes zu und findet darin einen Song. Genau so ist ein Großteil von Graceland entstanden: nicht als komponiertes Stück, das eingespielt wird, sondern als eingespielter Moment, aus dem hinterher ein Stück gemacht wird.
Belegt ist die Szene direkt durch Halees eigene Schilderung in einem Fachinterview; Kumalos Geburtstag als Aufnahmetag wird in mehreren Quellen übereinstimmend genannt. Welches genaue Datum das war, ist nicht überliefert.
02Wie Graceland entstand
Am Anfang steht eine geliehene Kassette. 1984 gab die Songwriterin Heidi Berg, die Simon zu der Zeit produzierte, ihm einen Mitschnitt mit dem handgeschriebenen Titel „Accordion Jive Vol. II“ – ein Bootleg mit südafrikanischer Township-Musik, Mbaqanga. Simon hörte das Band immer wieder auf den Fahrten zu seinem Haus in Montauk und beschrieb den ersten Eindruck später so: Es sei „very good summer music, happy music“ gewesen, die ihn an Rhythm & Blues aus den Fünfzigern erinnerte. Über Kontakte bei Warner Bros. ließ sich klären, dass die Musik aus Südafrika stammte, gespielt von den Boyoyo Boys.
Statt wie Jahrzehnte zuvor bei „El Condor Pasa“ nur die Rechte an einem einzelnen Stück zu erwerben, schlug der südafrikanische Produzent Hilton Rosenthal vor, gleich ein ganzes Album mit südafrikanischen Musikern aufzunehmen. Im Februar 1985 reisten Simon und Halee für rund zwei Wochen nach Johannesburg. Rosenthal hatte Musiker zusammengetrommelt, deren Aufnahmen Simon inspiriert hatten, und zahlte ihnen etwa 200 US-Dollar pro Stunde, ungefähr das Dreifache eines New Yorker Gewerkschaftssatzes – unter anderem deshalb, weil viele von ihnen Simons Namen nicht kannten und sich nicht allein auf spätere Tantiemen verlassen wollten.
Gearbeitet wurde in den Ovation Studios in improvisierten Jamsessions von zehn bis dreißig Minuten Länge, ohne Kopfhörer, ohne ausgeschriebene Arrangements. Simon beschreibt die Methode so: „The tracks preceded the songs. We worked improvisationally. While a group was playing in the studio, I would sing melodies and words – anything that fit the scale they were playing in.“ Texte und endgültige Melodien entstanden erst danach, zu Hause in Montauk, wo Simon die Bänder abhörte, teils rückwärts, um Muster darin zu finden.
Ausgangssperren für schwarze Musiker
Die politische Lage war dabei jederzeit gegenwärtig. Die Vereinten Nationen hatten einen Kulturboykott gegen das Apartheid-Regime verhängt; Aufnahmen im Land zu machen, war nach den Regeln der internationalen Anti-Apartheid-Bewegung nicht vorgesehen. Der schwarze südafrikanische Musikergewerkschaftsverband stimmte der Zusammenarbeit jedoch zu, weil sie den beteiligten Musikern internationale Aufmerksamkeit versprach. Simon selbst erinnert sich an den Kontrast: „In the middle of the euphoric feeling in the studio, you would have reminders that you're living in an incredibly tense racial environment, where the law of the land was apartheid.“ Mehrere Sessions mussten wegen der Ausgangssperren für schwarze Musiker vorzeitig beendet werden.
Fertig wurde das Album an mehreren Orten: Überspielungen und Gesang im Hit Factory in New York, die Aufnahme zu „Homeless“ im Oktober 1985 in den Abbey Road Studios in London gemeinsam mit Ladysmith Black Mambazo, Gesangsaufnahmen mit Linda Ronstadt in den Amigo Studios in Los Angeles. Erschienen ist Graceland am 25. August 1986 bei Warner Bros.
Einordnung
Der Streit um den Boykott
Dass Simon in Südafrika aufnahm, ohne vorher die Zustimmung des African National Congress einzuholen, wurde ihm scharf vorgeworfen. Der Musiker und Aktivist Harry Belafonte hatte genau dazu geraten; Simon lehnte ab, weil er das Projekt musikalisch und nicht vorrangig politisch verstanden wissen wollte. Organisationen wie Artists United Against Apartheid sowie Musiker wie Billy Bragg, Paul Weller und Jerry Dammers kritisierten den Bruch des Boykotts öffentlich; der ANC setzte Simon zunächst auf eine Sperrliste, nahm ihn im Januar 1987 aber wieder davon.
Zusätzliche Kritik traf die Mitwirkung von Linda Ronstadt, die zuvor gegen Geld im als Apartheid-Symbol geltenden Ferienort Sun City aufgetreten war. Simon verteidigte sie als „extremely liberal in her political thinking and unquestionably antiapartheid“, die sich lediglich geirrt habe.
Simon selbst hat sein Vorgehen später politisch begründet, nicht musikalisch verharmlost: „It was a collaboration between blacks and whites to make music that people everywhere enjoyed. It was completely the opposite from what the apartheid regime said … Here, there were no inferiors or superiors, just an acknowledgement of everybody's work as a musician.“ Nicht alle beteiligten Musiker sahen das gleich unbeschwert: Der Posaunist Jonas Gwangwa fragte rückblickend spöttisch: „So, it has taken another white man to discover my people?“ Die Anti-Apartheid-Aktivistin Dali Tambo erinnerte daran, worum es ihr eigentlich ging: „We were fighting for our land, for our identity. We had a job to do, and it was a serious job.“ Beide Sichtweisen stehen nebeneinander, ohne dass sich die eine mit der anderen auflösen ließe.
03Der Klang
Die Ovation Studios in Johannesburg waren nach Halees Erinnerung technisch einfach ausgestattet, aber klanglich überraschend gut: eine Harrison-Konsole, 3M-Bandmaschinen, umgebaute JBL-Monitore. Statt die Musiker in getrennte Kabinen zu stellen, ließ Halee sie im Sichtkontakt zueinander spielen; Kopfhörer trug fast niemand, „aside from the drummer, and even he often didn't wear them“.
Kumalos Bass, aufgenommen über Direktabnahme und Verstärkermikrofon zugleich, bildet das Rückgrat fast jedes Tracks. Halee hat das selbst so zusammengefasst: „The bassline is what the album is all about. It's the essence of everything that happened.“ Für Simons Gesang, der über dichten, mehrschichtigen Arrangements durchdringen musste, entwickelte Halee eine Verzögerungstechnik mit zwei unterschiedlichen Bandechos, „a tape delay feeding the left channel and a different delay feeding the right“ – ohne diesen Kunstgriff, so Halee, wäre der Gesang im Mix schlicht untergegangen.
Der Sony PCM3324 im Hit Factory
Fertiggestellt wurde vieles erst später und andernorts. Im Hit Factory in New York standen ein SSL-Pult und ein digitaler Sony PCM3324-Mehrspurrekorder zur Verfügung, mit denen sich die in Johannesburg analog aufgenommenen Bänder weiterbearbeiten ließen. Halee: „We recorded everything analogue, so it sounded really good, but without the facility to edit digital I don't think we could have done that project.“ Zusätzliche elektronische Klangschichten, etwa auf „The Boy in the Bubble“, stammen von einem Synclavier-Synthesizer, mit dem Simon den akustischen Aufnahmen ein zeittypisches Achtzigerjahre-Timbre beimischte.
Auch der Gesang entstand mit erheblichem Aufwand: Halee ließ Simon denselben Take teils fünfzehnmal singen, um daraus eine einzige Spur zusammenzusetzen – „I'd have Simon sing the same vocal 15 times and then I'd comp like crazy“ –, bis hin zu einzelnen nachträglich eingepassten Wörtern, wenn die Tonhöhe nicht exakt saß.
Hörmoment
You Can Call Me Al
Achten Sie auf den kurzen Bruch, in dem der Bass plötzlich für einen Takt allein steht und danach in die andere Richtung zu laufen scheint. Es ist Bakithi Kumalos rückwärts synchronisierte Linie vom selben Take.
Eine Sekundenangabe steht hier nicht, weil in keiner geprüften Quelle eine Zeitmarke dafür genannt wird. Man erkennt die Stelle trotzdem: Es ist der einzige Moment des Songs, in dem für einen Augenblick nur der Bass zu hören ist.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Elf Tracks, die auf den ersten Blick nichts Gemeinsames haben sollten: Mbaqanga aus Soweto, Isicathamiya-Gesang von Ladysmith Black Mambazo, Zydeco von Good Rockin' Dopsie aus Louisiana, dazu New Yorker Pop-Songwriting und Bläsersätze aus der Jazzszene. Zusammengehalten wird das nicht durch einen einheitlichen Klang, sondern durch die immer gleiche Arbeitsweise: Erst die Band, dann die Stimme, dann der Text. Jeder Track ist eine eigene Begegnung, aber alle sind nach demselben Prinzip entstanden.
Kritisch aufgenommen wurde das von Anfang an überwiegend positiv. Rob Tannenbaum nannte die Platte im Rolling Stone „lovely, daring and accomplished“, Robert Christgau bezeichnete sie als Simons beste Arbeit seit seinem selbstbetitelten Soloalbum von 1972, „a tremendously engaging and inspired piece of work“. In der Kritikerumfrage der Village Voice stand Graceland am Ende des Jahres 1986 auf Platz eins.
Der Vorwurf von Los Lobos
Die Gegenstimme betraf nicht den Klang, sondern die Frage, wem er gehört. Steve Berlin von Los Lobos warf Simon vor, die Grundlage von „All Around the World or the Myth of Fingerprints“ von seiner Band übernommen zu haben, ohne das kenntlich zu machen, und zitierte Simons abweisende Reaktion darauf mit „Sue me. See what happens.“ Simon wiederum gab an, von dem Vorwurf erst Monate nach Erscheinen über Anwälte erfahren zu haben. Beide Darstellungen stehen bis heute unvereinbar nebeneinander; eine gerichtliche Klärung ist nicht bekannt.
Was diesen Streit nicht widerlegt, aber einordnet: Dieselbe Frage nach Anteil und Anerkennung stellte sich für das ganze Album, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Songwriting-Credits gingen unter anderem an Ray Phiri, General M.D. Shirinda und Joseph Shabalala von Ladysmith Black Mambazo – für ein Album dieser Zeit keine Selbstverständlichkeit, aber eben auch kein Beleg dafür, dass jede Beteiligung gleich sichtbar honoriert wurde.
Eine Stimme aus der Band
Barney Rachabane
Der Saxofonist Barney Rachabane, der unter anderem bei „You Can Call Me Al“ mitspielte, musste die Sessions wegen der Ausgangssperre für schwarze Südafrikaner meist schon um 17 Uhr verlassen. Trotzdem sagte er später über die Aufnahmen: „Graceland opened my eyes and set a tone of hope in my life.“
05Warum es einen Abend trägt
Graceland eröffnet mit einer Kollision: Auf „The Boy in the Bubble“ trifft ein Synthesizer-Puls auf ein südafrikanisches Akkordeon, bevor Simons Stimme einsetzt. Von dort aus bewegt sich das Album über rund 43 Minuten durch sehr unterschiedliche Klangbilder – treibende Bandarrangements in der ersten Hälfte, ruhigere, vokal getragene Stücke wie „Homeless“ mit Ladysmith Black Mambazo, schließlich wieder Tempo zum Schluss hin mit „All Around the World or the Myth of Fingerprints“.
Diese Bewegung lässt sich nicht auf einen einzelnen Moment festlegen wie bei einer Konzeptplatte mit klarer Dramaturgie; es ist eher ein ständiger Ortswechsel, der sich daraus ergibt, dass hinter jedem Track eine andere Musikergruppe steht. Wer den Abend am Stück hört, merkt das eher am Wechsel der Stimmen und Sprachen als an einem großen Spannungsbogen.
Zwei Grammys und das Nationalarchiv
Was bleibt, ist die Wirkung danach. Graceland gewann 1987 den Grammy als Album des Jahres, der Titeltrack 1988 den Grammy als Aufnahme des Jahres; 2006 wurde das Album in die Nationale Schallarchiv-Liste der USA aufgenommen. Weltweit sollen bis heute schätzungsweise vierzehn bis sechzehn Millionen Exemplare verkauft worden sein. Ladysmith Black Mambazo, bis dahin außerhalb Südafrikas kaum bekannt, wurde durch die Platte zu einem international gebuchten Ensemble.
Für einen Hörabend heißt das vor allem: Hier hört eine Gruppe von Menschen einander beim Musizieren zu, nicht einer allein einer Idee hinterher. Nach dem letzten Track bleibt weniger ein Gefühl von Abschluss als von einem Gespräch, das an vielen Orten gleichzeitig geführt wurde.
Wie klingt ein Album, das mitten in einem politischen Verbot entstand und trotzdem als Verständigung gehört wird?
Weiterhören
-
Talking Heads
Remain in Light
1980
Sechs Jahre vor Graceland bauten Talking Heads ihre Songs bereits auf westafrikanisch inspirierten Polyrhythmen auf – derselbe Grundgedanke: Der Groove kommt zuerst, der Text erst danach.
Zur Album-Story → -
Simon & Garfunkel
Bridge Over Troubled Water
1970
Derselbe Sänger, ein fast entgegengesetztes Vorgehen: dort ein sorgfältig durchkomponiertes Duo-Album, hier ein Solowerk, das erst im Studio mit fremden Musikern Gestalt annahm.
Zur Album-Story → -
Buena Vista Social Club
Buena Vista Social Club
1997
Auch dieses Album entstand, weil ein US-Produzent mit lokalen Musikern aufnahm, die international kaum wahrgenommen wurden – mit denselben Fragen nach Verdienst und Sichtbarkeit.
Zur Album-Story →
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