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1977Albumvorschlag

Exodus

Bob Marley and the Wailers

Zwei Tage nachdem Bewaffnete in sein Haus in Kingston eingedrungen waren, stand er mit dem Arm in der Schlinge auf einer Bühne vor Zehntausenden – und sang. Wenige Wochen später verließ er Jamaica und nahm dieses Album in London auf.

Zehn Stücke, eine Band ohne die beiden Gründungsmitglieder, die sie einmal berühmt gemacht hatten, und eine Platte, die in der Mitte den Raum wechselt: von Bedrohung und Aufbruch zu Liebe und Alltag. Was man von diesem Album kennt, sind „Jamming“, „One Love“, „Three Little Birds“. Was man seltener erzählt bekommt, ist, unter welchem Druck sie entstanden sind.

  • Laufzeitrund 37 Minuten
  • Titel10
  • Jahr1977
  • AufgenommenHarry J Studio, Kingston, und Islands Studio in der Basing Street, London
Das Albumcover: ein goldener Schriftzug „Exodus“ auf dunkelgrünem Grund.
Bob Marley and the Wailers, Exodus, Island Records 1977. Gestaltung Neville Garrick. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Natural Mystic3:28
  2. So Much Things to Say3:08
  3. Guiltiness3:19
  4. The Heathen2:32
  5. Exodus7:40
  6. Jamming3:31
  7. Waiting in Vain4:16
  8. Turn Your Lights Down Low3:39
  9. Three Little Birds3:00
  10. One Love / People Get Ready2:52

Zum Cover

Kein Bandfoto. Wo frühere Wailers-Cover Bob Marley zeigten, steht auf Exodus ein grafisches, golden auf dunklem Grün gehaltenes Emblem mit dem Schriftzug des Albumtitels – gestaltet von Neville Garrick, der schon die Hüllen von Natty Dread und Rastaman Vibration verantwortet hatte und zu dieser Zeit als Art Director für Marleys Label Tuff Gong arbeitete.

Der Verzicht auf ein Porträt passt zum Anlass der Platte. Sie entstand, nachdem Marley sein Zuhause hatte verlassen müssen; ein Cover, das die Person hinter dem Titel und der Idee zurücktreten lässt, wirkt weniger wie ein Zufall als wie eine Entscheidung.

Gestaltung: Neville Garrick
Label: Island Records, 1977
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.

„Ich glaube, Exodus hat eine gewisse Vollkommenheit, eine bestimmte Balance. Es nimmt einen mit auf eine Reise, die zutiefst ermutigend ist.“

Vivien Goldman Journalistin, damals Pressesprecherin für Marleys Label Island und Autorin des Buchs The Book of Exodus, im Gespräch über die Einordnung des Albums

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Wie Exodus entstand
  3. 03Der Klang
  4. 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
  5. 05Warum es einen Abend trägt

01Der besondere Moment

Drei Uhr morgens, ein Haus an der Hope Road in Kingston. Die Journalistin Vivien Goldman, damals Pressefrau für Marleys Label Island, ist zu Besuch, als er sich eine Gitarre nimmt und ein neues Stück vorspielt: „Guiltiness“, ein langsamer, drohender Song über Menschen, die anderen „bittere Speise“ zu essen geben. Es ist Monate vor den Aufnahmen zu diesem Album, und noch ist nichts davon, was danach geschieht, absehbar.

Everything me sing about come true

Nach Goldmans eigener Erinnerung sagte Marley an diesem Abend etwas, das sie seither immer wieder zitiert hat: „Everything me sing about come true y'know … Burning and looting … so much time it's a shame.“ Sinngemäß: Alles, worüber er singe, werde irgendwann wahr – und das sei eine traurige Sache. Wenige Monate später, am 3. Dezember 1976, drangen Bewaffnete in eben dieses Haus ein und schossen auf ihn, seine Frau Rita und sein Managementteam.

Die Szene lässt sich nur über eine einzige Quelle rekonstruieren, über Goldmans eigene Schilderung, veröffentlicht Jahre nach den Ereignissen. Ort und ungefährer Zeitraum decken sich mit dem, was über Marleys Alltag vor dem Anschlag bekannt ist; der genaue Wortlaut des Zitats ist, wie bei mündlich überlieferten Sätzen üblich, ihre Erinnerung daran, nicht ein Mitschnitt.

Was diese Vorahnung mit dem fertigen Album zu tun hat: „Guiltiness“ landete am Ende tatsächlich auf Exodus, aufgenommen unter Umständen, die Marley sich zu diesem Zeitpunkt kaum hätte ausmalen können – nicht mehr in Kingston, sondern in einem Studio in London, in das er geflohen war, weil in seinem eigenen Haus auf ihn geschossen worden war.

02Wie Exodus entstand

Am Abend des 3. Dezember 1976 drangen Bewaffnete in Marleys Haus und Bürogebäude an der Hope Road 56 in Kingston ein. Marley wurde an Brust und Arm getroffen, Rita Marley am Kopf verletzt, sein Manager Don Taylor schwerer getroffen und musste über längere Zeit behandelt werden. Wer genau geschossen hat und aus welchem Motiv, ist bis heute nicht gerichtsfest geklärt; die meisten Darstellungen setzen die Tat in Zusammenhang mit der aufgeheizten Stimmung vor der jamaikanischen Parlamentswahl im Dezember 1976, sicher belegen lässt sich diese Verbindung nicht.

Zwei Tage danach trat Marley trotzdem beim kostenlosen Konzert „Smile Jamaica“ auf, das ursprünglich als Zeichen gegen die politische Gewalt im Land gedacht war. Berichten zufolge sprach er kurz zum Publikum, zeigte seine Verletzungen und spielte anschließend ein kurzes Set, den Arm noch in der Schlinge. Wie viele Menschen im Publikum waren, wird unterschiedlich beziffert; übereinstimmend ist nur, dass es eine sehr große Menge war.

Smile Jamaica

In den Wochen danach verließ Marley Jamaica. Mehrere Darstellungen seines Lebens berichten von einem Zwischenaufenthalt außerhalb des Landes, bevor er sich für längere Zeit in London niederließ – nach manchen Angaben für über ein Jahr. Dort wohnte er zeitweise, so mehrere Biografien, in einer Wohnung seines Labelchefs Chris Blackwell in Chelsea.

Die Band, mit der er aufnahm, war zu diesem Zeitpunkt schon länger nicht mehr das Trio, unter dessen Namen sie bekannt geworden war: Peter Tosh und Bunny Wailer hatten die Wailers bereits 1974 verlassen. Auf Exodus spielten Aston „Family Man“ Barrett am Bass und sein Bruder Carlton Barrett am Schlagzeug, dazu Tyrone Downie an Keyboards und Alvin „Seeco“ Patterson an Percussion. Neu in der Besetzung war der Gitarrist Junior Marvin, der laut mehreren Bandbiografien über Chris Blackwell zur Gruppe kam, nachdem sein Vorgänger Al Anderson sie zwischenzeitlich verlassen hatte. Gesungen haben, wie schon auf den beiden vorangegangenen Alben, die I Threes im Hintergrund: Rita Marley, Marcia Griffiths und Judy Mowatt.

Produziert wurde die Platte offiziell von Bob Marley and the Wailers selbst, aufgenommen hat Karl Pitterson, unterstützt von den Assistenten Guy Bidmead und Terry Barham; gemischt haben Aston Barrett, Chris Blackwell und Pitterson gemeinsam. Grundspuren sollen bereits 1976 im Harry J Studio in Kingston entstanden sein, der Großteil der Aufnahmen und alle Überspielungen fielen zwischen Januar und April 1977 in Islands eigenem Studio in der Basing Street in London. Veröffentlicht wurde Exodus am 3. Juni 1977 – über sechs Monate nach dem Anschlag, der die Aufnahmen ausgelöst hatte.

Zur Einordnung

Der Anschlag vom 3. Dezember 1976

Details zu diesem Abend werden bis heute unterschiedlich erzählt: die genaue Zahl der Angreifer, der Ablauf im Haus, das Ausmaß der Verletzungen im Einzelnen. Sicher ist, dass Marley, Rita Marley und Don Taylor verletzt wurden, dass niemand von ihnen an den Schüssen starb und dass es bis heute keine rechtskräftige Klärung von Tätern oder Motiv gibt. Dieser Text erhebt an keiner Stelle den Anspruch, diese offenen Fragen zu beantworten – er erzählt, was daraus musikalisch wurde.

03Der Klang

Gegenüber den Alben, die die Wailers zuvor in Kingston aufgenommen hatten, klingt Exodus glatter und internationaler – ohne dabei den Groove zu verlieren, der Reggae trägt. Carlton Barretts „One-Drop“-Schlagzeug bleibt das Rückgrat, Family Man Barretts Bass liegt tief und rund darunter; darüber legen sich jetzt öfter Bläser: David Madden an der Trompete, zugleich für die Bläserarrangements verantwortlich, Vin Gordon an der Posaune, Glen DaCosta am Saxofon.

Junior Marvins Gitarre

Junior Marvins Gitarrenspiel bringt einen anderen Ton in die Band als der seines Vorgängers – melodischer, näher am Blues-Rock als an der harten Rhythmusgitarre klassischer Wailers-Aufnahmen. Am deutlichsten hört man das im Titelstück: Über gut siebeneinhalb Minuten verdichten sich Percussion, Bläser und ein treibender Groove zu etwas, das ein Rückblick des Fachmagazins Billboard so beschrieben hat: „a scorching mash-up of funk, reggae and disco, punctuated by blasts of regal horns“ – ein Stück, das sich bewusst nicht mit klassischem Roots-Reggae zufriedengibt.

Tyrone Downies Keyboards – Klavier, elektrisches Piano, gelegentlich Synthesizer – geben vielen Stücken eine weichere, gepflegtere Oberfläche, als man sie von den früheren, roheren Kingston-Aufnahmen der Band kennt. Kritikerinnen und Kritiker haben das unterschiedlich bewertet: als Öffnung hin zu einem internationalen Rockpublikum, das das Label Island seit Jahren aufbaute, oder als Verlust an Kante. Beides lässt sich am selben Material belegen.

Was bleibt, ist der Gesang der I Threes, der auf fast jedem Stück liegt und der Platte ihren warmen, chorischen Grundton gibt, gerade dort, wo die Texte am dunkelsten sind. Das Titelstück selbst wurde von Kritikerinnen wie dem Portal uDiscover Music rückblickend so charakterisiert: „a rippling, surging, seven-minute call to arms for a nation of displaced souls on the march to a new spiritual homeland“ – ein Aufruf, der musikalisch eher tanzt als marschiert.

Hörmoment

Exodus

Das Titelstück baut sich über seine gut siebeneinhalb Minuten immer wieder neu auf: Im letzten Drittel treten die Bläser stärker hervor, während Percussion und Chorgesang den Grundpuls halten. Eine Sekundenangabe steht hier bewusst nicht, weil dafür in keiner geprüften Quelle eine Zeitmarke genannt wird – die Stelle ist trotzdem unüberhörbar: Sie ist der Moment, an dem das Stück am dichtesten wird.

04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Zehn Stücke, klar in zwei Hälften geteilt – nicht nur auf dem Vinyl, sondern im Ton. Die erste Hälfte, von „Natural Mystic“ bis zum Titelstück „Exodus“, verhandelt Bedrohung, Glauben und Aufbruch: eine Ahnung von Veränderung, Schuld, die Warnung vor falschen Propheten, am Ende der Ruf zum Auszug selbst. Die zweite Hälfte, von „Jamming“ bis „One Love / People Get Ready“, wendet sich der Liebe, dem Tanz und kleinen, alltäglichen Trostbildern zu – drei Vögel vor dem Fenster, ein Licht, das man dimmt.

Vivien Goldman, die die Platte aus der Nähe miterlebte, hat genau diese Balance als ihre eigentliche Qualität benannt: eine Bewegung von Konfrontation zu Trost, die sich nicht plakativ anfühlt, sondern wie eine wirkliche Reise. Dass diese Zweiteilung kein Zufall der Songauswahl ist, sondern eine bewusste Anordnung, legen mehrere Rückblicke auf das Album übereinstimmend nahe.

One Love / People Get Ready

Am deutlichsten zeigt sich der Zusammenhalt im letzten Stück selbst: „One Love / People Get Ready“ verbindet Marleys eigenes, älteres Lied „One Love“ mit Zeilen und Melodie aus Curtis Mayfields „People Get Ready“ – deshalb führt die Veröffentlichung bis heute beide Namen als Autoren. Ein Schlussstück, das sich selbst als Weiterreichen begreift, nicht als Endpunkt.

Was man nicht behaupten sollte: dass die Platte ein durchgeplantes Konzeptalbum mit erzählerischem Bogen ist. Kein geprüfter Text beschreibt wiederkehrende musikalische Themen zwischen den Stücken. Die Klammer ist thematisch und emotional, nicht kompositorisch – und genau deshalb hält sie auch beim wiederholten Hören.

Am Rand erwähnt

Was aus derselben Zeit noch entstand

Aus denselben Londoner Sessions ging im Jahr darauf ein zweites Album hervor, Kaya (1978) – ruhiger im Ton, stärker auf Liebe und Alltag konzentriert. Manche Stücke, die später dort erschienen, wurden Berichten zufolge in derselben Schaffensphase angelegt wie die Aufnahmen zu Exodus.

05Warum es einen Abend trägt

Rund siebenunddreißig Minuten, zehn Stücke, keines davon Füllmaterial. Die Platte beginnt mit einer Warnung vor Unheil, das erst schleichend, dann unübersehbar wird, und endet mit einem Vers, der zur Einheit aufruft. Wer sie einmal ganz hört, hört diese Bewegung mit – vom Ernst zur Erleichterung, ohne dass die Erleichterung den Ernst vergessen macht.

Ehrlich muss man sagen: Ein Teil der Wirkung entsteht erst im Wissen um die Umstände. Wer nicht weiß, dass diese Platte in einem fremden Land entstand, wenige Monate nachdem auf ihren Autor geschossen worden war, hört zunächst vor allem gut gebauten, weltoffenen Reggae. Wer es weiß, hört in „Natural Mystic“ eine echte Unruhe und in „Three Little Birds“ eine Beruhigung, die sich ein Mann selbst zusprechen musste.

Album des Jahrhunderts

Zur Nachwirkung gehört auch die schiere Reichweite der Platte: 1999 erklärte das Magazin Time Exodus zum „Album des Jahrhunderts“ – eine Auszeichnung, die naturgemäß eine einzelne, subjektive Setzung bleibt, aber zeigt, wie hoch das Album inzwischen gehandelt wird. Das Magazin Rolling Stone führte es 2003 und 2012 auf Platz 169 seiner Bestenliste, 2020 rückte es in der überarbeiteten Fassung auf Platz 48 vor. In Deutschland erhielt Exodus eine Goldene Schallplatte für 250.000 verkaufte Einheiten, in Großbritannien blieb es 56 Wochen in Folge in den Albumcharts.

Nach dem letzten Vers von „One Love / People Get Ready“ muss niemand sofort etwas sagen. Es reicht, kurz sitzen zu bleiben und sich zu fragen, wie viele Bands ein Album dieser Leichtigkeit unmittelbar nach einem Anschlag auf ihr eigenes Leben zustande gebracht hätten.

Wie hört sich ein Album an, das im Exil entstand und trotzdem mit einem Lied über Einheit endet?