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2016Albumvorschlag

Blonde

Frank Ocean

Im Studio erzählt der Produzent SebastiAn beiläufig von einer Trennung. Frank Ocean nimmt das Gespräch auf, ohne ihm ein Wort davon zu sagen – und macht daraus einen Titel des Albums.

Am 19. August 2016 erschien Oceans Visual Album „Endless“ und erfüllte damit seinen Plattenvertrag bei Def Jam. Nur einen Tag später, ohne jede Ankündigung eines weiteren Labelgeschäfts, veröffentlichte er „Blonde“ vollständig unabhängig unter dem selbstgewählten Namen „Boys Don't Cry“. Vier Jahre Arbeit, siebzehn Titel auf der Streaming-Fassung, und eine der cleversten Vertragsumgehungen, die die Popmusik der 2010er kennt.

  • Laufzeit60:08
  • Titel17
  • Jahr2016
  • AufgenommenAbbey Road Studios London, Electric Lady Studios New York, Henson Recording Studios Los Angeles
Das Albumcover von Blonde: Frank Ocean mit blondiertem Haar, in stark reduzierter, fast überbelichteter Bildgestaltung, ohne Schriftzug im Bild.
Frank Ocean, Blonde, Boys Don't Cry 2016. Fotografie Wolfgang Tillmans. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Nikes5:14
  2. Ivy4:09
  3. Pink + White3:04
  4. Be Yourself1:16
  5. Solo4:17
  6. Skyline To3:04
  7. Self Control4:09
  8. Good Guy1:06
  9. Nights5:07
  10. Solo (Reprise)1:18
  11. Pretty Sweet2:38
  12. Facebook Story1:08
  13. Close to You1:25
  14. White Ferrari4:08
  15. Seigfried5:34
  16. Godspeed2:57
  17. Futura Free9:24

„He never told me, he didn't tell me about that. I knew he was recording a lot, even the conversations everywhere during the process of the album.“

SebastiAn Produzent, im Gespräch mit The FADER über seine Rolle als unwissende Stimme auf „Facebook Story“

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Wie Blonde entstand
  3. 03Der Klang
  4. 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
  5. 05Warum es einen Abend trägt

01Der besondere Moment

Der französische Produzent SebastiAn, bekannt vom Label Ed Banger, sitzt im Studio und erzählt beiläufig von einer Trennung. Es ist eine dieser Geschichten, die man im Studio nebenbei loswird, während gerade an etwas anderem gearbeitet wird – kein Interview, kein Take, nur ein Gespräch zwischen zwei Leuten, die sich die Zeit vertreiben. Frank Ocean lässt das Tonbandgerät laufen.

SebastiAn hat davon nichts gewusst. Erst Jahre später, 2019, erzählte er dem Magazin The FADER, wie er davon erfuhr, dass seine private Erzählung zu einem Titel auf einem der meistbesprochenen Alben des Jahrzehnts geworden war: „He never told me, he didn't tell me about that. I knew he was recording a lot, even the conversations everywhere during the process of the album.“

Aus der Aufnahme wurde „Facebook Story“, ein 68 Sekunden kurzes Interludium, Track zwölf der Streaming-Fassung. Kein Song im eigentlichen Sinn, sondern ein dokumentarischer Splitter mitten im Album: eine echte Stimme, ein echtes Gespräch, unwissentlich zum Baustein eines Werks geworden, das Millionen Menschen hören würden.

Was diese Szene über das ganze Album verrät, liegt genau in diesem Verfahren. Ocean sammelte während der vierjährigen Arbeit an „Blonde“ Gespräche, Zufälle, beiläufige Momente – und verwob sie mit komponierter Musik, bis die Grenze zwischen Aufnahme und Zufallsfund verschwimmt. „Facebook Story“ ist der Beleg dafür, dass diese Grenze nicht nur ästhetisches Konzept war, sondern buchstäblich eingesetzt wurde, ohne dass alle Beteiligten davon wussten.

Nur eine geprüfte Quelle

Die Geschichte wurde nach dem FADER-Bericht von mehreren weiteren Musikmedien aufgegriffen, was für eine breite Bestätigung des Kerngeschehens spricht, auch wenn im Rahmen dieser Recherche nur die FADER-Quelle im Volltext geprüft werden konnte. Was SebastiAn empfand, als er die Aufnahme zum ersten Mal auf dem fertigen Album hörte, ist nirgends überliefert.

Für einen Hörabend ist das ein seltener Fall: ein exakter Zeitpunkt im Ablauf, Track zwölf, an dem sich eine ganz reale, kleine Episode zwischen zwei Menschen in ein Weltalbum eingeschrieben hat – ohne dass einer der beiden das kommen sah.

02Wie Blonde entstand

Zwischen „channel ORANGE“ (2012) und „Blonde“ liegen vier Jahre, öffentlich nachvollziehbar über eine Reihe von Tumblr-Postings. Im Februar 2013 schrieb Ocean, er sei „10, 11 songs into this next thing“ und kündigte ein geplantes Studio auf Bora Bora an. Im April 2014 erklärte er, das Album sei fast fertig, und erwog, deshalb sogar einen Auftritt bei Coachella auszulassen. Im April 2015 postete er ein Foto gestapelter Exemplare eines Magazins namens „Boys Don't Cry“ mit dem Satz „I got two versions. I got twoooo versions“ und den Hashtags #JULY2015 und #ALBUM3 – der angekündigte Juli-Termin verstrich ohne Veröffentlichung. Im Mai 2016 nannte Chance the Rapper das noch unveröffentlichte Werk öffentlich ein „masterpiece“. Erst am 1. August 2016, kurz nach halb vier Uhr morgens Ostküstenzeit, tauchte auf Oceans Website mysteriöses Filmmaterial auf – der Beginn dessen, was sich zum Visual Album „Endless“ entwickeln sollte.

Die eigentliche Konstruktion, mit der Ocean seinen Vertrag bei Def Jam beendete, ist so ungewöhnlich, dass sie bis heute als Lehrstück gilt: „Endless“, veröffentlicht am 19. August 2016, erfüllte vertraglich die letzte noch geschuldete Albumverpflichtung. Nur einen Tag später erschien „Blonde“ – klanglich und thematisch verwandt, aber ein eigenständiges Werk mit eigener Songliste – komplett unabhängig unter dem selbstgewählten Label-Namen „Boys Don't Cry“, ohne dass Def Jam daran beteiligt war. Digital war das Album exklusiv über iTunes und Apple Music erhältlich, physisch gab es limitierte CD-Kopien, eingelegt in ein gleichnamiges Magazin, das bei Pop-up-Verkäufen in Chicago, London, Los Angeles und New York verteilt wurde.

Musikalisch begleitete ihn dabei weiterhin Malay (Malay Ho), der schon Hauptproduzent von „channel ORANGE“ gewesen war und als wichtigster musikalischer Vertrauter dieser Schaffensphase gilt; Tontechniker Jeff Ellis arbeitete durchgängig von 2012 bis 2016 mit Ocean. Zu den weiteren Mitwirkenden zählen unter anderem Jon Brion, Rostam Batmanglij, James Blake, Om'Mas Keith und Pharrell Williams als Produzenten sowie eine lange Liste an Gastbeiträgen: André 3000 auf „Solo (Reprise)“, Beyoncé auf „Pink + White“, Kim Burrell auf „Godspeed“, Amber Coffman von den Dirty Projectors auf „Nikes“, Alex G an der Gitarre, Jonny Greenwood am Streicherarrangement für „Seigfried“, und Kanye West als Co-Autor von „White Ferrari“.

Kim Burrell und „Godspeed“

Ein biografischer Bezug, den Ocean selbst herstellte: Schon 2010 hatte er auf Tumblr öffentlich seine Bewunderung für die Gospel-Sängerin Kim Burrell geäußert – „Church was the hood Julliard to me. All the coldest musicians came out of there. [Kim Burrell] in the video…summa cum laude.“ Sechs Jahre später holte er sie tatsächlich für „Godspeed“ ins Studio. Ocean sprach über den Entstehungsprozess selbst mit spürbarer Zuneigung: „I found it romantic, sometimes, editing this project“, und beschrieb die Aufnahmesituation als international verstreut: „Recording in Tokyo, NYC, Miami, LA, London, Paris. Stopping in Berlin to witness Berghain for myself.“

Eine Randnotiz, die in den Wochen der Veröffentlichung für Aufsehen sorgte, sollte hier richtiggestellt werden: In frühen Auswertungen der Liner Notes tauchte der Name David Bowie auf, der im Januar 2016 gestorben war, während „Blonde“ noch in Arbeit war – das nährte Spekulationen über eine musikalische Beteiligung aus dem Nachlass. Bowies Vertretung stellte jedoch klar, dass es zu keiner Zusammenarbeit gekommen war: „we could not work together“. Der Credit bezieht sich nach übereinstimmender Quellenlage auf ein Bowie-Foto im „Boys Don't Cry“-Magazin, nicht auf einen musikalischen Beitrag. In den eigentlichen Musik-Credits taucht Bowie nicht auf.

03Der Klang

Die ersten rund drei Minuten des Eröffnungstracks „Nikes“ singt Ocean mit hochtonig verzerrter, fast kindlich klingender Stimme – ein Effekt, den Billboard so beschrieb: „Its first three minutes are delivered in a pitched-up approximation of a child's voice, picking apart the hidden motives behind the wants and desires of his subject with a sweetly-concealed irony.“ Für den zweiten Vers wechselt er unvermittelt zu seiner „echten“ Stimme, „arriving suddenly for the second verse“.

Weniger als ein Drittel

Über weite Strecken des Albums bleibt die Produktion demonstrativ karg: Nach Einschätzung von AllMusic-Kritiker Andy Kellman enthält weniger als ein Drittel der Titel gleichzeitig Ocean's Stimme und einen vollständigen Beat im selben Raum. Das Magazin Consequence beschrieb den Gesamteindruck als „lo-fi confessionalism though the production is undoubtedly high-fi“ – eine bewusst rau wirkende Vertraulichkeit, technisch aber makellos umgesetzt. Dazu passen die Übergänge zwischen den Songs, die laut Consequence absichtlich unrund belassen wurden: „Blonde is full of rough transitions left that way on purpose.“ Auf „Self Control“ erzeugt mehrfach übereinandergelegter, mehrfach bearbeiteter Gesang laut AllMusic gezielt einen Eindruck von Agonie.

Zur konkreten Studiotechnik – welche Mikrofone, Vorverstärker oder Bandmaschinen bei den charakteristischen Pitch-Effekten zum Einsatz kamen – ließ sich in dieser Recherche nichts Belastbares finden; die einschlägigen Fachinterviews mit Malay und Toningenieur Jeff Ellis waren nicht im Volltext zugänglich. Belegt ist der hörbare Effekt, nicht die Technik dahinter.

Hörmoment

Facebook Story, 1:08

Das gesamte Interludium dauert nur 68 Sekunden. An seinem Ende steht die Stimme SebastiAns, ohne Musik, ohne Wissen um das, was aus ihr werden würde – eine der wenigen Stellen des Albums, an denen ein echtes, ungeschöntes Gespräch stehen bleibt, statt in einen Song überzugehen.

04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Kritiker beschreiben, wie Ocean Gastbeiträge grundsätzlich zurücknimmt, statt sie als Star-Momente zu inszenieren. Consequence formulierte es so: „Ocean prioritizes space and softness so that the weight of his influences can be felt via guests.“ André 3000, Beyoncé und Kim Burrell erscheinen als Stimmen im Gefüge, nicht als Aufmacher. Der Schlusstrack „Futura Free“, mit 9:24 Minuten mit Abstand der längste des Albums, wird von AllMusic als bewusst loser, fast dokumentarischer Ausklang gelesen, der die vorangegangene Verdichtung wieder auflöst und dabei Oceans „perverse sense of humor“ und seine Kritik am Musikgeschäft zum Ausdruck bringt.

Der Bruch bei 3:30 in „Nights“

Ein konkret belegter struktureller Angelpunkt liegt in „Nights“: Der Song wechselt bei rund 3:30 abrupt von einem treibenden Rap-Beat zu einem langsameren, synthlastigen zweiten Teil, textlich verbunden mit der Erinnerung an die durch Hurrikan Katrina erzwungene Umsiedlung von New Orleans nach Houston. Diese Stelle wird in Rezeption und Fandiskussion wiederholt als eine Art Mittelpunkt des Gesamtalbums beschrieben – die genaue Sekundenzahl schwankt zwischen den Quellen leicht, der Bruch selbst ist jedoch unstrittig.

Die Gegenstimme fehlt nicht: The Independent (UK) vergab nur 40 von 100 Punkten und kritisierte das Album als „a long, meandering ramble“ ohne „compelling melody“. Wer eine klar konturierte Songstruktur erwartet, wird bei „Blonde“ tatsächlich enttäuscht – das Album verweigert sich bewusst dem griffigen Refrain.

Eine kuriose Randnotiz gehört in dieses Kapitel, weil sie zeigt, wie schnell aus einem Missverständnis eine Legende wird: Wochenlang kursierte nach Erscheinen die Behauptung, David Bowie sei postum an „Blonde“ beteiligt gewesen. Tatsächlich war es, wie in Kapitel zwei ausgeführt, nur ein Foto im Begleitmagazin. Die Geschichte zeigt, wie stark ein einzelner missverstandener Credit die Wahrnehmung eines Albums prägen kann – unabhängig davon, was tatsächlich in der Musik steckt.

05Warum es einen Abend trägt

„Blonde“ verlangt Geduld auf eine Art, die selten geworden ist: siebzehn Titel, die bewusst nicht auf einzelne Hits hin gebaut sind, sondern auf einen durchgehenden Zustand aus Nähe, Rückblick und Unschärfe. Wer das Album als Ganzes hört, statt einzelne Titel herauszupicken, bekommt etwas, das sich im Streaming-Alltag kaum erschließt: eine Dramaturgie von der ironisch verzerrten Öffnung über den erinnerungsschweren Mittelteil bis zum losen, gesprächsartigen Schluss.

Dass dieser Ansatz aufging, bestätigt die Rezeption deutlich über den Erscheinungstag hinaus. „Blonde“ debütierte auf Platz eins der US-Billboard-200-Charts mit 276.000 Einheiten in der ersten Woche, davon 232.000 klassische Albumverkäufe und 65,4 Millionen Streams – der drittgrößte Chartstart des Jahres 2016 nach Drakes „Views“ und Beyoncés „Lemonade“. Der Metascore liegt bei 87 von 100 Punkten aus 38 Reviews, der Nutzerdurchschnitt bei 8,9. Pitchfork kürte das Album später zum besten der gesamten 2010er-Dekade, das Rolling-Stone-Magazin führt es auf Platz 79 seiner Liste der 500 größten Alben aller Zeiten.

Sein „Colin Kaepernick moment“

Auffällig ist zudem, wie konsequent Ocean sich institutioneller Anerkennung verweigerte: Er reichte weder „Blonde“ noch „Endless“ für die Grammys 2017 ein, obwohl die Frist zum Zeitpunkt seiner Entscheidung noch nicht abgelaufen war. Gegenüber der New York Times begründete er das mit grundsätzlicher Kritik: Die Grammys würden „just doesn't seem to be representing very well for people who come from where I come from, and hold down what I hold down“. Er selbst bezeichnete diesen Schritt als seinen „Colin Kaepernick moment“ – eine bewusste Verweigerung, kein Formfehler, wie eine andere, weniger belastbare Darstellung zeitweise nahelegte.

Wie hört sich ein Album an, das eine private Trennungsgeschichte, ohne Wissen des Erzählers, zu einem seiner leisesten Momente macht?